Michelbacher Kleinod wird 300 Jahre alt

Gaggenau (er) – 300 Jahre ist der älteste Teil des Michelbacher Hirtenhauses alt. Ein Denkmal, das dem Ort einen besonderen Charme verleiht, dies wurde in der Feierstunde deutlich.

Der rechte Teil des Hirtenhauses wird ins Jahr 1721 datiert, der anschließende Teil folgte 1767.  Foto: Archiv

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Der rechte Teil des Hirtenhauses wird ins Jahr 1721 datiert, der anschließende Teil folgte 1767. Foto: Archiv

Geladene Gäste aus dem Fachwerkdorf und der Umgebung waren zum malerischen Anwesen gekommen, um mit dem Förderverein Michelbacher Hirtenhaus das 300-jährige Bestehen des Hauses gebührend zu feiern.

Thomas Will, erster Vorsitzender des Vereins, begrüßte die Gäste des Festakts, darunter einige Gründungsmitglieder des Vereins. In seiner Ansprache ging er auf die Geschichte des Hirtenhauses ein, die ursprünglich als Unterkunft für den Sauhirten von Michelbach gedient hatte. Will schilderte die damalige Situation des in die Jahre gekommenen Gebäudes, erinnerte an dessen Erwerb durch Christoph Kohlbecker und die Schenkung an den Förderverein. Er gab auch einen Eindruck von den umfassenden Sanierungsmaßnahmen im Haus selbst und dessen Umfeld.

Gleichzeitig lobte er das immense Engagement der Helfer und Handwerksbetriebe, die sich für das historische Gebäude eingesetzt hatten, und erwähnte das vielseitige Angebot an Festen, Ausstellungen und Konzerten, die im Hirtenhaus bereits stattgefunden haben. Veranstaltungen soll es dort auch künftig geben. Besonders jungen Künstlern möchte der Verein im Hirtenhaus eine kleine Bühne bieten, kündigte Will den Gästen an.

Anerkennende Worte fand Oberbürgermeister Christof Florus für den Mut, den Fleiß und den Willen engagierter Michelbacher Bürger, das Hirtenhaus zu erhalten und zu retten. „So ein Gebäude gibt es heute nur noch ganz selten. Sie können stolz sein auf dieses Kleinod, auf diesen besonderen Treffpunkt für Menschen. Das Hirtenhaus strahlt nicht nur, als wäre es erst gestern erbaut worden, es strahlt auch Leben aus.“

Ortsvorsteher Ralf Jungfermann ergänzte: „Das Michelbacher Hirtenhaus ist nicht nur ein wunderschönes historisches Gebäude, sondern auch ein Synonym für Heimatliebe, für ein Miteinander und für ein ausgeprägtes Engagement. Durch die Sanierung des Hirtenhauses ist Michelbach noch ein Stückchen liebenswerter geworden.“

Gerald Wipfler, Markus Herm und Bernd Herm (von links) bereichern den Festakt musikalisch. Foto: Elke Rohwer

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Gerald Wipfler, Markus Herm und Bernd Herm (von links) bereichern den Festakt musikalisch. Foto: Elke Rohwer

Das musikalische Rahmenprogramm des Festakts gestalteten Gerald Wipfler (Schlagzeug), Markus Herm (Akkordeon) und Bernd Herm (Gitarre) mit Swing- und Tangostücken. Eine besondere Überraschung hatte Bernd Herm vorbereitet. In Erinnerung an den letzten Sauhirten Bernhard Hirth trug er mit Gitarrenbegleitung das Lied vom „Sauhirt Bernhard“ vor, mit dem eingängigen Refrain: „Bernhard, pass gut auf unsere Sauen auf und bring sie am Abend gut nach Haus.“

Das Stück kam beim begeistert klatschenden Publikum so gut an, dass Herm musikalisch nachlegte. Der offizielle Festakt klang bei einem kleinen Imbiss im Garten aus. Am Abend war dann die Michelbacher Bevölkerung zum Fest eingeladen.

Die bettelarme Seite des Barock

Man geht davon aus, dass der östliche Teil des Michelbacher Hirtenhauses um 1721 entstand, der mittlere Teil folgte 1767. Der kleinere Anbau an der Westseite wurde um das Jahr 1920 hinzugefügt. Ursprünglich diente das damals am Ortsrand gelegene Haus dem Sauhirten des Dorfs und seiner Familie als Wohnung.

Laut Dorfchronik „900 Jahre Michelbach“ ist die Beweidung mit Hausschweinen in den Waldgebieten um Michelbach urkundlich seit dem 15. Jahrhundert nachgewiesen. Während Schweine lange Zeit einen großen finanziellen Wert darstellten, war der Sauhirt einer der Ärmsten im Dorf. Neben dem geringen Lohn stellte die Gemeinde ihm eine Wohnung im Hirtenhaus, darüber hinaus erhielt er bei Schlachtungen eine zusätzliche Entlohnung in Naturalien.

In den frühen Morgenstunden zog der Sauhirt einst im Oberdorf los und rief die Anrainer mit Hornsignalen dazu auf, ihre Schweine aus den Ställen zu lassen. Bis zum Jahr 1854 trieb der Sauhirt die Tiere über den Lindenplatz zur Schlossgasse, die so manchem älteren Michelbacher noch als „Saugass“ bekannt sein dürfte. Von dort ging es zu namensprägenden Gewannen wie dem „Sauläger“. Dort ließen sich die Schweine die Eicheln und Bucheckern schmecken. Später war der „Sauhirtswald“ Ziel der Beweidung. Abends zog der Hirte mit seinen Tieren dann wieder zurück ins Dorf. Meistens fanden die Schweine ihren Stall allein. Die zunehmende Stallhaltung und -fütterung besiegelte das Ende der Hirtentätigkeit im Dorf. Zuletzt übte Josef Bittmann von 1930 bis 1934 die Hüteaufgabe aus. Fortan nutzte die Gemeinde das Haus, um armen Familien ein Obdach zu geben.

Größere Sanierungen wurden bis in die 1990er-Jahre nicht vorgenommen, was zum einen dazu führte, dass das Haus weitgehend original erhalten blieb, zum anderen war das Gebäude in denkbar schlechtem Zustand. Das Efeu suchte sich durch Ritzen und Risse seinen Weg ins Haus, die Dachbalken waren marode, das Dach undicht.

Im November 1993 gründeten Michelbacher Bürger den Förderverein Michelbacher Hirtenhaus. Im Dezember 1995 kaufte Architekt Christoph Kohlbecker aus Verbundenheit zum Fachwerkdorf von der Stadt das Anwesen und übertrug es als Schenkung an den Förderverein.

Ihr Autor

Elke Rohwer

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Erstellt:
19. September 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 16sec

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