Michael Bischof: Der Mann für den KSC-Nachwuchs

Karlsruhe (ket) – Michael Bischof ist seit Sommer Sportlicher Leiter des Nachwuchs-Leistungszentrum des Karlsruher SC. Im Interview spricht der 29-Jährige über seine Arbeit und die Talentejagd.

Ist seit fünf Monaten der Sportliche Leiter des KSC-Nachwuchs-Leistungszentrums: Michael Bischof. Foto: Markus Gilliar/GES

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Ist seit fünf Monaten der Sportliche Leiter des KSC-Nachwuchs-Leistungszentrums: Michael Bischof. Foto: Markus Gilliar/GES

Als aktiver Spieler durchlief Michael Bischof die Nachwuchs-Leistungszentren von Eintracht Frankfurt, 1860 München und der SpVgg Greuther Fürth. Danach studierte er Sportwissenschaft am KIT in Karlsruhe. Beim Karlsruher SC assistierte er ab 2016 zwei Jahre lang Lukas Kwasniok in der U-19-Bundesliga ehe er zur Saison 2018/2019 als verantwortlicher Cheftrainer die Karlsruher U 17 coachte. Nach einem Jahr in Diensten der TSG Hoffenheim II als Videoanalyst kehrte der gebürtige Unterfranke im Sommer als Sportlicher Leiter des KSC-Nachwuchs-Leistungszentrums (NLZ) zurück in den Wildpark. BT-Redakteur Frank Ketterer sprach mit dem 29-Jährigen über seine Arbeit und seine Ziele.

BT: Herr Bischof, Sie sind seit 1. Juli Sportlicher Leiter des KSC-Nachwuchs-Leistungszentrums. Wie fällt die Bilanz Ihrer ersten fünf Monate aus?

Michael Bischof: Grundlegend positiv. Die Dinge, die uns besonders wichtig waren, haben wir weitgehend so in die Wege geleitet und vorangetrieben, dass wir mittlerweile positive Ergebnisse haben, auf denen wir nun weiter aufbauen können.

BT: Von Dingen welcher Art sprechend Sie da?

Bischof: Wir haben unter anderem den Bereich Spielanalyse komplett neu aufgebaut und mit Julian Schwarz, der auch die U 16 trainiert, einen Kopf installiert, der diesen Bereich leitet. Außerdem haben wir fünf Praktikanten dazugewonnen und damit von der U 14 bis zur U 19 je einen Spielanalysten pro Team. Mittlerweile filmen wir jede Partie und mindestens eine Trainingseinheit pro Woche, die dann im Anschluss auch mit Hilfe unserer Datenbank analysiert werden. Dementsprechend sind wir im Bereich Individual-, Gruppen- und Mannschaftsanalyse richtig gut unterwegs. Bei der U 17 und U 19 haben wir zudem auch die Gegneranalyse optimiert. In diesen Bereichen sind wir auf einem Niveau, das sich auch mit den ganz großen Vereinen messen lassen kann. Auch im Bereich Scouting haben wir mit Sandro Sitter einen neuen Mitarbeiter dazubekommen, der die Strukturen im Scouting in Zusammenarbeit mit Pascal Huber und mir ziemlich neu aufgerollt hat. Ziel ist es, möglichst viele Spieler, die bei uns sind, auch bei uns zu halten und uns situativ zu verstärken. Auch da sind wir mittlerweile gut und flächendeckend aufgestellt und haben dadurch auch schon Spieler für uns gewinnen können, die auch bei anderen Vereinen auf dem Schirm waren, einfach weil wir früher dran waren. Hinzu kommt, dass wir eine klare Linie entwickelt haben, wie wir mit Probespielern verfahren, an denen wir Interesse haben.

BT: Nämlich?

Bischof: Wir zeigen ihnen die sportliche Perspektive auf. Sie bekommen einen Rundgang durch den Wildpark und auch etwas vom Stadion zu sehen. Wir kümmern uns einfach darum, dass die jungen Spieler sich wohl fühlen und ein Gefühl dafür bekommen, was hier für Menschen unterwegs sind.

BT: Das alles klingt, als sei Fußball schon im Alter von 14 Jahren nicht mehr nur ein Spiel...

