Messi: Geld heilt alle Wunden

Baden-Baden (rap) – In Barcelona hätte Lionel Messi zur Klub-Ikone aufsteigen können. Stattdessen wählt er den Weg des Geldes. Mit diesem Thema beschäftigt sich in dieser Woche die BT-Sportkolumne.

Lionel Messi weint bei der Abschieds-PK vom FC Barcelona bittere Tränen und hat keine 72 Stunden später sein Lachen in Paris wieder gefunden. Foto: Joan Monfort/AP

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Lionel Messi weint bei der Abschieds-PK vom FC Barcelona bittere Tränen und hat keine 72 Stunden später sein Lachen in Paris wieder gefunden. Foto: Joan Monfort/AP

Natürlich musste es so kommen. Sie gehören nunmal zum guten Ton einer jeden Abschieds-Pressekonferenz: Tränen. Gefolgt vom Griff zum Taschentuch. Einem Moment der Stille. Und schließlich einem melancholischen Seufzer. So überkam auch Lionel Messi an jenem Sonntagmittag, dem 8. August, im „Auditori 1899“ im Camp Nou, also eben jener denkwürdigen Spielstätte, die in den vergangenen zwei Dekaden weit mehr als nur sein Wohnzimmer sein sollte, die Wehmut. Der Abschiedsschmerz setzte ein.

Die Tränen flossen, die Augen röteten sich. Als der 34-jährige Superstar sich nach einigen Momenten dann doch wieder sammelte, stammelte er mit brüchiger Stimme: „Ich habe große Trauer, weil ich diesen Club, den ich liebe, verlassen muss und nicht damit gerechnet habe. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal verabschieden muss, doch nun ist dieser Tag da.“

Messi und Barca, das passte einfach. Ein eingespieltes Team. Wie Siegfried und Roy. Seine Manege: Camp Nou. Und er, „La Pulga“ (der Floh), führte als Dompteur im blau-roten Dress mit der magischen 10 auf dem Rücken reihenweise Kunststücke mit den bemitleidenswerten Gegnern auf. 672 Tore erzielte Messi in 778 Pflichtspielen für den FC Barcelona, heimste 35 Titel ein, trug 21 Jahre das Trikot der Katalanen. Als 13-Jähriger kam er in die Talentschmiede „La Masia“ – der Rest ist Geschichte.

Verpasste Chance für den „Heiligen Lionel“

Als der Argentinier nun eben jene salbungsvollen Worte sprach, hatte es den Anschein, als würde da jemand vom Hof gejagt. Mit Schimpf und Schande. Schließlich, so wurde es in den Medien kommuniziert, habe er, also Messi, alles dafür getan, bei seinem Herzensverein bleiben zu können. Gar auf 50 Prozent seines Gehalts hätte er verzichtet, ließ sein Vater Jorge, zugleich auch Berater, prompt wissen. „Wir haben alles versucht, ich wollte bleiben“, bekräftigte auch Messi. Sicherlich, das ist der eine Teil der Wahrheit.

Der andere ist: Der sechsmalige Weltfußballer wurde vom mittlerweile mit 1,35 Milliarden Euro verschuldeten Herzensverein fürstlich entlohnt. Anfang des Jahres veröffentlichte „El Mundo“ die Gehaltsabrechnung der vergangenen fünf Jahre. Schier unglaubliche 511 Millionen Euro überwiesen die stolzen Katalanen ihrem Superstar – macht nach Adam Riese also über 100 Millionen Euro pro Saison. Da kann man mal generös beim neuen Vertrag auf 50 Prozent verzichten, zumal das Vermögen des 1,70 Meter kleinen Dribbelkönigs auf rund 600 Millionen geschätzt wird.

Man stelle sich nur mal folgendes Szenario vor: Lionel Messi hätte am 8. August nicht seinen Abschied, sondern seine Vertragsverlängerung bekannt gegeben – für einen obligatorischen Euro. Na gut, machen wir eine Million draus. Barcelona wäre Kopf gestanden, die Anhänger in die Sagrada Familia gepilgert um Kerzen für ihren Heiligen Lionel anzuzünden.

40 Millionen helfen, den Schmerz zu vergessen

Nun gut, solche Träume sind in der Gelddruckmaschine Profi-Fußball längst passé. Das beste Beispiel hierfür gab Messi nur 48 Stunden nach seiner tränenreichen Abschiedsvorstellung in Katalonien auf geradezu beeindruckend bizarre Art und Weise selbst. Ausgerechnet in der Stadt der Liebe fand der Argentinier wieder sein strahlend weißes Lächeln. Von einem Balkon thronend, grüßte er seine neuen Jünger, die, nach der Ankunft des Messi(as) gleich die Straßen vor dem Hotel säumten und ihrem Heiland huldigten. Und dessen Botschaft, auf seinem T-Shirt mit schwarzen Lettern versehen, war unmissverständlich: „Hier ist Paris.“ „Ich danke den Parisern, es ist Wahnsinn seit meiner Ankunft. Das ist das i-Tüpfelchen“, sagte Messi. Nun wieder mit einer festen Stimme und einem breiten Grinsen im Gesicht. Ein Stich ins Herz für jeden Barcelona- und Messi-Fan.

Noch am Abend folgte die Bestätigung des Mega-Deals: Lionel Messi schließt sich der Weltauswahl rund um Kylian Mbappé, seinem Kumpel Neymar, Angel di Maria und Sergio Ramos an. Natürlich wird der 34-Jährige auch an der Seine fürstlich entlohnt. 40 Millionen streicht „La Pulga“ per anno ein, dazu dürfte ein Handgeld kommen in mindestens der gleichen Preisklasse. So lässt sich der Abgang vom Herzensverein verschmerzen.

„Der Klub und seine Vision harmonieren perfekt mit meinen Ambitionen“, sagte Messi. Der Klub, das ist das milliardenschwere Projekt von Katari Nasser Al-Khelaifi, endlich mit Paris St. Germain die Champions League zu gewinnen. Koste es, was es wolle. Denn Geld spielt im Khelaifi-Kosmos keine Rolle. Statt für einen der größten und ruhmreichsten Fußballvereine der Geschichte weiter auf Torejagd und schließlich Unsterblichkeit zu erlangen, streift sich Messi nun das Trikot eines durch und durch traditionslosen und mit Scheich-Millionen alimentieren Retortenklub an.

„Seit meiner Ankunft hier empfinde ich großes Glück. Ich genieße die Zeit in Paris wirklich, ich möchte einen Neuanfang in meinem Leben“, sagte Messi bei der pompösen und durchinszenierten offiziellen Pressekonferenz. Worte, die man eher nach einer bitter-bösen Scheidung sagt.

Seine alte Liebe war da längst vergessen. Ausgerechnet in der Stadt der Liebe. Geld heilt eben doch alle Wunden.

Ihr Autor

BT-Redakteur Christian Rapp

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Erstellt:
19. August 2021, 12:30 Uhr
Lesedauer:
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