Missbrauch: Eltern platzt der Kragen

Rastatt (ema) – Eltern im Wintersdorfer Missbrauchsfall hadern mit der Justiz. Sie wehren sich dagegen, dass ihre Kinder als unglaubwürdig dargestellt werden.

Die Justiz in Baden-Baden stößt mit ihrem Vorgehen im Wintersdorfer Missbrauchsfall auf Unverständnis bei betroffenen Eltern. Foto: av

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Die Justiz in Baden-Baden stößt mit ihrem Vorgehen im Wintersdorfer Missbrauchsfall auf Unverständnis bei betroffenen Eltern. Foto: av

Der Unmut unter Eltern, deren Kinder mutmaßlich Opfer eines 50-jährigen früheren Erziehers im katholischen Kindergarten Wintersdorf wurden, wächst. Mehrere Mütter haben auf die BT-Berichterstattung am Samstag reagiert. Sie widersprechen der Aussage der Staatsanwaltschaft, wonach Eltern bei den richterlichen Vernehmungen hätten anwesend sein dürfen.
„Wir durften nicht mit rein“, bekräftigt eine Mutter im BT-Gespräch. Sowohl die Richterin als auch die psychiatrische Sachverständige hätten zu verstehen gegeben, dass Eltern bei der Anhörung nicht anwesend sein dürften. „Wir haben das dann so hingenommen“, erklärt eine Mutter. Sie selbst sei noch mal kurz ins Vernehmungszimmer gegangen, um ihre aufgewühlte fünfjährige Tochter zu beruhigen. „Dann mussten wir vor der Tür sitzen und warten.“ Kritik wird laut, weil die Eltern nicht über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt worden seien. Allerdings waren die Familien von einem eigenen Rechtsbeistand begleitet worden.

Wie am Samstag berichtet, hatte die Staatsanwaltschaft zu den Umständen der Vernehmung erklärt, dass die Eltern grundsätzlich das Recht hätten, anwesend zu sein. Die Strafverfolgungsbehörde gibt jedoch zu bedenken, dass Kinder in Gegenwart ihrer Eltern nicht oder nur eingeschränkt Angaben machen und mitunter erst Kontakt mit den Eltern aufnehmen, bevor sie antworten.

Mehr als 30 Familien betroffen

In dem Fall sind bislang sieben Kinder richterlich vernommen worden. Diese per Video aufgezeichnete Vernehmung dient in einem möglichen späteren Strafprozess als Zeugenaussage, um den Opfern den Gang in den Gerichtssaal zu ersparen. Nach BT-Informationen hat der Fall aber eine wesentlich größere Dimension angenommen. Mehr als 30 Familien suchen noch Unterstützung oder nehmen bereits bei anerkannten Kinderpsychologen und Therapeuten Hilfe in Anspruch und sind mit der Diagnose einer posttraumatischen Störung ihres Kinds konfrontiert.

„Gegen wen kämpfen wir eigentlich?“, fragt eine Mutter erzürnt angesichts des Eindrucks, dass Justiz und psychiatrische Sachverständige unterstellen, die Kinder würden nicht die Wahrheit sagen oder seien unglaubwürdig. „Das ist eine Frechheit.“ Und eine andere Mutter fügt hinzu: „Warum müssen denn jetzt so viele Familien mit ihrem Kind zur Psychotherapeutin, wenn angeblich alles, was die Kinder aussagen, nicht wahr oder Fantasie sein soll?“ Die Eltern hadern auch deshalb mit der Entwicklung, weil die Kinder bereits von der Kriminalpolizei vernommen worden waren und offenbar aufgrund der von den Ermittlern festgestellten Glaubwürdigkeit als Zeugen vor Gericht herangezogen wurden.

Eine Mutter ärgert sich, dass die von ihrer achtjährigen Tochter allein gefertigten 16 Bilder als Stütze für das Gespräch bei der Vernehmung ignoriert worden seien, obwohl es zuvor geheißen habe, das Material dürfe mit genutzt werden. Die Eltern vermissen auch bei der psychiatrischen Sachverständigen „Feingefühl“ und bemängeln, dass sich die Fragenden gar nicht die notwendige Zeit genommen hätten, um Vertrauen zum Kind aufzubauen.

Der Schock, dass der Tatverdächtige, der die Vorwürfe bestreitet, im Dezember auf freien Fuß gesetzt wurde, steckt den Familien immer noch in den Knochen. Eine Mutter sagt verbittert: „Die Kinder werden verhört, und er ist das Unschuldslamm der Nation.“


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