Mercedes-Werk in Rastatt lässt Hunderte Zeitverträge auslaufen

Rastatt/Kuppenheim (tas) – Etwa 600 Leiharbeitskräfte im Rastatter Mercedes-Benz-Werk sollen zum Monatsende ihre Tätigkeit beim Autobauer verlieren. Das teilte der Betriebsrat vor Ort mit.

Produktion im Mercedes-Benz-Werk Rastatt. Hier arbeiten mehr als 6.500 Beschäftigte, aber auch Hunderte Leiharbeiter. Foto: Daimler

© Daimler AG

Produktion im Mercedes-Benz-Werk Rastatt. Hier arbeiten mehr als 6.500 Beschäftigte, aber auch Hunderte Leiharbeiter. Foto: Daimler

Die Stimmung beim Betriebsrat im Mercedes-Benz-Werk ist angespannt. „Es ist eine riesige Schweinerei“, sagt Matthias Bressler-Bieth, Betriebsratsmitglied und Mitglied einer Verhandlungskommission, die am Standort für den Verbleib von rund 600 Leiharbeitskräften kämpft.
Diese sollen mit Ablauf des 30. Septembers ihren Arbeitsplatz räumen. Der Betriebsrat sieht sich bei dieser Entscheidung übergangenen. Bressler-Bieth: „Seit 24 Jahren bin ich im Betriebsrat, doch so etwas habe ich noch nie erlebt.“ Unter den auf Zeit eingesetzten Kollegen, die vom Personaldienstleister Dekra kommen, seien auch solche, die bereits seit 2017 auf eine unbefristete Festanstellung bei Daimler hofften. Laut Betriebsrat stünden knapp 400 Leiharbeitskräfte zur Übernahme an, doch dazu wird es erst einmal nicht kommen.

„Mit Blick auf die Programmplanung der nächsten Monate können nicht alle Zeitarbeitskräfte im Werk Rastatt weiterbeschäftigt werden“, sagt dazu ein Daimler-Sprecher auf Anfrage des Badischen Tagblatts. „Die Verträge mit den betroffenen Zeitarbeitskräften laufen daher wie vereinbart am 30.9.2021 aus. Die Stammbelegschaft ist davon nicht betroffen.“

Das sehen die Arbeitnehmervertreter anders. Durch die Freisetzung der Leiharbeiter würden auch die Schichten der Stammbelegschaft durcheinandergewirbelt – das bedeute am Ende Einkommensverluste für bestimmte Kollegen, da sie Zulagen verlören. Selbst im Mercedes-Presswerk in Kuppenheim seien diese Umstrukturierungen zu spüren. „Es zieht einen riesigen Rattenschwanz hinter sich her“, sagt Murat Sür, der Betriebsratschef im Werk Rastatt.

Er spricht von einem Drehtüreffekt und von der fehlenden sozialen Verantwortung der Werksleitung. Für die Leiharbeitskräfte bedeute der „Rausschmiss“ de fakto, bei einem späteren Einsatz am Standort wieder bei Null anfangen zu müssen. „Man wird das Gefühl nicht los, dass dies von langer Hand geplant war.“

„Mit brachialer Härte“


Gesetzlich ist vorgesehen, dass ausgeliehene Arbeitskräfte maximal 18 Monate am Stück bei ein und demselben Unternehmen zum Einsatz kommen dürfen. Danach muss ihnen der ausleihende Betrieb eine Übernahme anbieten. Wird die Einsatzzeit allerdings drei Monaten lang unterbrochen, beginnt die Uhr von vorne zu ticken.

Auch der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrat von Daimler, Michael Brecht, kritisiert das Verhalten der Standortleitung in Rastatt. „Zum wiederholten Male wird versucht, einseitig und mit brachialer Härte viele Kolleginnen und Kollegen vor die Tür zu setzen, die seit fast vier Jahren ihr Bestes für den Stern geben und im nächsten Frühjahr auf eine Übernahme gehofft haben. Das erweckt den Anschein, dass die Standortleitung Übernahmen langjähriger Leiharbeitnehmer verhindern will“, äußert er sich in einer Mitteilung.

Brecht weiter: „Für mich ist klar: Die Halbleiterproblematik ist eine vorübergehende Erscheinung. Wir werden froh sein, wenn uns unsere Kolleginnen und Kollegen aus der Leiharbeit auch zukünftig unterstützen und damit auch eine Chance bekommen, in die Stammbelegschaft übernommen zu werden. Die kurze Durststrecke hätten wir anders – besser und kompromissbereiter – durchstehen können“, meint er.

Das Werk in Rastatt hatte aufgrund fehlender elektronischer Bauteile in den vergangen Monaten bereits mehrmals Kurzarbeit beantragen und die Produktion drosseln müssen. Ungeachtet dessen sei die Auftragslage des Autobauers im mittelbadischen Werk „bombig“, wie Betriebsrätin Anna Große-Schulte sagt. Der Arbeitgeber gefährde mit seinem Verhalten einen möglichen Hochlauf der Produktion im kommenden Jahr.

Bressler-Bieth kündigt nun Gegenwehr gegen die Pläne der Werksleitung an: „Die Forderung des Betriebsrates ist eindeutig: Entweder der Arbeitgeber bekennt sich zu seiner sozialen Verantwortung und steht zu den getroffenen Vereinbarungen, oder es droht eine lange Durststrecke für die Werksleitung.“ Das habe der Arbeitgeber nun selbst in der Hand. „Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“

Ihr Autor

BT-Redakteur Tobias Symanski

Zum Artikel

Erstellt:
23. September 2021, 18:49 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 45sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.