Minimalinvasiv statt Mikado im Wald

Ottersweier (fvo) – Schonung für Forst und Waldarbeiter: Im Forstbezirksrevier Ottersweier stehen Sicherheitsaspekte im Fokus.

Fast ein Kinderspiel: Michael Hund zieht mit seiner Kombimaschine eine Weißtanne an den Weg.  Foto: Franz Vollmer

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Fast ein Kinderspiel: Michael Hund zieht mit seiner Kombimaschine eine Weißtanne an den Weg. Foto: Franz Vollmer

Es hat ein bisschen was von Godzilla, wenn Michael Hund in die Bresche springt. Mit dem Kran seiner Forstspezialmaschine packt er die soeben per Fächerschnitt gefällte 120 Jahre alte und 35 Meter lange Weißtanne am Schlafittchen, wirbelt selbige elegant durch die Luft, bis sie huckepack bergab transportiert Minuten später zahm wie ein Kätzchen am Wegesrand kauert, fixiert in der Klemmbank seines Schleppers. Moderne Holzernte, allerdings nicht ganz anspruchslos.
Denn was so leicht aussieht, ist letztlich ein komplexes Projekt von der Planung bis zum Hiebsabschluss und bedarf sorgfältiger Vorbereitung und handwerklich guter Ausführung. „Das Ziel ist, möglichst pfleglich und vor allem schadfreizu arbeiten“,umreißt Forstbezirksleiter Clemens Erbacher den Job – schadfrei wohlgemerkt für Waldbestand und Waldarbeiter. Und so stand bei der jüngsten Waldbegehung in Ottersweier neben der Arbeitssicherheit auch die waldökologische Effizienz im Fokus.

Und ob nun der Baum im Wald fertig entastet oder in Gänze herausgeholt wird: Ziel ist, den Eingriff möglichst minimalinvasiv zu gestalten. „Es macht ja keinen Sinn, wenn man sich Jahrzehnte um Naturverjüngung bemüht und dann alles plattgewalzt wird“, so Erbacher. Umso wichtiger, dass der Baum die richtige Fällrichtung einhält und „nicht alles kreuz und quer oder im Mikado-Stil herumliegt“. Idealerweise werden die Bäume fischgrätenartig zur Rückegasse hin gefällt, erklärt Erbacher.

Ein probates Hilfsmittel zur besseren Einhaltung der optimalen Fällrichtung ist ein mechanischer Fällkeil, der mit Widerhaken versehen, mittels eines Akkubohrers in den Spalt des Fällschnitts getrieben wird. Vorarbeiter Artur Schemel hat dies zuvor an einem vorbereiteten drei Meter hohen Baumstumpf demonstriert.

Unfallzahlen im Forst sind zurückgegangen

Wenige Umdrehungen nur – und der Stumpf knickt spielend ein. „Das ist eine enorme Hilfe“, kommentiert Schemel die ergonomische Verbesserung, erspart sie doch, den Keil traditionell per Hand reinzuhauen – was „sehr in die Gelenke geht“ und wichtige Kraft spart, wenn er mit Kollege Leonard Marx darauf in Windeseile den Baum per Motorsäge entastet. Acht Zentimeter, die der Baum angehoben wird, machen an Neigung in der Höhe bis zu acht Metern aus. Die Technik ist vor allem hilfreich bei steilen Hängen, also wenn Bäume schief stehen und gegen die Neigung zu fällen sind.

Erleichterung bei der schadfreien Bergung des tonnenschweren Stammes bieten natürlich auch die dreieinhalb Tonnen Hubkraft des Kranarms der Rückemaschine, die Zugkraft der Seilwinde liegt bei zweimal acht Tonnen. Tandemachsen und sechs Räder mit 70 Zentimeter breiten Reifen tragen wiederum zur Verringerung der Bodenverdichtung und des Bodendrucks bei. Bei Feuchtigkeit kommen gar 10.000 Euro teure Eisenbänder im Stile von Panzerketten zum Einsatz. „Das sorgt für eine bessere Traktion bei weniger Bodendruck“, erklärt Hund. LautErbacher darf das 330.000 Euro teure Ungetüm ohnehin nur auf festdefinierter Linie (Rückegasse) fahren. Der Kran selbst hat laut Hund knapp zehn Meter Reichweite, bei längerer Entfernung kommt das 140 Meter lange Drahtseil zum Zuge. Seit 1966 ist der Oberkircher Forstbetrieb für Ottersweier im Holzeinschlag tätig. Aktuell geht es um einen Hieb von zwölf Hektar (900Festmeter) in vier Wochen. Eine Auflichtungsmaßnahme, die dafür sorgt, dass etwa die Biotopqualität im Oberen Greßbach weit besser wird.

