Mit Begeisterung zurück auf der großen Bühne

Ötigheim (manu/rw) – Zum Start der Gastspieltage bei den Volksschauspielen Ötigheim (VSÖ) haben Annett Louisan und Vicky Leandros ihre Fans begeistert.

Vicky Leandros zieht in Ötigheim alle Register und steuert mit zwei Dutzend Titeln auf ein furioses Finale zu, bei dem sie im Applaus baden darf. Foto: Rainer Wollenschneider

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Vicky Leandros zieht in Ötigheim alle Register und steuert mit zwei Dutzend Titeln auf ein furioses Finale zu, bei dem sie im Applaus baden darf. Foto: Rainer Wollenschneider

„Das ist eine traumhafte, märchenhafte Kulisse“, lobt Annett Louisan am Freitagabend das Ambiente auf Deutschlands größter Freilichtbühne; sie macht mit ihrer Band erstmals Station hier.

Vokabelreiche Songs, textlich akrobatisch arrangiert, sind ihr Markenzeichen. Geschickt kombiniert die zierliche Sängerin ihren sehr reinen Sopran, den sie im Wechselspiel grazil-weich und kräftig-markant einzusetzen vermag, mit spitzfindigem Sprechgesang. Musikalisch erzählt sie mittels vielsagender Inhalte bissig und melancholisch, unverblümt und direkt, aber immer in übersichtlichen Sätzen Geschichten, die das Leben schrieb. Ihre Songs sind echt, ermutigen, richten auf, halten den Spiegel vor, machen Spaß, lassen reflektieren, sorgen für gute Laune und immer wieder für baffes Erstaunen. Letzteres besonders, wenn sie im weiten Kollegenkreis in allen denkbaren Sparten nach Liedern stöbert und diese für sich unverwechselbar neu zurechtschneidert, wie den Marianne-Rosenberg-Hit „Marleen“.

Louisan debütierte sehr erfolgreich im Jahr 2004 mit der Single „Das Spiel“. „Bohème“ hieß das erste Album der kleinen Frau mit riesigem Charisma. Acht weitere Alben folgten, das neueste mit dem Titel „Kitsch“ veröffentlichte sie im August 2020. Es besteht aus Coverversionen, während „Kleine große Liebe“ aus dem Jahr 2019 in Liedern von Louisans eigenem Lebensweg berichtet.

Louisan: Querbeet durchs Repertoire

In Ötigheim eröffnet sie dem Publikum, dass sie an diesem Abend einfach das spiele, worauf sie Lust habe, „querbeet durch mein Repertoire“. Louisan teilt ihre Glücksgefühle mit, endlich wieder vor Zuschauern stehen zu dürfen. Der Funke der Vertrautheit springt sofort auf die Besucher über, als sie die Auftrittsplattform betritt. Offen und herzlich sucht sie Kontakt zu den Menschen im Auditorium, schafft mit ihrer liebenswerten Moderation eine familiäre Verbundenheit.

Zu schaffen macht ihr die badische Schwüle. „Ich fühle mich wie kurz vor dem Hitzeschlag“, bekennt sie, lässt sich in ihrer Performance jedoch nichts von der Belastung anmerken. Zu hören gibt es eine wunderschöne Liederauswahl, darunter „Sexy Loverboy“, „Das Gefühl“, „Die nächste Liebe meines Lebens“, „Drück die Eins“, „Eve“ und den im Lockdown entstandenen Song „Wir sind verwandt“. Dabei stellt die Sängerin auch neue, unveröffentlichte Titel vor.

Die Stimmung im Publikum ist genießerisch entspannt. Der immer wieder aufbrandende Applaus der rund 700 Fans spricht für die Qualität des Konzerts.

Leandros zieht alle Register

Tags darauf dann ein mehr als zweistündiger, beeindruckender Auftritt von Vicky Leandros: Die Reaktionen der rund 400 Besucher spiegeln von Anfang wider, was die Sängerin zu leisten in der Lage ist. Jung geblieben, zieht die 68-Jährige alle Register und steuert mit zwei Dutzend Titeln auf ein furioses Finale mit nicht enden wollendem Applaus und Jubelrufen zu. Kein Wunder, denn die gebürtige Griechin, die „Après toi“, den Siegertitel beim Eurovision Song Contest 1972 an den Anfang stellt, agiert trotz Corona-Distanz mit ihren Anmerkungen dicht am Publikum. Und dieses lässt sich von dem internationalen Star in den Bann ziehen, der vor drei Jahren sein 50-jähriges Bühnenjubiläum feierte und mehr als 55 Millionen Tonträger verkauft hat. Das Publikum erlebt zudem eine ausgefeilte Lichtregie, ein vierköpfiges Begleitensemble unter der musikalischen Leitung von Michael Hagel – und nimmt auch Anteil an Vicky Leandros‘ Kampf mit den vielen Ötigheimer Mücken.

„Das Leben und ich – Die großen Erfolge“ steht über dem Auftritt der Wahlhamburgerin, und diese schildert Stationen ihres Lebens, die musikalisch untermalt werden. Dabei fallen die zahlreichen Ohrwürmer und das enorme Spektrum des Repertoires auf. Bei Titeln wie „Ich bin, wie ich bin“ oder „Ich liebe das Leben“ muss das Publikum einfach mitklatschen und mitsingen.

Bewirtung wieder im Freilichtfoyer

Eine musikalische Weltreise führt mit „Le temps des fleurs“ nach Frankreich und in einem Musikblock auch nach Japan – samt Karaoke-Einlage zur Freude des Publikums. Natürlich geht es musikalisch auch nach Griechenland mit den Titeln „To Fengari“ und „Millisse Mou“. Und Vicky Leandros schildert, wie sie sie vor 7.000 Besuchern in der Londoner Royal Albert Hall einst den Text vergaß.

Dass die in Korfu geborene Sängerin auch sonst engagiert ist, belegen der Titel „Valentin“ zum Umgang mit Homosexualität oder „Verlorenes Paradies“. In einem Lied aus dem Jahr 1984 klagt Vicky Leandros über Gift auf Feldern und den rücksichtslosen Umgang mit der Natur. Natürlich darf im Finale „Ja, der Peter, der ist schlau“ und „Theo, wir fahren nach Lodz“ nicht fehlen. Da badet die sympathische Sängerin im Applaus des Publikums, das mit Cohens „Halleluja“ und einem A-capella-Lied beruhigt werden kann.

Nach dem jüngsten Corona-Lockerungsschritt konnten die VSÖ vor den Konzerten und in der Pause wieder im Freilichtfoyer bewirten. In der anmutigen Naturoptik war Flanieren erlaubt, man kam am Freitag auch wieder bei Sekt, Sommerschorle, Bratwurst und Pulled-Pork-Burger im weiten Gelände zum Plaudern zusammen. Selbst das Picknick auf dem Rasen war zurückgekehrt.

Und die Maske? Ihr kam im Begegnungsgeschehen eine unverzichtbare, wichtige Rolle zu, aber generell war sie keine Spaßbremse mehr.

Sing sich querbeet durch ihr Repertoire und trotzt der badischen Schwüle: Annett Louisan. Foto: Manuela Behrendt

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Sing sich querbeet durch ihr Repertoire und trotzt der badischen Schwüle: Annett Louisan. Foto: Manuela Behrendt


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