Michelbacher Kraft als TSG-Scout tätig

Gaggenau (ket) – Die Fußball-Bundesligisten fahnden schon in Kinder- und Jugendteams nach den Stars von morgen, Wilfried Kraft aus Michelbach tut das für die TSG Hoffenheim.

Talentscout Wilfried Kraft mit Hoffenheims U-19-Talent Jean Seitz. Foto: Privat

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Talentscout Wilfried Kraft mit Hoffenheims U-19-Talent Jean Seitz. Foto: Privat

An die erste Begegnung kann sich Wilfried Kraft noch gut erinnern. Bei einem Turnier in Eggenstein war es, als er Niklas Süle, damals 13 Jahre alt, erstmals Fußball spielen sah – und sofort aufgefallen ist Kraft zweierlei: Der Junge, der da für die C-Jugend von Eintracht Frankfurt stürmte, ist ein Riesentalent – und er gehört nicht in den Sturm, sondern in die Innenverteidigung. Beides führte dazu, dass der Name Süle fortan auf Krafts Zettel und somit auch unter seiner Beobachtung stand. Die Folge davon: Zwei Jahre später wechselte der junge Mann, mittlerweile 15 Jahre alt, zur TSG Hoffenheim. Der Rest ist weitgehend bekannt: Süle wurde Bundesligaspieler. Süle würde Bayern-Spieler. Süle wurde Nationalspieler. Und, das nur nebenbei: Innenverteidiger ist dieser Niklas Süle übrigens auch geworden.

Wilfried Kraft hat also ganze Arbeit geleistet, schließlich ist es sein Job, Talente zu erkennen, ihre Entwicklung zu beobachten und sie bei Bedarf und Tauglichkeit nach Hoffenheim zu locken. Der 66-Jährige ist das, was man in der Szene Talentscout nennt, seit über 13 Jahren fahndet der ehemalige Lehrer einer Förderschule für geistig Behinderte nun schon nach den TSG-Stars von morgen. Davor war er 17 Jahre lang Jugendtrainer beim Karlsruher SC sowie – ab dem Jahr 2000 – Jugendkoordinator bei Waldhof Mannheim. „Die Jugend war schon immer meine Welt“, sagt Kraft. Dass sich daran bis heute nichts geändert hat, beweist nicht zuletzt, dass er neben seinem Job als Talentspäher seit fünf Jahren die Fußball-AG an der Grundschule Muggensturm leitet.

Sitzung mit Ralf Rangnick

Nach Hoffenheim hat ihn damals sein Freund und Förderer Helmut Kafka, ein ehemaliger KSC-Profi und selbst TSG-Scout, gelotst. Die TSG kickte zu jener Zeit noch in der Regionalliga, der Trainer hieß Ralf Rangnick. Auch an die erste Begegnung mit dem kann sich Kraft noch ganz genau erinnern. „In die erste gemeinsame Sitzung ging ich mit zittrigen Händen. Zwei Stunden später kam ich hoch motiviert wieder raus“, erzählt er.

Die Hoffenheimer Höhenflüge standen damals, wenn überhaupt, noch am Anfang. Auch für die Scoutingabteilung gilt das natürlich. Mit drei Mann ging es los, erinnert sich Kraft, über 15 sind es heute. „Das ist Usus in der Bundesliga“, stellt der gebürtige Michelbacher, der mittlerweile in Eggenstein bei Karlsruhe lebt, fest. Nicht ohne Stolz weist er darauf hin, dass Hoffenheim im Bereich Talentfahndung eine „herausragende Position“ einnimmt. „Das haben wir uns erarbeitet“, findet der 66-Jährige. Dass den Hoffenheimern der Ruf anhaftet, beim Kampf um die Talente bisweilen besonders rüde aufzutreten, kann er nicht nachvollziehen, schon allein das Wort Kampf gefällt ihm in diesem Zusammenhang nicht.

