Minuszinsen liegen in Mittelbaden im Trend

Baden-Baden/Bühl/Iffezheim (tas) – Immer mehr Banken und Sparkassen verlangen Negativzinsen von ihren Kunden – auch in Mittelbaden.

Geld ins Sparschwein stecken und dann zur Bank bringen – Zinsen gibt es dafür schon lange nicht mehr. Foto: Patrick Pleul/dpa

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Geld ins Sparschwein stecken und dann zur Bank bringen – Zinsen gibt es dafür schon lange nicht mehr. Foto: Patrick Pleul/dpa

Das Geldvermögen der Deutschen wächst in seiner Gesamtgröße zwar seit Jahren stetig an, das liegt aber nicht an den Zinsen, die die Verbraucher für ihr Erspartes bekommen. Nullzinsen auf Tagesgeld und andere Sichteinlagen sind seit vielen Jahren Standard, mitunter müssen Privatkunden bei ihren Hausbanken sogar ein Verwahrentgelt für ihr sauer Verdientes entrichten.

Eine Analyse des Vergleichsportals Verivox von Ende September hatte 392 Kreditinstitute in Deutschland identifiziert, die Negativzinsen von ihren Privatkunden verlangen, 214 mehr als noch zum Jahresbeginn. Das Internetportal Biallo ermittelte zum 30. September bereits 500 Geldhäuser, die hierzulande Zinsen von ihren Kunden haben wollen, wenn sie ihr Geld deponieren. Von ihnen haben laut den Marktbeobachtern rund 240 Banken und Sparkassen erst in diesem Jahr ein Verwahrentgelt für Guthaben auf dem Tagesgeld- oder Girokonto eingeführt. Zumeist liegt der negative Zinssatz bei 0,5 Prozent, weicht in einigen Fällen aber auch nach unten oder oben ab.

Auch die Sparkasse Bühl hat sich in diesem Jahr für ein Verwahrentgelt entschlossen. Seit Sommer informiert das regionale Institut vermögende Bestandskunden darüber, dass auf Einlagen über der Grenze von 100.000 Euro minus 0,5 Prozent fällig werden, Neukunden müssen den Satz bereits ab einer Schwelle von 10.000 Euro in Kauf nehmen. „Wir sind das Thema bisher behutsam angegangen“, sagt Vorstand Matthias Frietsch, doch nun habe sich auch das mittelbadische Institut zu dem Schritt entschlossen. „Geld anzunehmen, war schon immer unsere Aufgabe, doch der Preis dafür ist heute das Thema.“ Die Sparkasse wolle keine Konten sammeln, sondern nachhaltige Geschäftsbeziehungen pflegen. Aus diesem Grund würden die neuen Anlagekonditionen auch persönlich mit den Kunden besprochen und Lösungen dafür gefunden, damit Verwahrentgelte erst gar nicht anfallen oder zumindest minimiert werden können.

Bessere Konditionen aushandeln


Den Weg der individuellen Gespräche wählen derzeit viele Regionalbanken. Auch die VR-Bank in Mittelbaden. Bei den Iffezheimern beträgt das Verwahrentgelt ebenfalls 0,5 Prozent, die Höhe eines möglichen Freibetrags ergebe sich nach der Einschätzung der Zusammenarbeit zwischen Bank und Kunde, teilt die VR-Bank dem BT mit. „Kundenaktivität“ ist also die neue Währung im Verhältnis zwischen Bank und Verbraucher geworden. Sprich: Wer beispielsweise stark im Wertpapier- oder Kreditgeschäft an sein regionales Institut gebunden ist, kann für sich in Sachen Negativzinsen eventuell noch bessere Konditionen aushandeln.

Auch bei der Volksbank Karlsruhe Baden-Baden geht es beim Thema Minuszinsen um die Frage, wie intensiv die Beziehungen zwischen Bank und Kunde sind. Dazu hat das genossenschaftliche Institut ein eigenes Berechnungsmodell entwickelt. Grundsätzlich liegt der Freibetrag bei den kurzfristigen Bankeinlagen bei 100.000 Euro. Der Zinssatz für darüber hinausgehende Beträge ist gestaffelt und abhängig vom gesamten Geschäftsvolumen eines Kunden. Wer beispielsweise noch Kredite bei der Volksbank am Laufen hat und ein Wertpapierdepot unterhält, kann den Minuszins von 0,5 Prozent nach unten drücken. Die unterste Stufe liegt bei 0,12 Prozent, wenn der Anteil der Einlagen am gesamten Geschäftsvolumen maximal 25 Prozent beträgt.

