Mit Charme zum Ruhme Gottes unterwegs

Baden-Baden (tr) – Die Vespa wird 75 Jahre alt: Audrey Hepburn und Gregory Peck sorgten für den ersten Boom und ein italienisches Lebensgefühl auf zwei Rädern. Was ist so besonders an dem Kult-Roller?

Die erste Vespa kam vor 75 Jahren auf den Markt. Foto: dpa

© dpa

Die erste Vespa kam vor 75 Jahren auf den Markt. Foto: dpa

Enrico Piaggio war offensichtlich nicht allzu begeistert, verglich er beim ersten Anblick eines Prototypen diesen doch mit einer Wespe. „Sembra una vespa“, soll der Inhaber des Fahrzeugproduzenten gesagt haben, als ihm sein Ingenieur Corradino D’Ascanio 1946 ein Roller-Modell präsentierte. Den Auftrag an den eigentlichen Hubschrauber-Konstrukteur hatte der italienische Unternehmer klar formuliert: Er wollte den Menschen nach den Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs ein günstiges, aber ansprechendes Transportmittel anbieten – ein motorisiertes Zweirad, „dem auch das Befahren schadhafter Straßen nichts anhaben konnte“, wie es in historischen Quellen heißt.

Gesagt, getan – und getauft! Schon bald verließen erste „Wespen“ die Produktionshallen im toskanischen Pontedera in der Nähe von Pisa. 55.000 Lire kosteten die Modelle der ersten Baureihe, damals rund 160 D-Mark. Ausgestattet mit 3,2 PS und 98 cm³ Hubraum, brachten sie es mit ihrem Zweitaktmotor immerhin auf 60 Stundenkilometer.

Zwei Traditionen auf einem Bild: Schwarzwaldmädel Damaris mit Bollenhut trifft auf einen italienischen Kult auf zwei Rädern. Foto: Thomas Riedinger

© tr

Zwei Traditionen auf einem Bild: Schwarzwaldmädel Damaris mit Bollenhut trifft auf einen italienischen Kult auf zwei Rädern. Foto: Thomas Riedinger

„Jung, modern – und ohne Lizenz“ lautete der damalige Werbespruch – auch, weil der Scooter in Italien ohne Führerschein ab 14 Jahren gefahren werden durfte. „Paperino“ (Entchen) nannten die Italiener liebevoll ihre Roller mit dem breiten Hinterteil und der schmalen Taille. Den Sprung über die Alpen schaffte die Wespe in den 1950er Jahren – populär wurde sie unter anderem aufgrund einer ziemlich turbulenten Fahrt zweier Schauspieler durch Rom: Gregory Peck und Audrey Hepburn sausten mit einer lindgrünen Vespa in dem Film „Ein Herz und eine Krone“ („Roman Holiday“) 1953 durch die Ewige Stadt – noch wilder, als dies die Römer heute noch tun. Nicht nur für den Roller, sondern auch für Hepburn war es der internationale Durchbruch. Für ihre Rolle als junge Prinzessin auf Abwegen erhielt sie sogar einen Oscar. Fotos dieser spektakulären Spritztour zieren bis heute Kalender und Postkarten. Für einige Filmszenen waren erfahrene Rollerfahrer im Einsatz, für die Nahaufnahmen setzte man die beiden Schauspieler mit ihrem Roller auf einen Hänger, die Kamera stand auf der Zugmaschine. Angeblich soll Gregroy Peck mit der Handschaltung nicht zurechtgekommen sein. Heutzutage wäre das aufgrund der Variomatik auch für US-Darsteller kein Problem mehr.

Schrauber-Fraktion: Giovanni (rechts) und Markus. Foto: Thomas Riedinger

© tr

Schrauber-Fraktion: Giovanni (rechts) und Markus. Foto: Thomas Riedinger

Das Lächeln der charmanten Hepburn, viele weitere Auftritte in Filmproduktionen sowie Werbespots ließen die Vespa zum Inbegriff italienischer Lebensfreude werden. Auch Filmdiven wie Sophia Loren oder Gina Lollobrigida postierten auf oder neben chromglänzenden Modellen. In Federico Fellinis Filmklassiker „La Dolce Vita“ jagten 1960 gleich mehrere Paparazzi auf Vespas der hübschen Anita Ekberg hinterher, die schließlich mit Marcello Mastroianni in eleganter Abendgarderobe im Trevi-Brunnen ein nächtliches Bad nahm.

Die Szene wurde auf Bildern ebenso verewigt wie Wespen auf Leinwänden oder bunten Urlaubspostkarten. Als ein industrielles „Design-Kunstwerk“ bezeichnete ein Turiner Gericht vor einigen Jahren die Original-Vespa und verbot chinesischen Produzenten den Verkauf ihrer „Ves“ in Italien. Mit dem Urteil der Richter hatte der Roller einen neuen Status erreicht, und zwar alle Varianten, die seit 1948 auf den Markt kamen.