Je früher, desto besser: Schon Kinder werden von den Fußball-Bundesligisten gesichtet. Foto: Helge Prang/GES

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Je früher, desto besser: Schon Kinder werden von den Fußball-Bundesligisten gesichtet. Foto: Helge Prang/GES

So oder so: Dass die TSG ihre Nachwuchsarbeit besonders intensiv betreibt, steht außer Frage – und ist nicht zuletzt durch Zahlen belegbar: Laut dem Informationsdienstleister „Sponsors“ kümmern sich um die rund 150 Jugendspieler des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) der TSG, von der U 12 bis zur U 19, inklusive Verwaltung mehr als 50 hauptamtliche Mitarbeiter. Zählt man Honorarkräfte und Minijobber dazu, sind es sogar mehr als 140. „Das kostet viel Geld“, sagt Kraft, rechne sich im besten Fall, wenn aus dem Talent tatsächlich ein Bundesligaprofi wird, aber über spätere Transfererlöse. Und überhaupt: „Bayern und Dortmund rüsten brutal auf. Da müssen wir sehen, dass wir unser Level halten oder es sogar verbessern können.“

Traum von der Bundesligakarriere

Zwischen acht und zehn Talente zieht es laut Kraft pro Saison zur TSG, und alle – zumindest die meisten – träumen sie von einer Karriere in der Bundesliga. „Bei manchen klappt’s. Bei manchen klappt’s nicht“, weiß Kraft. „Wenn wir einen 14-Jährigen zu uns holen, wissen wir natürlich nicht, ob der später mal in der 1. Liga spielt. Aber 2. Liga ist ja auch nicht schlecht“, fügt er an.

Der Job von Wilfried Kraft ist es, jene auszusieben, die prinzipiell die Fähigkeiten dazu haben – und das so früh wie möglich, am besten im Kindesalter. Neben Grundvoraussetzungen wie Schnelligkeit, Technik und Kreativität geht es dabei auch um Fragen wie: Wie verhält sich einer Eins gegen Eins? Wie nimmt er den Ball an? Erkennt er, wo er ihn hinspielen muss? Wie arbeitet er nach hinten? Auch der Entwicklungsprognose kommt eine wichtige Rolle zu. „Zu erkennen, wie einer in zwei, drei Jahren spielt, ist entscheidend“, sagt Kraft. Der ehemalige Lehrer hat diese Gabe – und diesen besonderen Blick, der ihn auf Anhieb erkennen lässt, wer eher zur Spreu gehört und wer zum Weizen.

Ein bisschen ist es wie die Suche nach ein paar Nadeln im Heuhaufen. Den ganzen süddeutschen Raum sucht Kraft nach diesen ab. Unter der Woche grast er die fünf Stützpunkte, die in seinem Such-Gebiet liegen, nach Talenten ab, an den Wochenenden die Sportplätze der Region. „Im Kinderbereich kann jeder Dorfverein ein Talent haben“, weiß er.

Eltern werden mit ins Boot geholt

Hat Kraft ein solches erkannt, wird dieses mehrfach von ihm unter die Lupe genommen. Bleibt sein Interesse dabei bestehen, nimmt er Kontakt zu den Eltern auf und wirft auch einen Blick auf das schulische Umfeld. „Elterngespräche sind ganz wichtig“, sagt Kraft. „Ohne die geht gar nichts.“

Talente ab zehn Jahren, an denen die TSG Interesse findet, durchlaufen zunächst das Kinderperspektivteam (KPT). Das heißt, sie trainieren weiterhin ganz normal in ihrem Heimatverein plus einmal pro Woche in Hoffenheim. Ab 13 Jahren wechseln die Jung-Kicker dann ganz zur TSG. Jene aus der näheren Umgebung werden mehrfach wöchentlich mit dem vereinseigenen Fahrdienst zum Training und wieder nach Hause gebracht. Andere wohnen bei Gastfamilien oder im Internat des Nachwuchsleistungszentrums und erfahren dort eine Art Rundumbetreuung. Neben all dem Fußball wird vor allem auch Wert auf die schulische Ausbildung gelegt.

Wer es bis hierhin geschafft hat, ist weit gekommen. Am Ziel freilich ist er noch nicht. Im Durchschnitt gelingt pro Saison 3,9 Spielern aus dem Hoffenheimer NLZ der Sprung in eine der beiden obersten deutschen Spielklassen. Es ist ein weiter und schwerer Weg zum Bundesligaprofi. So mancher hat auf Wilfried Krafts Zettel begonnen.

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19. September 2020, 16:15 Uhr
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