Dass die Banken und Sparkassen auf breiter Front Minuszinsen auf größere Guthaben einführen, hängt nicht nur damit zusammen, dass sie selbst für ihre bei der Europäischen Zentralbank (EZB) geparkten Anlagen Negativzinsen in Höhe von 0,5 Prozent bezahlen müssen. Es liegt auch daran, dass den Regionalbanken in den vergangenen Jahren und Monaten aufgrund der vergleichsweise hohen Mittelzuflüsse weiter unter Druck geraten sind. Zwar läuft das Kreditgeschäft, vor allem im Immobilienbereich, aktuell vergleichsweise gut, doch die Mittelzuflüsse durch die Sparer können die Geldhäuser trotzdem nicht alle bei Kreditnehmern unterbringen.

Rund 120 Millionen Euro weniger


„So viel Kredit kann man gar nicht vergeben, wie man im Moment an Einlagen bekommt“, sagt der Präsident des Sparkassenverbandes Baden-Württemberg, Peter Schneider. Allein die 50 öffentlich-rechtlichen Institute im Land hatten 2020 unter dem Strich ein Einlagenwachstum von fast acht Prozent auf knapp 159 Milliarden Euro verbucht. Weil das Geld schwieriger verstoffwechselt werden kann, sinkt der Zinsüberschuss der Sparkassen kontinuierlich – für dieses Jahr rechnet Schneider mit insgesamt rund 120 Millionen Euro weniger bei rot-weißen Instituten im Land.

Das Thema Verwahrentgelte geht auch an den Gerichten nicht vorbei. So hat das Landgericht Leipzig im Juli eine Klage der Verbraucherzentrale Sachsen gegen Negativzinsen auf Guthaben von Girokonten bei der Sparkasse Vogtland in weiten Teilen abgewiesen. Das Gericht erklärte Verwahrentgelte bei dieser Kontenart – egal ob bei Neu- oder Bestandskunden – grundsätzlich für rechtmäßig. Die Verbraucherzentrale geht allerdings in die nächste Instanz. Anders entschied das Landgericht Tübingen 2018 bei Altverträgen. Hier hatte die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg gegen die Volksbank Reutlingen geklagt und gewonnen. „Durch Allgemeine Geschäftsbedingungen kann nicht nachträglich bei bereits abgeschlossenen Einlagengeschäften einseitig durch die Bank eine Entgeltpflicht für den Kunden eingeführt werden“, begründete das Gericht das rechtskräftige Urteil (Az. 4 O 187/17).

Reine Verhandlungssache


Die Verbraucherzentralen raten Bankkunden, sich bei der Einführung von Verwahrentgelten zu überlegen, ob man diese akzeptieren will. Die Bepreisung von Guthaben sei ebenso wie Provisionen reine Verhandlungssache. Die Verbraucherschützer verweisen darauf, dass die Argumentation der Institute, sie müssten selbst 0,5 Prozent Zinsen für ihre Einlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zahlen, nicht die ganze Wahrheit sei. „Was Banken gerne verschweigen, ist, dass die EZB ihnen großzügige Freigrenzen eingeräumt hat. Sie parken nur einen Bruchteil der Einlagen tatsächlich bei der EZB. Nur für einen Teil dieser Einlagen bezahlen sie ein Verwahrentgelt“, heißt es von den Verbraucherzentralen. Sie geben aber zu bedenken: „Wenn Sie die Verwahrvereinbarung nicht unterschreiben, könnte es sein, dass die Bank einige Ihrer Verträge kündigt. Allerdings könnte das gesetzlich verankerte Recht auf ein Guthabenkonto, das sogenannte Basiskonto, einer Kündigung möglicherweise entgegenstehen, besonders bei Sparkassen.“


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