„Vespisti“ nennen sich eingefleischte Rollerfahrer der Kultmarke aus der Toskana – aufgeteilt in Schrauber und Oldtimerfans, Alltagsnutzer und natürlich auch Italienliebhaber: „Wenn ich mit der Vespa durch München fahre, bin ich dem Strand näher als meinen Alltagssorgen“, schreibt Buchautor Marco Maurer in seiner gerade erschienen literarischen Liebeserklärung „Meine italienische Reise“. Auf dieser ist er nicht mit einem Roller, sondern einem anderen Kultvehikel aus Bella Italia unterwegs – einem Fiat Cinquecento.

„Prodomo-Fahrer“ sagen eingefleischte Vespisti über Gelegenheitsfahrer, die den Roller schlichtweg „nur“ als einfaches Fortbewegungsmittel nutzen. Im übertragenen Sinne würden sie sich mit einem Brühkaffee statt einem italienischen Espresso zufriedengeben.

Giovanni Marotta lässt sich der Schrauber-Fraktion zuordnen: Der gebürtige Sizilianer erinnert sich gerne an Urlaube in der Heimat: „Dort durfte ich als kleiner Bub schon mit einer Vespa fahren, kontrolliert hat das niemand.“ Zusammen mit Nachbar Markus Schmidt werden in seiner Werkstatt in Bischweier alte Modelle auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. „Der Aufbau ist einfach, das erleichtert die Arbeit.“ Viele Oldtimer besorgen sie sich auf Sizilien, gerade arbeiten die „Schrauber“ an einer 125er PX mit einer Benzin-Ölmischung. Benzinhahn auf – und los geht das Knattern.

Lob und Segen von Papst Pius XII

Motorisierte Legende vor italienischer Kulisse. Foto: Thomas Riedinger

© tr

Motorisierte Legende vor italienischer Kulisse. Foto: Thomas Riedinger

Neben liebevoll restauriert und gepflegt, werden Vespas gerne auch zu schrillen Custom-Rollern umgebaut und modifiziert. Aufwendig in Szene gesetzte Veränderungen – unter anderem durch besondere Lackierungen – sollen sie einzigartig machen.

Vor rund fünf Jahren präsentierten die italienischen Konstrukteure auf der Motorradmesse in Mailand eine Elettrica-Studie, basierend auf der aktuellen Primavera-Reihe. Im Frühjahr 2018 folgte der Markteinstieg des E-Modells mit einer angegeben Reichweite von 100 Kilometern.

Rund 20 Millionen Mal wurde die Vespa seit ihrer Premiere vor genau 75 Jahren produziert. Das millionste Modell hatte Papst Pius XII. sogar gesegnet – weil dieses Fortbewegungsmittel die Gläubigen sicher und schneller zu den Gottesdiensten bringen würde. „Eine größere Geschwindigkeit zum Ruhme Gottes“, soll der Papst erklärt haben. Nachzulesen ist die Story in dem Buch „Motorlegenden – Vespa“ von Eric Dregni. Laut einem Bericht des Vatikans hätten italienische Priester damals 30.850 Motorroller besessen und damit ihre Schäfchen besucht.

Neben hübschen Damen in Petticoats, eleganten Männern in Sakkos oder eben Priestern in ihren Roben sitzen seit jeher auch Bauern mit Kartoffelsäcken oder gar Federvieh, geschäftige Menschen mit Lampen oder sonstigem Hausrat auf dem weichen Sattel ihrer Vespa. Römische Familien verstehen ohnehin nicht, warum es sich bei dem Roller um einen Zweisitzer handeln soll.

Italienisches Lebensgefühl auf einer Wespe. Foto: Piaggio

© dpa

Italienisches Lebensgefühl auf einer Wespe. Foto: Piaggio

Zahlreiche andere Vorteile sind naheliegend: Durch den „freien Zugang“ wie bei einem Damenfahrrad können Frauen „ebenerdig“ einsteigen und auch mit einem Rock fahren, ohne allzu viel Bein freizugeben. In den 50er und 60er Jahren saßen viele Italienerinnen sogar noch schräg auf einer Vespa – natürlich frisurschonend ohne Helm, wie auch ihre männlichen Kollegen.

An einen Kopfschutz haben sich die meisten Vespisti mittlerweile gewöhnt, ihren Fahrstil durch die Straßen von Rom, Verona oder Mailand allerdings nicht geändert: An einer roten Ampel reihen sie sich bis heute nebeneinander auf, um möglichst flott bis zum nächsten unfreiwilligen Halt zu kommen. Schneller unterwegs als mit dem Auto oder Bus ist man in den Städten auch hierzulande allemal. Man muss dabei ja nicht gleich wie Gregory Peck und Audrey Hepburn Marktstände und Bistrotische über den Haufen fahren.

Urlaubsgrüße aus Bella Italia – da darf die Vespa neben Sehenswürdigkeiten vom Garadsee natürlich nicht fehlen. Foto: Thomas Riedinger

© tr

Urlaubsgrüße aus Bella Italia – da darf die Vespa neben Sehenswürdigkeiten vom Garadsee natürlich nicht fehlen. Foto: Thomas Riedinger


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.