Missbrauchsopfer aus Mittelbaden bricht schweigen

Baden-Baden (BNN) – 50 Jahre ist es her, dass Andreas S. in Mittelbaden zum Opfer eines sexuelles Übergriffes durch einen Priester wurde. Eine Tat, die sein leben bis heute belastet.

Wie ein Schatten liegt ein jahrzehntelang zurückliegendes Geschehen über den Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester.  Foto: Harald Tittel/dpa

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Wie ein Schatten liegt ein jahrzehntelang zurückliegendes Geschehen über den Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester. Foto: Harald Tittel/dpa

Nur einmal in diesen zwei Stunden spricht Andreas S. das Wort Pfarrer aus. Alles in ihm widerstrebe sich, „diesen Menschen so zu nennen“. Andreas S. ist mittlerweile 62 Jahre alt, und er ist vor einem halben Jahrhundert das Opfer eines sexuellen Übergriffes geworden. Der Täter: ein katholischer Priester, in einem Dorf irgendwo in Mittelbaden.

Viele Jahre hat S. die Erinnerung mit sich herumgetragen, er hat sie in sich abgeschlossen. Sie ist wie ein Gift, das seine Wirkung langsam, ganz langsam entfaltet. Und immer noch wirkt es. Andreas S. ist nicht der wirkliche Name des Mannes. Ginge es nur um ihn, er würde sofort auf jedem Podium sprechen, sagt er. Aber um seine Kinder und die Eltern zu schützen, wolle er anonym bleiben. Außer in einer Therapie und mit einer Rechtsanwältin habe er nie ausführlich über das Thema gesprochen. Dass er nicht der einzige war im Dorf, der zum Opfer geworden ist, weiß er. Auch bei einem Klassentreffen sei das einmal ein Thema gewesen, aber nur ganz kurz. Jetzt möchte S. erzählen, wie es sich anfühlt, so hilflos zu sein, dass niemand verstehen kann, „was so etwas mit einem Menschen macht“.

Die Ängste, dass andere Menschen einem nicht glauben, „das ständige Hinterfragen, warum glauben die mir nicht, das Gefühl sich ständig rechtfertigen zu müssen“. S. wiederholt einzelne Details immer wieder. Dass er noch Glück gehabt habe, andere viel schlimmere Erlebnisse gehabt und zu verarbeiten hätten („so pervers es sich anhört, ich bin da einer der Glücklicheren“), dass immer wieder ein Gefühl der Enttäuschung aufkomme. Diese Wiederholungen sind Bitten, ein Schrei nach Verständnis für die eigene Situation. Immer ist da die Angst, keinen Glauben zu finden. Es ist viel von Vertrauen die Rede in diesem Gespräch, genauer: um den Verlust von Vertrauen, den Verlust der Fähigkeit, anderen zu vertrauen. Und wie eine Tat ein ganzes Leben belastet.

Der Moment, der alles veränderte

Frühe 1970er-Jahre. Andreas S. ist Ministrant. Der Pfarrer hat ihn zu sich ins Arbeitszimmer bestellt. Dort fängt er ohne ersichtlichen Grund an, über Frauen und Mädchen zu sprechen, über Sexualität. Ob S. schon Bilder nackter Frauen und Mädchen gesehen habe, will der Pfarrer wissen. Der Junge erstarrt zur Salzsäule. Der Pfarrer geht auf ihn zu, will wissen, ob S. schon etwas spüre, und greift ihm urplötzlich in den Schritt, um zu sehen, ob der Junge eine Erektion hat. Wenn er irgendwelche Fragen haben sollte oder etwas brauche, könne er ihm helfen, sagt der Pfarrer noch, ehe S. das Pfarrhaus verlässt. In seinem Kopf herrscht das komplette Chaos.

Warum er überhaupt dort war, wie er nach Hause gekommen ist, all das weiß S. nicht mehr. Vieles von diesem Tag ist komplett aus dem Gedächtnis verschwunden, nur diese Sekunden im Pfarrhaus haben sich tief eingebrannt. „Ich wusste, dass etwas passiert war, das nie hätte passieren dürfen.“

Zu Hause darüber sprechen? Ausgeschlossen: „Der Mann war in der Gemeinde fast schon ein anbetungswürdiger Heiliger. Beim Mittagessen am Sonntag wurde oft über seine Predigt gesprochen. Meist ging es um die Nächstenliebe, das war sein großes Thema.“ Auf Kinder sei er offen zugegangen, ungemein nett und anziehend. Und dann sagt S. bitter: „Er war wie der Rattenfänger von Hameln.“

S. verdrängt das Geschehen gründlich, heute versteht er das als Schutzreflex. Nur gelegentlich blitzt etwas davon auf; als er es den schockierten Eltern erzählt, als er mit seiner künftigen ersten Frau zum Ehegespräch geht – es findet ausgerechnet in jenem Arbeitszimmer statt, mit eben jenem Pfarrer. Noch heute kann sich S. das nicht erklären, er ist immer noch schockiert: „Ich schäme mich dafür sehr.“

„Wie ein Stein, den man ins Wasser wirft“

S. spricht langsam, wählt seine Worte sorgfältig, sucht nach ihnen, die Gesichtsmuskeln arbeiten. Er kämpft mit seinem Dämon. Diese Augenblicke damals, sie prägen sein Leben. Bis heute. Lange ist ihm das nicht klar.

