Missstände sollen aus Gernsbacher Altstadt verschwinden

Gernsbach (stj) – Die Perle des Murgtals hat an Glanz verloren. Der soll jetzt bis 2030 sukzessive zurückkehren: Einstimmig hat der Gemeinderat am Montag das Sanierungsgebiet Altstadt II beschlossen.

Schöne Bescherung: Mit der Aufnahme in das Städteförderprogramm will Gernsbach seine Altstadt (hier die Hofstätte) aufpolieren. Foto: Harry Mühlberger

© hry

Schöne Bescherung: Mit der Aufnahme in das Städteförderprogramm will Gernsbach seine Altstadt (hier die Hofstätte) aufpolieren. Foto: Harry Mühlberger

Dieses sieht neben städtischen Maßnahmen erstmalig auch vor, verstärkt private Erneuerungsprojekte zu fördern.

Der Zuwendungsbescheid des Regierungspräsidiums Karlsruhe liegt bereits seit Februar im Rathaus. Seither hat die beauftragte STEG (Stadtentwicklung GmbH, Stuttgart) die Planungen konkretisiert. Die vorbereitenden Untersuchungen sind nun abgeschlossen, die Sanierungsziele für die Altstadt mit einem Maßnahmenkonzept festgezurrt sowie eine Kosten- und Finanzierungsübersicht aufgestellt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Bereichen Qualität der Altstadt, Wohnen und Verkehr.

Denkmalpflegerisch wertvolle Bausubstanz soll somit gesichert, die Gesamtanlage einschließlich der historischen Stadtmauer sowie ortsbildprägender Gebäude erhalten werden. Zudem strebt man eine zeitgemäße und nachhaltige Weiterentwicklung des historischen Ortskerns und dessen gestalterische Aufwertung des öffentlichen Raums an. So fasste Dr. Frank Friesecke, Prokurist und Geschäftsfeldleiter für Stadtentwicklung bei der STEG, die Sanierungsziele für die nächsten Jahre zusammen.

Flexibles Verfahren

Bei seiner Präsentation im Gemeinderat betonte der Experte, dass man im Laufe des Verfahrens flexibel bleibe: So könne das Gebiet erweitert und die Laufzeit verlängert werden; auch eine Aufstockung des Förderrahmens sei möglich, erläuterte Friesecke und verwies auf den Koalitionsvertrag der Ampel in Berlin: Dieser sehe unter anderem vor, die Städtebauförderung auszubauen. Mit dem Sanierungsgebiet Altstadt II ist Gernsbach im Bund-Länder-Programm „Wachstum und nachhaltige Erneuerung“. Dessen Förderrahmen beläuft sich auf 1,5 Millionen Euro. Daran beteiligen sich der Bund und das Land Baden-Württemberg mit insgesamt 60 Prozent (900.000 Euro) und die Stadt mit ihrem Eigenanteil von 40 Prozent (600.000 Euro).

Die Fördersätze für Projekte in der Altstadt richten sich nach dem Status des jeweiligen Gebäudes. Bei einem Kulturdenkmal sind dies 40 Prozent (bei einem Höchstsatz von 75.000 Euro) und beim Gesamtensemble Altstadt 25 Prozent (Maßnahmen innerhalb des Gebäudes) beziehungsweise 40 Prozent (Maßnahmen außen am Gebäude) – jeweils bei einem Förderhöchstsatz von 60.000 Euro.

„Mit dem Rahmenplan haben wir unsere Ziele für die Altstadt beschlossen. Das jetzt aufgelegte Förderprogramm legt den Grundstein, diese Ziele zu finanzieren und setzt zum ersten Mal auch finanzielle Anreize für private Sanierungen“, freute sich Bürgermeister Julian Christ. Er kündigte an, die Förderbedingungen übersichtlich in einer Broschüre zusammenzufassen und sie den Eigentümern im Laufe des Jahres 2022 zur Verfügung zu stellen. Zudem sei im ersten Quartal eine Auftaktveranstaltung geplant.