Bischof: Das ist ein schmaler Grat. Natürlich muss die Orientierung am Profibereich stattfinden, schon weil man einen Vergleichswert und ein Ziel braucht, auf das man hinarbeitet. Aber es ist nicht so, dass ein U-14-Spieler stundenlange Analysen über sich ergehen lassen muss. Die Jungs werden vielmehr darauf vorbereitet und hingeführt.

BT: Wie sehr hat Corona Sie bei Ihrer Arbeit ausgebremst?

Bischof: Vor allem die Wochenenden haben sich verändert, weil die Ligaspiele weggefallen sind. Das wiederum macht es schwierig, die Motivation dauerhaft oben zu halten.

BT: Wie viele Nachwuchskicker verteilt auf wie viele Mannschaften tragen derzeit das KSC-Trikot?

Bischof: Wir haben von der U 19 bis zur U 10 jedes Team besetzt, wobei die U 19 momentan ein Doppeljahrgang ist mit allein 25 Spielern. Alles in allem kommen wir so auf rund 160 Spieler.

BT: Wie versuchen Sie die Jahrgänge, die derzeit nicht trainieren dürfen, bei der Stange zu halten?

Bischof: Zum Teil machen wir Training am Bildschirm mit ihnen. Die Jungs bekommen zum Beispiel Technik- oder Jonglieraufgaben, die sie üben müssen und die auch abgetestet werden. Die schon etwas Älteren bekommen zudem auch athletische Aufgaben gestellt.

Moralisch bisweilen grenzwertig

BT: Wie sehr müssen Sie befürchten, dass Ihnen und damit dem Fußball allgemein durch die Corona-Pause Talente verloren gehen?

Bischof: Der erste Lockdown hat gezeigt, dass die Jungs danach eins zu eins wieder am Start waren, eben weil wir uns auch in der Pause intensiv um sie gekümmert haben. Was man nicht abschätzen kann, ist, wie diese Pausen sich auf ihre Entwicklung auswirken. Ich glaube schon, dass dieser fehlende Wettkampf gerade im Training auf Dauer ein Problem darstellen kann. Die Jungs können im Moment ja noch nichtmal bolzen gehen.

BT: Herr Bischof, wie hart ist der Kampf um die Talente?

Bischof: Der ist brutal. Wobei die Vereine unterschiedlichst damit umgehen. Es gibt Vereine, die respektieren die Arbeit, die an einem anderen NLZ gemacht wird. Das heißt, wenn ein Verein Interesse an einem unserer Spieler hat, informiert er uns, bevor er den Spieler kontaktiert. Die Regel ist aber, dass dies hinter dem Rücken des abgebenden Vereins geschieht. Man kriegt das dann erst mit, wenn die Eltern zu uns kommen und sagen: Verein X oder Y hat uns angerufen und zu einem Probetraining eingeladen. Das ist einerseits moralisch grenzwertig. Zum anderen passiert da bei den Jungs ja auch etwas im Kopf. Die fangen dann an, sich mit Themen zu beschäftigen, die ihrer Entwicklung nicht förderlich sind, eben weil es sie ablenkt. Hinzu kommt, dass die Identifikation mit den Vereinen verloren geht. Wer sich wiederum nicht mit dem Verein identifiziert, bei dem er gerade spielt, gibt auch nicht jene 100 Prozent, die du geben musst, um dich zu entwickeln.

BT: Sie sprechen jetzt von Spielern, die schon beim KSC sind und von anderen Klubs abgeworben werden. Wie ist es bei Talenten, die noch bei irgendeinem Dorfverein kicken und entdeckt werden?

Bischof: Das sind ja meist die jüngeren Jahrgänge. Da läuft dann sehr viel über die Eltern. Die werden von den Scouts vor Ort, manchmal während eines Spiels oder danach, kontaktiert. Manchmal sprechen sie die Jungs auch selbst an. Die Art und Weise, wie das bisweilen abläuft, ist mehr als fragwürdig, aber eben dem Umstand geschuldet, dass der Kampf um die Talente sehr groß ist.

BT: In welchem Alter fängt das an?

Bischof: Wir haben ab der U 10 Mannschaften und ein Perspektivteam der U 9. In diesen Altersbereichen scouten wir auch bereits, allerdings nur im Stadtkreis, also im ganz engen Karlsruher Raum.

