Mein „gefährliches“ Hobby und das Corona-Trauma

Muggensturm (as) – In der Serie „Vom Ton zum Klang“ berichtet BT-Redakteurin Anja Groß von ihrem Selbstversuch, Klarinette zu lernen und im Anfängerorchester des MV Muggensturm mitzuspielen. Wie kann es nach Corona weitergehen?

Erfahrungen mit dem Anfängerochester: Michael Krug vom Musikverein Muggensturm und BT-Redakteurin Anja Groß als Klarinettenschülerin berichten. Foto: Siegfried Schaaf

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Erfahrungen mit dem Anfängerochester: Michael Krug vom Musikverein Muggensturm und BT-Redakteurin Anja Groß als Klarinettenschülerin berichten. Foto: Siegfried Schaaf

Dann spielen wir jetzt mal Fis-Dur“, sagt Gerold Stefan. Ich bekomme Schweißausbrüche. Hatte ich vorher doch noch groß getönt, die Dur-Tonleitern könnte ich jetzt, muss mein Klarinettenlehrer wohl geahnt haben, dass ich nach dem bekannten Merksatz „Geh Du alter Esel hole Fische“ (der die Anzahl der jeweils zu spielenden Vorzeichen angibt) vorgehe. Aber wer fängt schon mit der schwierigsten Tonleiter (sechs! Vorzeichen) an?
Während ich also versuche, mir die Töne vorzusagen, purzeln sie in meinem Kopf alle durcheinander. Keine Chance. Na gut, denke ich, nicht mehr nachdenken, einfach spielen. Wagemutig fange ich an – und siehe da, es klappt sogar. „Und jetzt den Dreiklang“, dringt Stefans Stimme durch meine Wolke der Erleichterung.

Fragen vom Blasmusikverband

Warum kann ich mir das nicht merken? Es muss wohl mit dem Alter zusammenhängen. „Tausendmal geübt, tausendmal nichts hängen geblieben“, denke ich in Abwandlung eines bekannten Liedtextes. Obwohl, das stimmt ja auch wieder nicht. In mittlerweile drei Jahren Klarinettenunterricht und coronabedingt leider immer nur kurzen Episoden mit dem Anfängerorchester für Erwachsene (AfE) des Musikvereins Muggensturm habe ich viel gelernt. Das stelle ich auch rückblickend fest, als ich mich auf die Jahreshauptversammlung des Blasmusikverbands Mittelbaden, Bezirk Hardt, vorbereite. Die wollen von mir wissen, wie es einer erwachsenen Blasmusik-Anfängerin so ergeht. Immerhin: Von Sauerstoff-Zelt, Quietschtönen und geschwollenen Lippen wie am Anfang kann heute nicht mehr die Rede sein.

Doch Corona hat natürlich auch uns im Anfängerorchester des Musikvereins Muggensturm extrem ausgebremst. Hoffen wir, dass das im Bezirk Hardt bislang einzigartige Projekt nicht daran scheitert. Denn wie kommt man aus diesem „Corona-Blues“ mit Probenstopp und Unterrichtsverbot wieder heraus? Das beschäftigt beim Treffen in Elchesheim-Illingen auch die Vorsitzenden und Jugendleiterinnen der 16 im Bezirk Hardt organisierten Musikvereine. Und vor allem: Ist Corona jetzt vorbei oder geht es nächsten Herbst wieder los? Schließlich gilt Blasmusik (neben Singen) seit Auftreten der Coronaviren Anfang 2020 plötzlich als extrem gefährliches Hobby, Stichwort: Aerosole.

Ermüdungserscheinungen in Corona-Zwangspause

Vor allem der jugendliche Nachwuchs „lahmt“ coronabedingt, werden bei dem Treffen die geringen Anmeldungen zum Jungmusikerleistungsabzeichen als Warnsignal gedeutet. „Mittelfristig drohen Nachwuchsprobleme“, nimmt Bezirksdirigent Albert Fehler kein Blatt vor den Mund.

„Das Abzeichen zu machen, ist durchaus auch für Erwachsene interessant“, berichtet Elisabeth Breitlow (Musikverein Iffezheim) von Erfahrungen aus ihrem Verein. Ich verstehe die Ansage und muss lachen. Denn auch mein Klarinettenlehrer bohrt diesbezüglich schon seit geraumer Zeit. „Nein, das brauche ich in meinem Alter wirklich nicht mehr, wozu soll ich mir das antun?“ – Meine erste Reaktion auf dieses Ansinnen war Ablehnung pur, erzähle ich den Vereinsvorsitzenden und Jugendleiterinnen.

Damit sind wir schon mitten in der Diskussion. „Das ist doch Herausforderung und neue Motivation“, haben die eine ganz andere Sichtweise. Stimmt schon. Vor allem, weil ich nach der langen Corona-Pause tatsächlich „Ermüdungserscheinungen“ bei mir feststelle. Täglich üben? Immer öfter beantworte ich mir selber diese Frage mit einem: „Ach, morgen reicht auch.“ Da grinsen viele und nicken. Das Problem scheint bekannt. Dabei habe ich lange eisern durchgehalten. Doch es fehlt tatsächlich die Aufgabe, auf die man hinarbeitet, und seien es nur die wöchentlichen Musikproben.

Anfängerorchester pausiert weiter

Die haben bei den Musikvereinen nun wieder begonnen. Das Anfängerorchester für Erwachsene pausiert weiter. Zum einen haben wir gerade keinen Dirigenten, zum anderen wird immer noch das „Probelokal“, die Wolf-Eberstein-Halle in Muggensturm, saniert. Und um durch erneute Absagen und Terminverschiebungen das Orchester nicht ganz auseinanderzubringen, will der Verein das Projekt noch nicht wieder starten. Damit schildert Ausbildungsleiter Michael Krug an diesem Abend eine Schwierigkeit aus Vereinssicht: Dirigenten- und auch Ausbilderwechsel, die nicht so leicht aufzufangen sind, weil beide nicht gerade Schlange stehen.

Dem gegenüber stehen mehr Motivation und Ehrgeiz beim Üben, berichtet Michael Krug vom Unterschied zu jungen Anfängern. Dafür spielen die unbefangener, sagt er, würden nicht ständig darüber nachdenken, sich bloß nicht zu blamieren. Das sehr unterschiedliche Ausbildungsniveau war natürlich anfangs für Dirigent Peter Müller eine Herausforderung: Wie bringt man das auf ein musikalisches Niveau? Ich kann nur sagen: Er hat das bis zu unserem ersten Auftritt beim Adventskonzert des Musikvereins 2019 sehr gut hinbekommen.

Solche Erfolgserlebnisse waren seitdem nicht möglich. Dabei motivieren sie ungemein, wie Musiker- und AfE-Kollege Thomas Klehr (Musikverein Wintersdorf) erzählt. Er hat kürzlich beim Konzert im Hauptorchester mitgespielt. „Das war einfach toll, als dann alle applaudiert haben“, sagt er, strahlt mich an, und rät: „Probier es!“

Ja, irgendwas muss passieren, ahne ich, sonst liegt die Klarinette bald unbenutzt in ihrem Koffer. Leistungsabzeichen? Orchester? Auch mir hat der Abend bei den Blasmusikern Denkanstöße gegeben ...

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