Mit Einkaufszettel, allen Sinnen und Kreativität

Rastatt (BT/fh) – 75 Kilogramm Essen pro Kopf und Jahr landen in der Tonne. Auf Lebensmittelverschwendung machen darum derzeit Aktionswochen aufmerksam. Das Landratsamt Rastatt hat wertvolle Tipps.

Die jährliche Abfallmenge an Lebensmitteln in Deutschland beträgt insgesamt zwölf Millionen Tonnen. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

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Die jährliche Abfallmenge an Lebensmitteln in Deutschland beträgt insgesamt zwölf Millionen Tonnen. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

Wie wertvoll Lebensmittel sind, ruft das Erntedankfest am morgigen Sonntag ins Bewusstsein. In Zeiten von Pandemie, Klimawandel und der gesteigerten Bedeutsamkeit von Ressourcenschonung erhalten Lebensmittel einen wichtigen Stellenwert. Darauf weist das Landratsamt Rastatt im Rahmen einer Aktionswoche gegen Lebensmittelverschwendung hin.

Der Bezug zum Lebensmittel auf der gesamten Wertschöpfungskette wird demnach zunehmend von den Menschen überdacht. Doch noch immer landen weltweit rund ein Drittel der erzeugten Nahrungsmittel im Müll, wie aus Zahlen des Bundeszentrums für Ernährung hervorgeht. Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche „Deutschland rettet Lebensmittel“, der landesweiten Aktionswoche „Lebensmittelretter – neue Helden braucht das Land“ des Landes Baden-Württembergs wird derzeit aktiv mit Vorträgen und Projekten auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht.

Während ein großer Teil der Weltbevölkerung an Hunger leidet, können andere aus einer Vielzahl an Produkten ihre Esskultur nach eigenem Belieben gestalten, schreibt das Landratsamt weiter. Weltweit sind 815 Millionen Menschen von Hunger betroffen, so das Bundeszentrum für Ernährung, – auch aufgrund der Lebensmittelverschwendung. Allein in deutschen Privathaushalten werden demzufolge mindestens 75 Kilogramm pro Kopf und Jahr an Lebensmitteln weggeworfen, was mindestens sechs Millionen Tonnen entspricht. Die jährliche Abfallmenge an Lebensmitteln in Deutschland beträgt insgesamt zwölf Millionen Tonnen. Im Privathaushalt landen Obst und Gemüse zu 34 Prozent im Müll, gefolgt von zubereiteten Speisen mit 16 Prozent, Brot und Backwaren mit 14 Prozent, Getränken elf Prozent, Milchprodukten neun Prozent, Fertigprodukten sieben Prozent sowie Fleisch und Fisch mit vier Prozent.

Der Verbraucher hat viel Einfluss: Er kann sich beispielsweise beim Bäcker flexibel zeigen. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

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Der Verbraucher hat viel Einfluss: Er kann sich beispielsweise beim Bäcker flexibel zeigen. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

„Besonders in Zeiten der Corona-Pandemie, wo es immer wieder zu kleineren Engpässen in der Versorgung kam, wurde einem bewusst, in welcher Überflussgesellschaft wir leben“, sagt Andrea Ganter, Amtsleiterin des Landwirtschaftsamts im Landratsamt Rastatt. „Ein Nicht-Vorhandensein von beispielsweise Nudeln oder Reis kennen wir nicht, denn wir haben die Möglichkeit, uns jederzeit alles zu kaufen. Dass dieses Selbstverständnis ein Trugschluss ist, konnte beinahe jeder von uns sehen.“

Sie appelliert an die Verbraucher, in deren Hand Angebot und Nachfrage liegen. „Die Frage ist, muss der Bäcker am Abend noch die gesamte Produktpalette anbieten, oder sollte sich nicht viel eher der Verbraucher anpassen, der dann vielleicht kurz vor Ladenschluss kein Roggenbrot mehr bekommt, sondern etwas anderes nehmen muss“, sagt Ganter im Gespräch mit dem BT.

Vergeudung lässt Nachfrage steigen

Handel und auch Gastronomie seien daran interessiert, sich anzupassen und verbraucherorientierter zu ordern, um etwa Obst und Gemüse nicht wegwerfen zu müssen. Eine andere Möglichkeit, die der Kunde nicht immer wahrnimmt, sei, den Überschuss etwa an die Tafeln oder andere karitative Einrichtungen abzugeben. Andere reagierten etwa mit Preissenkungen am Abend. „Das ergibt besonders bei weichen, leicht verderblichen Lebensmitteln Sinn. Es stellt sich immer die Frage: Braucht der Kunde das auch?“, gibt Ganter zu bedenken. Das Thema sei nun mal sehr komplex.

Denn der Lebensmittelmarkt agiert global. So werden zahlreiche Lebensmittel importiert, wodurch es zu weltweiten Auswirkungen kommt. Eine hohe Vergeudung hat zur Folge, dass die Nachfrage an Lebensmitteln am Weltmarkt steigt und damit auch die Preise.