BT: Mit welchen Vereinen buhlt der KSC um die Gunst der Talente? Bekannt ist, dass die TSG Hoffenheim und der VfB Stuttgart sehr aktiv sind...

Bischof: Das ist richtig. Aber auch das Bemühen von Eintracht Frankfurt nimmt immer mehr zu, gerade in den älteren Jahrgängen, also U 13, 14 und 15. Bei den ganz Kleinen ist es eher regional bezogen, da sind wir noch relativ allein, auch weil die NLZ in Hoffenheim und Stuttgart noch gar keine U 10 oder U 11 haben. Die fangen erst mit der U 12 an, intensiv zu scouten, teilweise auch bei uns. Da wird’s dann schon aggressiver. Wenn wir ein U-12- oder U-13-Spiel haben, stehen bei uns immer die üblichen Verdächtigen draußen, die Spiel und Spieler beobachten, also Hoffenheim und Stuttgart, aber auch Frankfurt, Dortmund oder die Bayern. Die großen NLZ wie etwa Leipzig haben für jede Region einen Scout. Und die sind, wie erwähnt, unterschiedlich unterwegs. Manche sprechen erst mit uns. Andere sprechen die Jungs noch auf dem Weg vom Platz in die Kabine an. Aber das geht so nicht, das sind schließlich Kinder.

Hat alle Jugendmannschaftten des KSC-NLZ durchlaufen und ist seit vergangner Saison fester Bestandteil im Profikader des Zweitligisten: Dominik Kother (links). Foto: Marvin Ibo Güngör

© GES/Marvin Ibo GŸngšr

Hat alle Jugendmannschaftten des KSC-NLZ durchlaufen und ist seit vergangner Saison fester Bestandteil im Profikader des Zweitligisten: Dominik Kother (links). Foto: Marvin Ibo Güngör

BT: Wie handhabt es der KSC? Wie sucht und findet der KSC seine Stars von morgen?

Bischof: Wir haben natürlich auch Scouts. Aber wir kontaktieren grundsätzlich zunächst den Verein und sprechen erst dann den Spieler bzw. seine Eltern an und laden sie zu einem Probetraining ein. Dabei zeigen wir ihm auch die sportliche Perspektive auf und stellen ihm vor, wie wir hier ausbilden und wie sein Weg bei uns aussehen könnte.

BT: Kapiert das ein 13-Jähriger – oder ist dem nicht einfach wichtig, zu einem möglichst namhaften Erstligisten zu kommen, am besten zu einem, der in der Champions League spielt, statt zu einem derzeit eher mittelmäßigen Zweitligisten?

Bischof: Das ist auf jeden Fall ein Thema, keine Frage. Aber zum einen sind die Eltern dabei. Zum anderen versuchen wir, sehr, sehr deutlich rüberzubringen, was man von so einer NLZ-Karriere erwarten kann und was eher Schall und Rauch ist. Und dabei weisen wir auch darauf hin, dass es manchmal besser ist, zu einem Zweitligisten zu gehen, weil da der Schritt von der U 19 in die Profimannschaft nicht ganz so extrem ist wie bei einem Europa-Legaue- oder Champions-League-Teilnehmer.

„Bei uns gibt es immer ein ehrliches Feedback“

BT: Warum sollte ein Talent ausgerechnet zum KSC gehen?

Bischof: Weil wir hier eine höchst individuelle Ausbildung bieten. Und weil wir auch im zwischenmenschlichen Bereich punkten können. Wir versuchen, die Jungs dort abzuholen, wo sie sind. Dass dabei der Leistungssport im Fokus steht, versteht sich von selbst. Aber wir wollen ihn altersgerecht präsentieren. Bei uns gibt es immer ein ehrliches Feedback. Fachlich unterscheiden sich die NLZ ohnehin nur in Nuancen – und auch da sind wir nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit dem KIT bestens aufgestellt.

BT: Bei der TSG Hoffenheim kümmern sich 50 hauptamtliche Mitarbeiter um die rund 150 Nachwuchsspieler des Jugendleistungszentrums. Was kann der KSC dem entgegensetzen?

