Michelbach: Ist auch Blau noch malerisch?

Gaggenau (ama)– Die geplante Gestaltungssatzung sorgt für Ärger im Fachwerkdorf.

Dorf-Idylle: Michelbach ist für seine Fachwerkhäuser bekannt. Die Stadt will dafür sorgen, dass das historische Ortsbild erhalten bleibt. Foto: Adrian Mahler

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Dorf-Idylle: Michelbach ist für seine Fachwerkhäuser bekannt. Die Stadt will dafür sorgen, dass das historische Ortsbild erhalten bleibt. Foto: Adrian Mahler

Mitten im malerischen Ortskern von Michelbach ragt ein Fachwerkhaus neben dem anderen in die Höhe. Dazwischen ein Gebäude mit blauer Holzfassade. Marcel Straßburg zeigt darauf: „Einzelnen Leuten passt die Farbe meines Hauses nicht. Seit einiger Zeit versuchen sie, es immer mehr zum Gespött im Ort zu machen.“

Dabei stamme der blaue Anstrich noch vom Vorbesitzer. Straßburg erzählt: „Regelmäßig haben wir auch Zuspruch für die Farbe von Leuten erhalten, die einfach so vorbeiliefen.“ Doch mittlerweile sei aus der persönlichen Meinung einzelner Kritiker ein öffentliches Interesse geworden. „Unser Haus gilt zunehmend als Fremdkörper im historischen Kern.“

Derzeit erarbeiten Stadt und Ortschaftsrat mit dem Planungsbüro Internationales Stadtbauatelier (ISA) eine Gestaltungssatzung für Michelbach. „Nur so können wir das Ortsbild erhalten“, erklärt Ortsvorsteher Ralf Jungfermann (CDU): „Wir müssen die alte Bausubstanz schützen. Das normale Baurecht würde zu viel offen lassen.“ Die Satzung soll deshalb vorgeben, was bei einem Neubau oder einer Sanierung möglich ist – und was nicht. Dazu zählen unter anderem Vorgaben bei Grundriss, Silhouette, Nutzung von Anbauten, Größe und Form sowie Anordnung von Fenstern, Dachaufbauten sowie Zäunen und Hecken.

„Die Satzung bringt für mich das Fass zum Überlaufen“, entgegnet Marcel Straßburg: „Dadurch wird die Freiheit der Anwohner stark eingeschränkt.“ Eigentlich will er sein Haus bald frisch streichen – in Anthrazit und Lichtgrau. Doch selbst diese dezenten Farben seien durch die neue Satzung nicht mehr erlaubt.

Einschränkungen für Grundstückseigentümer sind minimal“

Bei einer Informationsveranstaltung zur Gestaltungssatzung am 24. März konnten die Bürger ihre Meinung zu verschiedenen Farbtönen abgeben. „Aber es standen gar keine Farben zur Auswahl, die für mein Haus passen würden“, moniert Straßburg. Selbst, wenn er vor Inkrafttreten der Satzung sein Haus in den Wunschfarben streichen ließe: „Früher oder später muss man es wieder umstreichen. Außer, man lässt das Gebäude herunterkommen.“

Erschwerend kommen aus seiner Sicht „zahlreiche weitere Einschränkungen“ hinzu. Mit Solarmodulen auf dem Dach werde es ebenfalls schwierig. Er geht nach der Infoveranstaltung davon aus, dass die Satzung künftig nur Ziegel erlaube. Doch bei Ziegeln sei die Widerstandskraft geringer als bei anderen Dacharten. Damit die Dachkonstruktion trotzdem die gleiche Zahl an Solarmodulen tragen könne, müsse diese ausgebessert werden.

„Für mich bedeutet das höhere Kosten. So etwas kann nicht sein“, sagt er, „das Haus ist schließlich mein Eigentum.“ Seiner Ansicht nach sehen viele Michelbacher die Satzung kritisch. Ein Anwohner, der anonym bleiben will, betont: „Wir müssen die Grundsubstanz erhalten, aber Modernisierungen zulassen. Das wird durch die Satzung fast unmöglich sein.“ Es bestehe die Gefahr, dass viele Anwohner wegen der engen Vorgaben ihre Gebäude verkommen ließen.

Ein anderer Bewohner des Ortskerns argumentiert: „Man sollte sich auch mal auf den gesunden Menschenverstand verlassen, dass kein Michelbacher hier ein Flachdachhaus baut.“ Dafür brauche es keine Satzung. Das Geld könne sinnvoller investiert werden. So sieht es auch Straßburg. Überfällig sei etwa, Parkplätze vor dem Kindergarten zu schaffen.

Ortsvorsteher Jungfermann betont: „An den Parkplätzen sind wir schon dran. Und die Satzung hat keinen Einfluss auf das Investitionsvolumen in Michelbach.“ Nach Aussage von Judith Feuerer, Pressesprecherin der Stadt, kosten die Leistungen des Planungsbüros etwa 32.000 Euro. Hinzu komme die Arbeit der städtischen Mitarbeiter.

Bisher seien die Rückmeldungen aus der Bevölkerung sehr positiv, betont Feuerer. Das bestätigt Jungfermann. Er fügt hinzu: „Die Einschränkungen für Grundstückseigentümer sind minimal.“ Es werde künftig eine ausreichend große Freiheit, etwa bei den Fassadenfarben, geben. „Alle können wir natürlich nicht glücklich machen. Aber 99 Prozent der Leute werden etwas Passendes finden.“ Der Rest habe dann meist „exotische, knallige Farben“ im Sinn, die dem Dorfbild ohnehin schadeten.

Zudem gebe es keinen Anhaltspunkt, dass Hauseigentümer wegen der Satzung bei Bauarbeiten mehr zahlen müssen. Zumal beispielsweise die Dachform noch gar nicht festgelegt sei. „Nichts ist bisher in Stein gemeißelt.“

Die Entscheidung fällt im Herbst

Wie geht es weiter mit der Satzung? Ende Juni soll in einer zweiten Bürgerveranstaltung vorgestellt werden, in welchem Bereich von Michelbach sie gelten soll. Dann werde der Satzungstext ausgearbeitet. Nach Offenlage und Vorberatung im Ortschaftsrat entscheidet der Gemeinderat. Das Inkrafttreten ist bis Ende 2022 vorgesehen. Marcel Straßburg hofft, dass es nicht so weit kommt. Er zieht mittlerweile sogar in Betracht, wegzuziehen. „Ich fühle mich nicht mehr willkommen und im Stich gelassen.“

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Ihr Autor

Adrian Mahler

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Erstellt:
6. Mai 2022, 20:30 Uhr
Lesedauer:
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