Mit Buttersäure und Urin gegen Kundgebung

Baden-Baden (hol) – Äußerungen im Internet bringen den Baden-Badener Diakon Stefan Lutz-Bachmann und den kurstädtischen SPD-Chef Werner Henn unter Druck.

Facebook-Kommentare bringen den Baden-Badener SPD-Chef und einen katholischen Gemeindediakon in Bedrängnis.  Symbolfoto: Chris Delmas/afp

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Facebook-Kommentare bringen den Baden-Badener SPD-Chef und einen katholischen Gemeindediakon in Bedrängnis. Symbolfoto: Chris Delmas/afp

Der Vorsitzende der kurstädtischen SPD, Stadtrat Werner Henn, und der katholische Gemeindediakon Stefan Lutz-Bachmann stehen wegen Äußerungen, die sie auf Facebook getätigt haben, gewaltig unter Beschuss. Ihnen wird vorgeworfen, im Zusammenhang mit der sogenannten Schneedemo gegen die Corona-Beschränkungen der Bundesregierung Ende Januar auf Unterstmatt zu Straftaten aufgerufen zu haben.

Stein des Anstoßes sind zwei Stellungnahmen von Werner Henn im Zusammenhang mit dem im Internet veröffentlichten Aufruf zu der Kundgebung gegen die Coronamaßnahmen. In einer Reaktion kündigte Henn damals an: „Ich geh hin. Hoffentlich ist es arsch kalt. Hab eine alte große Wasserpumpgun meiner Kinder gefunden. Werde sie mit Harnsäure füllen – also reinpinkeln – und es dann auf das auserwählte Volk versprühen. Gibt das schöne Eiszapfen.“ Stefan Lutz-Bachmann meinte: „Super! Füllung mit Buttersäure ist auch sehr reizvoll!“

Henn räumte am Montag auf Nachfrage des BT ein, das auch tatsächlich so geschrieben zu haben. Er habe sich dabei aber nicht in seiner Rolle als SPD-Stadtrat geäußert, sondern „als Privatperson Werner Henn“. In dem Beitrag habe man sich über die anstehende Demonstration unterhalten. Er habe seine ablehnende Haltung deutlich machen wollen. „Ist weiß, es war vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss, so zu reagieren, aber wer so auf unseren Rechtsstaat pinkelt, der darf sich nicht wundern, wenn mit den gleichen Mitteln zurückgeschossen wird“, so Henn weiter. In den zurückliegenden Tagen sei wegen seiner Bemerkung „von nicht real existierenden Betroffenen“ ein Shitstorm gegen ihn losgetreten worden.

„Zornige Antwort auf Hasskommentare“

In der Tat herrscht auf der Facebook-Seite von Werner Henn derzeit reger Verkehr. Nutzer wie „Anja Soundso“, „Harry Hirsch“ oder „Pit Zabecker“ regen sich über die von Henn und Lutz-Bachmann gemachten Äußerungen auf, fordern den Rücktritt des SPD-Manns. Viral gingen Henns und Lutz-Bachmanns Äußerungen auch im Messenger „Telegram“, wo sie vergangene Woche von den Organisatoren der Ottersweierer Kundgebungen verbreitet wurden.

Auch Lutz-Bachmann bekommt viel Kritik zu hören. Sein Zitat sei „einfach meine zornige Antwort auf die menschenverachtenden Hasskommentare der Coronaleugner im Internet und die Reaktion auf die rücksichtslosen Anti-Corona-Kundgebungen der sogenannten Querdenker“ gewesen, verteidigt er sich in einem Schreiben an das BT. „Wer – so wie ich – im eigenen Bekanntenkreis Corona-Infizierte beziehungsweise Covid-19-Patienten hatte und in regem Austausch mit Azubis der Fachschule für Pflegeberufe steht, wird meine Reaktion verstehen“, meint er. Ansonsten sei der Geruch von Buttersäure zwar höchst unangenehm, es werde aber niemand durch Aerosole angesteckt.

Henn und Lutz-Bachmann sind nicht nur wegen ihrer Ämter in Politik und Kirche bekannt. Beide gelten als Motoren der Aktion „Baden-Baden ist bunt“, die Kundgebungen gegen Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt organisiert. Sie engagieren sich seit Jahren in der Flüchtlingshilfe und sind in der Europa-Union aktiv.

Kommentar

Fäkalhumor verhallt nicht
Von BT-Redakteur Harald Holzmann

Es ist Fäkalhumor auf dem Niveau eines Dreijährigen, der da von SPD-Stadtrat Werner Henn zum Besten gegeben wird. Seine Worte sind überflüssig und geschmacklos, denn wer will schon wissen, was ein Kommunalpolitiker mit seinen Körperausscheidungen anfängt? Stefan Lutz-Bachmann, Gesprächspartner am virtuellen Stammtisch, setzt noch eins drauf. Und so ist das kurze Zwiegespräch ein weiteres trauriges Beispiel dafür, auf welche Weise öffentliche Statements heute viel zu oft abgegeben werden. Nicht Zuhören und Argumentieren sind angesagt, sondern das Rausschreien der Wut, Andersdenkende verächtlich machen und verurteilen. Facebook hat diese Entwicklung sicherlich befeuert. Wenn die beiden nun glauben, ihre Worte seien quasi im privaten Raum gefallen, so irren sie sich, denn die sozialen Medien, die in Wirklichkeit leider so asozial sein können, sind eben kein Stammtisch. Was dort geschrieben wird, das verhallt nicht zwischen einem Bier und einem Topi in einer verräucherten Kneipe. Und es bleibt in der Regel auch nicht folgenlos. Denn natürlich müssen sich ein langjähriger Kommunalpolitiker und ein stadtbekannter Gemeindediakon fragen lassen, was sie sich gedacht haben bei dem Vorschlag, Demonstranten mit Urin und Säure zu bespritzen. Die Antwort liegt auf der Hand: wahrscheinlich nicht viel. Zugegeben: Wer Corona-Gegnern zuhört und ihre Äußerungen im Internet liest, den kann durchaus stellenweise kalte Wut packen. Und natürlich sind Henn und Lutz-Bachmann jetzt auch Opfer eines politisch motivierten Shitstorms. Doch das ist keine Entschuldigung für ihre öffentliche Entgleisung. Mit den Äußerungen haben sich zwei Männer diskreditiert, die man sonst so gut kennt für ihren Einsatz für ein besseres Miteinander der Menschen in Baden-Baden. Das ist traurig.

Ihr Autor

BT-Redakteur Harald Holzmann

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Erstellt:
9. März 2021, 11:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 16sec

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