Als S. an einer Depression erkrankt und auch die Familie zunehmend belastet wird, begibt er sich in Therapie. Eineinhalb Jahrzehnte ist es her. „Ja, da besteht ein Kausalzusammenhang mit dem Geschehen damals“, sagt er. „Das ist wie ein Stein, den man ins Wasser wirft und der seine Kreise zieht.“ In der Therapie, aber auch mit zunehmender Lebenserfahrung sei ihm vieles klar geworden. Seine Schwierigkeiten, Vertrauen aufzubauen, Überreaktionen in verschiedenen Situationen: lange habe er das nicht einzuordnen gewusst, sich gefragt: „Was stimmt nicht mit mir?“. Die Tat habe in einer Phase, „wo ich mit Sexualität noch nichts anzufangen wusste, meinen Weg nicht gefunden hatte, etwas in mir ausgelöst, das viele Auswirkungen hatte“.

Die Last werde er nicht mehr los, sagt S.. Ja, sie sei nicht mehr so schwer, aber ganz abschütteln lasse sie sich nicht. Das liege auch daran, dass sie nicht auf einen bestimmten Punkt zu fokussieren sei: „Was mir passiert ist, hat eine Streuwirkung wie ein Schrotschuss gehabt. Ich kann damit umgehen, aber es kommen immer wieder Phasen, in denen es nicht gut geht.“ Man müsse lernen, solche Situationen zu erkennen und dann die richtigen Entscheidungen zu treffen. „Das ist der größte Erfolg, den man haben kann.“ Es sei immer noch da, das schwarze Loch, das ihn oft schon zu verschlingen gedroht habe, doch es zieht ihn jetzt nicht mehr hinein: „Ich laufe aber immer an seinem Rand herum.“

Entschädigung für Jahrzehnte des Leids?

Als 2010 mit Berichten über den Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg der Skandal aufbricht, zieht es S. wieder näher an den Krater, jeder Beitrag lässt die eigenen Erinnerungen wieder wach werden. Er meldet sich bei der Erzdiözese in Freiburg. Er kann mit einer Rechtsanwältin sprechen, der er eine hervorragende Arbeit bescheinigt. Sein Wunsch, mit einem Vertreter des Ordinariats zu sprechen, wird erfüllt: „Er hat mir 20 Minuten zugehört und zugestimmt, als ich sagte, wie schlimm ich es fand, dass der Erzbischof alles mitgetragen habe.“ Täter seien versetzt worden und hätten sich an ihrer neuen Stelle erneut schuldig gemacht, so war das auch in diesem Fall.

Aus einem Fonds, den die Erzdiözese auflegt, erhält Andreas S. 5.000 Euro. Es soll ein Ausgleich für jahrzehntelange Probleme sein. Ob das angemessen ist, das leitet ihn nicht, wenn er den Aufarbeitungsprozess in der Kirche als beschämend bezeichnet. Die Institution hat er verlassen, seinen Glauben aber hat er nicht verloren. „Ich bin ein gläubiger Mensch“, sagt er von sich. „Aber die Kirche vertritt nicht Gott, nicht die Lehre Jesu. Sie ist eine weltliche Organisation von Menschen, die meinen, Führungsqualität und Anspruch zu besitzen. Es geht ihnen nicht um den Glauben, sondern um die Institution.“ Das sei gerade im Missbrauchsskandal deutlich zu erkennen.

Anfang des vergangenen Jahres hat S. ein Schreiben wegen einer weiteren Opferentschädigung erhalten. Ein Jahr lang lässt er es unbeantwortet liegen, zu sehr reißt das alles wieder auf. Erst dann kann er sich gemeinsam mit der Therapeutin über das Papier beugen. „Was dieser Mensch angerichtet hat, geht nie ganz weg“, sagt der 62-Jährige. Er habe seine Therapeutin und wisse sich in der Familie geborgen. Am Ende aber ist Andreas S. doch immer allein mit seinem Dämon: „Das Entsetzen kann niemand nachvollziehen, der es nicht erlebt hat. Wie es in mir aussieht, kann sich niemand vorstellen.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Wilfried Lienhard

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Erstellt:
2. April 2022, 11:00 Uhr
Lesedauer:
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