Bischof: Auf den strategisch wichtigen Positionen sind wir schon auch sehr gut mit Hauptamtlichen besetzt. Und wenn man einen U-13-Trainer hat, der das zwar nicht hauptberuflich macht, dafür aber am KIT studiert, dann ist das schon auch nicht schlecht. Die machen das alle mit verdammt viel Fachkompetenz und, genauso wichtig, Herzblut.

BT: Welche Rolle spielt schon in der Jugend das Geld?

Bischof: Das ist ganz unterschiedlich. Bei uns gibt es nichts, außer einem kleinen Taschengeld, das im Rahmen der Förderverträge vorgesehen ist, die man ab der U 16 schließen kann. Bei anderen Vereinen mag das deutlich mehr sein, aber bei uns ist es wirklich nur ein marginaler Betrag, weil wir der Ansicht sind, dass die Jungs nicht bei uns Geld verdienen sollten, sondern dann, wenn sie bei den Profis sind.

BT: Wie sieht es mit anderen Verlockungen wie zum Beispiel Mofas aus?

Bischof: Manche Vereine locken mit Vorteilen oder Gefälligkeiten. Oder es gibt schon richtig Geld für den Junior. Aber das ist meiner Meinung nach nicht die Regel. Die meisten Vereine haben das Wohl des Spielers im Sinn. Wobei man klar sagen muss: Wenn es um die Top-Talente eines Jahrgangs geht, wird mit harten Bandagen gekämpft, die teilweise nicht vertretbar sind.

Auf Weg zum Profi kann eine Menge passieren

BT: Als wie wichtig wird dabei die schulische und berufliche Ausbildung erachtet?

Bischof: Das ist ein zentraler Punkt. Wir haben dafür eigens einen Pädagogen und einen Psychologen im Team, die gezielt für diese ganzheitliche Betreuung da sind. Da geht es darum, wie man den für den jeweiligen Spieler bestmöglichen Schulabschluss hinbekommt und wie es nach der Schule weitergeht. Was das anbelangt, haben wir auch immer die Noten und Zeugnisse von jedem Spieler auf dem Schirm. Das ist uns wichtig – und wir haben Erfolg damit: In der U 19 gibt es keinen Spieler, der nach der Schule nicht eine Ausbildung, ein Studium oder ein Praktikum begonnen hat.

BT: Der KSC lässt sich seine Nachwuchsarbeit rund zwei Millionen Euro pro Saison kosten. Ist das ausreichend?

Bischof: Für einen Zweitligisten ist das sehr, sehr gut. Wir können uns nicht beschweren.

BT: Bekommen Sie Vorgaben, wieviele Talente den Sprung in die Profimannschaft schaffen müssen, damit sich der finanzielle Aufwand lohnt bzw. refinanziert?

Bischof: Wir wollen und können das nicht auf Zahlen runterreduzieren. Aber es ist natürlich schon so, dass man von uns erwartet, dass dem ein oder anderen Talent der Sprung zu den Profis gelingt. Wir schaffen das ja auch immer wieder, wie man aktuell an Dominik Kother sieht. Unsere mittelfristige Herausforderung wird sein, die Top-Top-Talente, die uns sonst im Laufe der Jugend, so mit 15 oder 16, von anderen Vereinen abgeworben werden, auch noch zu halten, um die Zahl der potenziellen Profis noch weiter zu erhöhen.

BT: Dabei muss man feststellen, dass schon der Transfer eines selbst ausgebildeten Topstars, so wie es früher Mehmet Scholl oder Oliver Kahn waren, bei den heutigen Transfersummen ausreichen würde, um das NLZ zehn oder 20 Jahre finanzieren zu können.

Bischof: Ja. Überspitzt formuliert wäre dem so. Und eine kleine Stufe darunter hatten wir ja auch in den letzten Jahren immer wieder Spieler wie Florent Muslija oder Hakan Calhanoglu, durch deren Transfers der KSC am Ende verdient hat.

BT: Wie viele der Talente schaffen es am Ende tatsächlich in den Profifußball?

Bischof: Das lässt sich nicht verallgemeinern. Natürlich hat man in fast jedem Jahrgang die Fantasie, dass es ein oder zwei schaffen könnten. Aber es ist ein brutaler Sprung von der Jugend zu den Profis. Auf diesem Weg kann eine Menge passieren.

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Erstellt:
2. Januar 2021, 14:20 Uhr
Lesedauer:
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