Missbrauchs-Prozess in Rastatt: Pfleger muss in Haft

Rastatt (BNN) – Das Amtsgericht hat am Montag einen Pfleger zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Die Anklage hatte ihm den Missbrauch von zwei Patienten vorgeworfen.

Tatort Krankenhaus: Ein Pfleger hat sich im vergangenen Jahr im Klinikum Rastatt an zwei Patienten sexuell vergangen. Dafür hat ihn nun das Amtsgericht verurteilt. Foto: Janina Keller

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Tatort Krankenhaus: Ein Pfleger hat sich im vergangenen Jahr im Klinikum Rastatt an zwei Patienten sexuell vergangen. Dafür hat ihn nun das Amtsgericht verurteilt. Foto: Janina Keller

Die Knie von Michael H. wippen in der Frequenz einer Nähmaschine auf und ab. Es ist dem 29-Jährigen anzumerken, wie unwohl er sich auf dem Stuhl im Zeugenstand des Amtsgerichts Rastatt fühlt. Nur ein paar Meter trennen ihn von dem Mann auf der Anklagebank, der sein Leben aus der Bahn geworfen hat. Im März 2020 kam Michael H. als Patient ins Klinikum Rastatt. Der Angeklagte arbeitete dort als Pfleger. Diese Position nutzte der 35-Jährige aus und verging sich sexuell an Michael H.. Dafür und für eine weitere Tat muss er jetzt ins Gefängnis.

Zwei Jahre und drei Monate lautet das Urteil des Schöffengerichts unter der Vorsitzenden Angelika Binder. Die Kammer hat keinen Zweifel, dass die Anklagepunkte zutreffen.

Geständnis hinter verschlossenen Türen

Diese fasst zum Prozessauftakt Staatsanwalt Martin Rützel zusammen. Der Pfleger habe Michael H., der wegen starker Magenbeschwerden in der Klinik war, unter der Dusche des Krankenzimmers missbraucht. Das Opfer sei nach der Einnahme von Schmerzmitteln wehrlos gewesen. „Er nutzte die hilflose Situation des Patienten aus“, sagt Rützel. In derselben Nacht habe der Pfleger den schlafenden Mann erneut heimgesucht und ihn gegen dessen Willen mit der Hand masturbiert.

Das zweite Opfer sei im Juli 2020 nach einem Arbeitsunfall in der Notfallaufnahme des Krankenhauses gelandet. Der Mann sei nicht in der Lage gewesen, sich selbstständig zu bewegen. Ihm habe der Pfleger Medikamente gegeben, die nicht verordnet gewesen seien. Dann habe er den wehrlosen Patienten am Rücken massiert und später oral befriedigt.

Der Pfleger ist verheiratet und mehrfacher Familienvater. Der kleine, untersetzte Mann mit schwarzem Haar, schwarzer Brille und grauen Turnschuhen verfolgt die Verlesung der Anklage mit niedergeschlagenem Blick. In dieser Position verharrt er fast den ganzen Tag. Seine Stimme erklingt nur einmal, als er seine Personalien nennt.

Er hat zwar mehr zu sagen, will das aber nicht vor den Prozessbeobachtern machen. Seine Rechtsanwältin Elisa Moch beantragt für seine Aussage den Ausschluss der Öffentlichkeit. Hinter verschlossenen Türen legt er ein weitgehendes Geständnis ab. Über seine Vita und die Hintergründe der Taten erfahren die Besucher der Verhandlung nichts.

Michael H. entschließt sich dagegen, seine Geschichte im Zeugenstand öffentlich zu machen. Er tritt als Nebenkläger auf und verzichtet auf einen Antrag, im geschützten Raum sprechen zu können. „Das kostet nur Zeit. Ich will das jetzt durchziehen“, sagt er zu seinem Anwalt. Seine Hoffnung sei es, endlich mit den Geschehnissen abschließen zu können.

Bis heute leidet er unter Schlafstörungen. „Ich wache immer zwischen 3 und 4 Uhr auf und bin oft schweißgebadet. Teilweise stehe ich auch im Raum und schreie herum.“ Auch seine Ehefrau und seine kleine Tochter litten unter den Zuständen. Ein Psychotherapeut hat ihm eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert.

Opfer mit Beruhigungsmittel sediert

Das zweite Opfer berichtet von ähnlich dramatischen Folgen. „Mir geht es wirklich nicht gut“, sagt der 31-Jährige. Jedes Mal wenn er die Augen schließe, suchten ihn die Bilder heim, die sich im Krankenzimmer in seinen Kopf gebrannt hätten.

Ihm hatte der Angeklagte vor der Tat ein Glas Wasser mit einem angeblichen Schmerzmedikament zu trinken gegeben. Die Ermittlungen ergaben, dass es sich um Medazepam handelte. Rechtsmedizinerin Ulrike Schmidt, die als Sachverständige auftritt, bezeichnet das Mittel als „Rosa-Brille“. Es wirke ähnlich wie KO-Tropfen und werde in Krankenhäusern hauptsächlich im Vorfeld von Narkosen eingesetzt.

Drei Jahre Berufsverbot

Woher der Mann das Medikament hatte, bleibt im Prozess ungeklärt. Ein Arzt hatte es nicht verschrieben. Nach Angaben des Klinikums Mittelbaden gab es keinen Fehlbestand im eigenen Vorrat.

Die Richterin fasst all diese Fakten in einem Satz zusammen: „Das war kein einmaliger Ausrutscher.“ Dem Angeklagten zugute hält sie dessen Geständnis und die Tatsache, dass er nicht vorbestraft ist. Die beiden Geschädigten habe es aber sehr hart getroffen, die Folgen seien gravierend. Deshalb wäre eine Bewährungsstrafe „nicht angemessen“ gewesen. Binder spricht außerdem ein dreijähriges Berufsverbot aus.

Michael H. ist bei der Urteilsverkündung nicht mehr dabei. Kurz nach seiner Aussage hält er es nicht mehr im Gerichtsaal aus und verlässt die Verhandlung.

Hintergrund

Die Dauer der Beschäftigung: Der Angeklagte war von 2011 bis 2017 und erneut ab 2020 im Klinikum Mittelbaden beschäftigt. Nach dem Bekanntwerden der zweiten Tat im Juli 2020 entließ ihn das Klinikum.
Die Reaktion auf die Vorwürfe: Das erste Opfer Michael H. wandte sich im März 2020 umgehend nach der Tat an die Leitung des Klinikums. In einem Personalgespräch bestritt der Pfleger die Vorwürfe. Michael H. erstatte keine Anzeige. Der Pfleger blieb vorerst weiter im Dienst.
Die Medikamente: Ein Grund, warum die Klinikleitung die Sache im März 2020 auf sich beruhen ließ, waren auch die Medikamente, die Michael H. im Zuge der Behandlung bekam. Das Klinikum argumentiert in einer Stellungnahme, diese könnten Wahrnehmungsstörungen auslösen. Dem widersprach in der Verhandlung allerdings Gutachterin Ulrike Schmidt. Nach Angaben der Gerichtsmedizinerin wirken die verordneten Mittel nicht halluzinogen.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Holger Siebnich

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Erstellt:
22. November 2021, 18:56 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 44sec

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