Menschen mit Behinderung fit für den Alltag machen

Rastatt (stn) – Damit Menschen mit Behinderung die notwendigen Fähigkeiten für ein ambulant betreutes Wohnen lernen können, gibt es ein ambulantes Verselbständigungstraining.

Ambulant statt stationär: Das Training soll Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung auf ein möglichst selbstständiges Wohnen vorbereiten. Foto: Seeger/dpa

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Ambulant statt stationär: Das Training soll Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung auf ein möglichst selbstständiges Wohnen vorbereiten. Foto: Seeger/dpa

Der Sozialausschuss des Kreistags hat in seiner jüngsten Sitzung einstimmig die Fortführung des Projekts „Ambulantes Verselbständigungstraining“ (AVT) beschlossen. Aufgrund des bisherigen positiven Projektverlaufs und des Umstandes, dass ohne das AVT nahezu alle der derzeit privat wohnenden Menschen mit Behinderung künftig eine stationäre Wohnversorgung benötigen, soll das Projekt ab 1. Juli verlängert und bis vorerst 30. Juni 2024 durchgeführt werden.
In der Regel werden privat wohnende Menschen mit Behinderung durch Angehörige – meistens von den Eltern – betreut. „Da sie dadurch weiterhin in ihrem vertrauten Umfeld wohnen, leistet das private Wohnen einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe“, erklärte der Sozialamtsleiter des Landratsamts Rastatt, Jürgen Ernst, in der Sitzung des Sozialausschusses. Außerdem stelle es regelmäßig auch die in finanzieller Hinsicht günstigste Wohnversorgung dar.

„Können die Angehörigen jedoch die Betreuung aufgrund ihres Alters und ihrer gesundheitlichen Einschränkungen nicht mehr erbringen, sind die Betroffenen aufgrund der langjährigen intensiven Begleitung durch das Elternhaus oft nicht in der Lage, in einer ambulanten Wohnform möglichst selbstständig zu leben und müssen in ein stationäres Wohnangebot aufgenommen werden“, erläutert Ernst. Damit die Menschen mit Behinderung die notwendigen Fähigkeiten für ein ambulant betreutes Wohnen lernen und trainieren können, hat der Ausschuss für soziale Angelegenheiten am 1. Dezember 2015 der Einrichtung des „Ambulanten Verselbständigungstrainings“ zugestimmt.

Anpassung stufenweise

Dabei soll möglichst vielen Menschen mit Behinderung nach einem notwendigen Auszug aus dem privaten Wohnen eine selbstständige Lebensführung ermöglicht und der Loslösungsprozess zwischen Eltern und Kind unterstützt werden. Wie aus den Ausschussunterlagen hervorgeht, ist es primäres Ziel des Projekts, Menschen mit Behinderung den späteren Übergang in eine ambulante Wohnform zu ermöglichen und eine stationäre Aufnahme in einer besonderen Wohnform zu vermeiden.

Im Verlauf des AVT sind verschiedene Schulungs- und Trainingsinhalte vorgesehen. Diese umfassen die Bereiche „alltägliche Lebensführung und Basisversorgung“ (wie etwa Einkaufen, Kochen und Hygiene), „Umgang mit Krisen und Notfällen“, „Gestaltung sozialer Beziehungen“, „Freizeitgestaltung“ sowie „Mobilitätstraining“.

Das AVT dauert maximal 24 Monate. Danach sollen die Teilnehmenden in der Lage sein, in einer ambulanten Wohnform zu leben. Die Betreuungsintensität wird während der Maßnahme stufenweise angepasst, um die Beteiligten an eine selbstständige Lebensführung heranzuführen.

Ein weiterer Punkt, der für die Fortführung des Projekts spreche, seien laut Ernst auch die finanziellen Auswirkungen. Beim Vergleich der Aufwendungen, die entstehen, wenn der Betroffene aus seiner Familie in eine andere Wohnform (in das ambulant betreute oder in das stationäre Wohnen) wechselt, zeige sich, dass die Kosten einer Versorgung im ambulant betreuten Wohnen monatlich um rund 1039 Euro unter denen einer Versorgung in einer stationären Wohnform liegen (Kosten für stationäres Wohnen: 2.736 Euro pro Monat; Kosten für ambulant betreutes Wohnen: 1.697 Euro pro Monat). Hochgerechnet auf die Laufzeit des AVT belaufe sich diese Differenz nach den derzeitigen durchschnittlichen Vergütungssätzen auf 24.946 Euro.

Die Kosten des AVT belaufen sich für die gesamte Laufzeit von 24 Monaten auf maximal 5.880 Euro (monatlich 245 Euro). Sofern im Einzelfall aufgrund der vorhandenen Fähigkeiten nicht alle Schulungsinhalte trainiert werden müssten, reduziere sich dieser Betrag entsprechend. „Demnach amortisieren sich die Kosten des AVT bei einem anschließenden Wechsel in das ambulant betreute Wohnen aufgrund der Ersparnis gegenüber einer Versorgung in einer stationären Wohnform nach weniger als sechs Monaten“, so Ernst.

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Erstellt:
16. Juli 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 40sec

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