Verkehrsberuhigung maßvoll umsetzen

Eine solche sei „dringend geboten“, meinte Uwe Meyer. Der Fraktionschef der Freien Bürger sprach angesichts der vielfältigen Interessen, die es in der Altstadt unter einen Hut zu kriegen gelte, von keiner leichten Aufgabe – vor allem im Blick auf die Verkehrsentlastung der Innenstadt bis hin zur verkehrsfreien Altstadt. Diesbezüglich mahnte sein Fraktionskollege Thomas Knapp eine „maßvolle Vorgehensweise“ an: Eine teilweise Sperrung der Altstadt könne erst dann erfolgen, wenn das Parkhaus auf dem Färbertorplatz steht und die Fußgängerbrücke vom Wörthgarten her da ist. Ansonsten drohe dem ansässigen Gewerbe ein weiterer Aderlass, ist sich der Optikermeister sicher, der ein Geschäft in der Hauptstraße unterhält.

Alle Fraktionen waren sich einig, dass die Einbindung der privaten Hausbesitzer, der Gastronomen und Einzelhändler „absolut gewinnbringend“ sei. Der Gemeinderat selbst könne als Multiplikator in der Bürgerschaft wichtige Zeichen setzen, betonte Volker Arntz (SPD): Zum einen, wenn er das Konzept mit breiter Mehrheit verabschiedet, zum anderen, wenn er es zum Wachsen bringt – durch weitere Beschlüsse und Werbung für private Vorhaben. Das unterstrich Stefan Krieg für die Grünen: „Das Konzept zeigt einen Weg auf, der unseres Erachtens überfällig ist.“ Er betonte allerdings, dass es eine große Herausforderung sei, die historische Bausubstanz der Altstadt in neue Wohnformen zu überführen.

Innenstadt Mitte II ist Geschichte

Mit der Abrechnung der städtebaulichen Erneuerungsmaßnahme Innenstadt Mitte II ist dieses Sanierungsgebiet in Gernsbach Geschichte. Gleichzeitig wurde durch diesen einstimmig gefassten Ratsbeschluss der Weg frei gemacht für das neue Gebiet in der Altstadt. Kernprojekt der Innenstadt Mitte II war die Neugestaltung des Salmenplatzes. Seit April 2010 sind durch das Landessanierungsprogramm mehr als 3,16 Millionen Euro in die Papiermacherstadt geflossen. Die verfolgten Ziele in dem rund drei Hektar großen Gebiet waren die Revitalisierung des Stadtquartiers, die Aufwertung des Stadtbilds, die Schaffung eines attraktiven Wohnstandorts, die Neuordnung des ruhenden Verkehrs, private Baumaßnahmen zur Sicherung des Gebäudebestands, öffentliche Baumaßnahmen, eine maßvolle Nachverdichtung (Schließung von Baulücken), Fußwegeverbindungen im Quartier und zur Altstadt sowie die Stärkung der ökologischen Komponente.

„Ich bin überzeugt, dass die städtebauliche Entwicklung (neues Zentrum) funktioniert“, zog Uwe Meyer ein überwiegend positives Fazit. Allerdings mit Luft nach oben: „Die bauliche Umsetzung ist sicherlich nicht überall zu 100 Prozent gelungen“, meinte der Fraktionsvorsitzende der Freien Bürger. Wichtige, große Ziele wie das Neubauprojekt Volksbank, das Haus Olinger (Salmengasse 3) und insbesondere die Modernisierung des denkmalgeschützten Rathauses konnten nicht umgesetzt werden. Letzteres soll nun allerdings als Exklave im neuen Sanierungsgebiet erneut Berücksichtigung finden. „Für uns ist das ein gutes Zeichen, dass jetzt die Altstadt wieder in den Vordergrund rückt“, meinte Dr. Irene Schneid-Horn (SPD).


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.