Michael Unkrig kämpft gegen Schmerzmittelabhängigkeit

Gaggenau (ans) – Michael Unkrig aus Gaggenau ist jahrelang abhängig von starken Opiaten. Jetzt möchte er auf die Gefahren von Medikamentenmissbrauch aufmerksam machen.

Michael Unkrig: Nach einer Operation an der Wirbelsäule 2002 beginnt seine Odyssee. Foto: Anna Strobel

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Michael Unkrig: Nach einer Operation an der Wirbelsäule 2002 beginnt seine Odyssee. Foto: Anna Strobel

Morphin, Fentanyl und Tramadol – die Liste der Mittel, die Michael Unkrig aus Gaggenau in den vergangenen zwanzig Jahren genommen hat, ist lang. Der 63-Jährige ist Schmerzpatient und abhängig von Opiaten. Inzwischen hat Unkrig zwei Entzüge hinter sich. Doch noch immer hat er mit Spätfolgen zu kämpfen und er möchte auf die Gefahren von Medikamentenmissbrauch aufmerksam machen.

„2002 hat alles angefangen. Ich hatte ein halbes Jahr lang Rückenschmerzen“, berichtet er. Die Diagnose der Ärzte: Wirbelgleiten und Bandscheibenvorfall. Auf eine Empfehlung hin habe er sich den Wirbel operativ versteifen lassen. „Irre Schmerzen“ habe er danach gehabt.

Zwei Jahre später wird er in einem Wirbelsäulenzentrum in Wiesbaden erneut operiert. Der Grund für seine Schmerzen sei eine Pedikelschraube, die in der Wirbelchirurgie zur Stabilisierung verwendet wird, lautet der neue Befund. Die Titanschraube sei zu lang, reize somit einen Wirbel und müsse entfernt werden. Doch auch nach der Operation verschwinden die chronischen Schmerzen nicht. Auf der Suche nach der Ursache beginnt für Unkrig ein „Ärztemarathon“, wie er sagt.

„Das alles hat meine Familie sehr belastet“

2006 nehmen die Schmerzen des Gaggenauers weiter zu. Er beginnt Fentanyl zu nehmen. Dieses synthetische Opioid ist erheblich stärker als Heroin. Er wird abhängig. Wenn er abends nach der Arbeit nach Hause kommt, bricht er zusammen, fühlt sich hoffnungslos. „Das alles hat meine Familie sehr belastet“, bedauert er. Eine seiner beiden Töchter habe einmal zu ihm gesagt. „Wir hatten nicht die Kindheit wie andere Kinder.“

Bereits ein halbes Jahr nach der ersten Einnahme von Fentanyl bekommt er Depressionen. Unkrig schämt sich lange für seine psychische Erkrankung und erzählt seiner Frau zuerst nichts davon. Doch inzwischen hat sich sein Umgang damit gewandelt. Heute sagt er: „Ich gehe offen damit um. Ich habe eine Depression.“

Suchtproblem kann aus Gewohnheit entstehen

Wolfgang Langer, Leiter der Fachstelle Sucht Rastatt, bestätigt, dass die Mittel bei einer entsprechenden Veranlagung Langzeitfolgen wie Depressionen auslösen können. Langer ist Diplom-Psychologe und unter anderem zuständig für die Beratung von Suchterkrankten aus dem Murgtal. „Opioide machen sehr schnell abhängig, die Leute unterschätzen das oft“, ergänzt er. Ein Suchtproblem könne in der Tat durch Gewohnheit entstehen.

2008 wagt Unkrig einen ersten Entzug auf eigene Faust. Doch irgendwann ist der Leidensdruck so groß, dass er sich Hilfe sucht. Denn „ist man im Kreislauf drin, kommt man selbst kaum mehr raus“, ist er sich sicher.

Nur wenige Medikamentensüchtige lassen sich beraten

2019 folgt ein Entzug in der Rommel-Klinik in Bad Wildbad, einem Zentrum für orthopädische und neurologische Schmerztherapie. „Das ist die Hölle“, sagt der Gaggenauer rückblickend über den Entzug. Doch er lernt dort, seine Situation mit der Realität abzugleichen. „Es gibt keinen Befund, machen Sie sich klar, ob das sein kann“, ist ein Schlüsselsatz, der ihn nachdenklich macht. Bei einer Medikamentenabhängigkeit entsteht eine Toleranz, erläutert Psychologe Wolfgang Langer. Heißt: „Man braucht es, selbst wenn man keine Schmerzen hat.“

Mit der Entscheidung, sich beraten zu lassen, ist Unkrig einer von wenigen Medikamentensüchtigen, die sich Hilfe holen. „Wir beraten 1.500 Klienten im Jahr, davon sind zwei Prozent medikamentenabhängig“, ordnet Langer ein. In Wahrheit gebe es jedoch ungefähr so viele Medikamentenabhängige wie Alkoholiker. Nur eine verschwindend geringe Zahl begibt sich also in Beratung. Den Grund dafür sieht Langer darin, dass bei dieser Art der Sucht nicht so ein großer sozialer Druck entstehe.

Süchtig sei er auch jetzt noch, das weiß Michael Unkrig. Aufgrund der chronischen Schmerzen nehme er noch eine halbe Tilidin-Tablette täglich. „Die verwaltet meine Frau.“ Sie kontrolliert, dass er wirklich nicht mehr als die vereinbarte Dosis einnimmt. So versucht er, einen Rückfall zu verhindern.

Der Versuchung zu Widerstehen, ist schwierig

„Aus meiner Sicht wird zu viel und zu schnell verschrieben“, kritisiert der Gaggenauer. Diese Ansicht teilt Wolfgang Langer nur bedingt. Die meisten Ärzte hielten sich an die gängigen Richtlinien. Nur „in Einzelfällen werden aus unserer Sicht die Grenzen nicht eingehalten“.

Noch immer kämpft Unkrig gegen die Abhängigkeit. Die Versuchung wieder zu den Tabletten zu greifen, sei groß. Was ihm hilft zu Widerstehen, sind seine Familie und sein Hund, für die er da sein möchte. Für den 63-Jährigen ist Aufgeben „keine Option“.

Ihr Autor

BT-Volontärin Anna Strobel

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Erstellt:
28. Januar 2022, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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