Der Anbau von Erdbeeren beispielsweise erfordert nicht nur Wasser und Energie, sondern auch Arbeitszeit und Ackerfläche. Foto: Peter Steffen/dpa

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Der Anbau von Erdbeeren beispielsweise erfordert nicht nur Wasser und Energie, sondern auch Arbeitszeit und Ackerfläche. Foto: Peter Steffen/dpa

Die Produktion von Lebensmitteln erfordert Ressourcen, neben Wasser, Dünger, Energie, auch Arbeitszeit und Ackerfläche. Im Jahr 2020 waren 538 Betriebe, davon 105 im Haupt- und 433 Nebenerwerbsbetriebe, dem Landwirtschaftsamt Rastatt gemeldet.

Insgesamt 16.901 Hektar im Land- und Stadtkreis werden landwirtschaftlich genutzt, als Ackerland, Dauergrünland oder für Dauerkulturen. Die größte Kulturgruppe ist Getreide, das auf insgesamt 7.908 Hektar angebaut wird. Kaffee wächst zwar nicht in Mittelbaden, doch für ein Kilogramm Röstkaffee werden laut Landwirtschaftsamt 18.900 Liter Wasser verbraucht, und es entstehen 470 Gramm CO2-Äquivalente. Landet das Produkt im Abfall, werden diese Ressourcen verschwendet und das Klima durch CO2-Emissionen, die unter anderem beim Transport entstehen, belastet.

Sich für einen bewussten und nachhaltigen Konsum von Lebensmitteln zu entscheiden, ist der erste Schritt zu einem nachhaltigen Lebensstil. Ganter empfiehlt, sich einen Einkaufszettel zu schreiben. „Vieles wird tatsächlich einfach weggeschmissen, weil die Leute ohne einen Plan einkaufen gehen. Sie machen sich dann oft auch zu wenig Gedanken über die richtigen Portionsgrößen oder darüber, was ihnen überhaupt schmeckt“, gibt sie zu bedenken.

Der Einkaufszettel hilft dabei, nur das zu kaufen, was man wirklich braucht. Foto: Urs Flueeler/dpa

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Der Einkaufszettel hilft dabei, nur das zu kaufen, was man wirklich braucht. Foto: Urs Flueeler/dpa

Die Entscheidung für eine Karotte, die eine außergewöhnliche Form hat, oder für eine Birne mit einer kleinen braunen Ecke, kann bewusst getroffen werden. Der Handel sortiert zwar größtenteils nicht makellose Ware aus, wer sich aber in kleineren Läden oder auf dem Wochenmarkt umschaut, findet auch unperfektes Obst und Gemüse, manchmal sogar zu einem günstigeren Preis, rät Ganter. Auch regionales Einkaufen liegt für viele im Trend. In Mittelbaden vermarkten laut Landwirtschaftsamt 70 Betriebe ihre Produkte direkt. Wer sich darüber informieren möchte, findet etwa in der Broschüre „Produkte aus der Region“ des Landratsamts und der Stadt Baden-Baden die Adressen von vielen Hofläden und Weingütern.

Um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, ist auch ein Blick auf die Haltbarkeit hilfreich. Anhand des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) ist zu erkennen, wie lange ein Produkt seine typischen qualitativen Eigenschaften behält, bei ungeöffneter Verpackung. Nach dem Öffnen ist das MHD nicht mehr aussagekräftig. Dies heißt aber nicht, dass das Produkt dann nicht mehr genießbar ist – es gilt: Was gut schmeckt, riecht und aussieht, ist auch nicht verdorben, so die Empfehlung des Landwirtschaftsamts. Anders sieht es dagegen beim Verbrauchsdatum von leicht verderblichen Produkten aus, darunter fallen frisches Fleisch und Fisch. Diese dürfen nach Ablauf des Datums nicht mehr verzehrt werden, da dies die Gesundheit gefährden könnte.

Wer zum Beispiel seine Einkäufe richtig lagert, kann seine private Menge an Müll reduzieren. Äpfel sollten etwa separat aufbewahrt werden. Fotos: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

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Wer zum Beispiel seine Einkäufe richtig lagert, kann seine private Menge an Müll reduzieren. Äpfel sollten etwa separat aufbewahrt werden. Fotos: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Richtig gelagert halten sich viele Lebensmittel länger. Kartoffeln mögen es dunkel und kühl, Südfrüchte dagegen fühlen sich im Warmen wohler. Äpfel sollten separat gelagert werden, da sie das Pflanzenhormon Ethylen auf ausstoßen und dabei den Reifeprozess von anderem Obst und Gemüse beschleunigen.

Wer zu viele Lebensmittel gekauft hat, kann diese einfrieren. Tomaten lassen sich zu einer Soße verarbeiten, welche bei Bedarf wieder aufgetaut werden kann. Sollten einmal Reste von betagtem Obst und Gemüse aufkommen, müssen diese nicht zwangsläufig in dem Abfall landen. Aus einem schrumpeligen Apfel oder einer braunen Banane lassen sich hervorragende Smoothies zaubern, so der Rat. Gemüsereste können zu einer leckeren Suppe oder auch zu einem Gemüsebratling werden.


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