Gut gebohrt ist halb gefällt: Vorarbeiter Artur Schemel demonstriert den Teilnehmern der Waldbegehung die Funktionsweise eine mechanischen Fällkeils. Foto: Franz Vollmer

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Gut gebohrt ist halb gefällt: Vorarbeiter Artur Schemel demonstriert den Teilnehmern der Waldbegehung die Funktionsweise eine mechanischen Fällkeils. Foto: Franz Vollmer

Und eine Tätigkeit, für die es einen dezidierten schriftlichen Arbeitsauftrag gibt. Er enthält sämtliche Arbeitsschritte inklusive Hinweis auf Schutzgebiete, Absperrung der Fläche (für Wanderer/Biker) und der Einhaltung des nötigen Sicherheitsabstands zu den Kollegen. Bei Sichtbehinderung kommt ohnehin Helmfunk zur Anwendung. Statistisch gehört Waldarbeit nunmal zu den gefährlichsten Jobs. Weshalb neben der Gefährdungsbeurteilung nicht zuletzt die Sicherstellung der Rettungskette in den Arbeitsauftrag gehört.

Standard ist die Arbeit im Drei-Mann-Team (zwei Waldarbeiter, ein Rücker), damit einer beim Verunfallten bleiben kann und der Dritte einen vorab vereinbarten Rettungstreffpunkt ansteuern. Nicht selten sind zwar GPS-Daten bekannt, aber der Weg unzugänglich für Rettungswagen, so Erbacher. Um auf drei zu kommen, bilden Bühlertal und Ottersweier (je zwei Forstwirte) seit Längerem eine Aushilfsgemeinschaft. Laut Revierleiter Klaus Vollmer hilft man sich jährlich mit 500 Stunden aus, was je nach Bedarf auch mal zu einer Seite ausschlägt. Der Plan ist jedoch eine ausgeglichene Verteilung.

Bis auf einen Fall von Bewusstlosigkeit ist in der Region die Zahl schwerer Unfälle im Gemeindewald erfreulich niedrig. Dies auch die Folge umsichtiger Planung, erklärt Erbacher, sowie von Erfahrung, Ausrüstung und Fortbildung. Zur „Schonung“ des Waldarbeiters gehören übrigens auch Ausweicharbeiten etwa bei Nässe oder hohen Ozonwerten, einfach die Option, mal „zwei Stunden etwas anderes zu machen“ (Erbacher) – aber ebenauchleistungsfähige Technik wie die 14 Tonnen schweren Kombimaschine mit 190 PS starkem Volvomotor (zwei Gänge, drei Modi), an ihr lässt sich steuern, ob die Kraft in die Räder oder in den Kran geht, ein Rungenkorb für Kurzholz und Vollernterkopf sind anschließbar. Potenziale, bei denen klar wird, dass Rückepferde ob der schweren Baumriesen allenfalls noch als romantische Vorstellung durchgehen.

Auch wenn das Gefährt wie ein kleines „Monster“ (Erbacher) wirke, sei die moderne Technik auch wegen der pfleglichen Power nicht mehr wegzudenken.Undwenndie Stämme fein sortiert auf dem Polter liegen, ist das bei Verkaufsverhandlungen auch ein Vorteil. Ganz abgesehen von der platzsparenden Lagerungstechnik. Alles Grund genug, sich um eine gerechte Vergütung der guten Arbeitsqualität zu sorgen, „um die wir uns auch stets bemühen“, so Erbacher.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
17. September 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 40sec

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