Mit „Galgenhumor“ wahrgenommen werden

Rastatt (kie) – Mit einer gemeinsamen Aktion möchten Tänzer am heutigen Mittwoch auf ihre Anliegen aufmerksam machen: Sie schicken einen Schuh und einen Nagel ans Kanzleramt.

Tanztraining ist seit Monaten nicht möglich – das hat gravierende Folgen. Foto: Richard Graulich/dpa/Palm Beach Post via ZUMA Wire

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Tanztraining ist seit Monaten nicht möglich – das hat gravierende Folgen. Foto: Richard Graulich/dpa/Palm Beach Post via ZUMA Wire

Ungewöhnliche Post erreicht das Bundeskanzleramt: In den Paketen befinden sich jeweils ein Tanzschuh und ein Nagel. „Die Tanzschuhe an den Nagel hängen“ – das will aber mit Sicherheit keiner der Absender. „Mit der Aktion erhoffen wir uns, ein Ausrufezeichen zu setzen – um wahrgenommen zu werden“, sagt vielmehr Jaš Otrin, Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbands für Tanzpädagogik (DBFT).

Unter dem Hashtag #TanzschuheandenNagelhaengen haben Tanzschulen und deren Mitglieder in den vergangenen Tagen Videos vom Päckchenpacken ins Netz gestellt. Im beigelegten Musterbrief, den die Tänzer dem Paket anfügen sollen, heißt es: „Vor einem Jahr standen zum ersten Mal unsere Ton- und Lichtanlagen still. Seit November 2020 ist unsere Lehre mehr als eingeschränkt – unsere komplette Branche kämpft ums Überleben“. Und weiter: „Tanzen ist ein Teil deutscher Kultur (...)“.

„Alle müssen ums Überleben kämpfen“

Auch Ralf Müller, Juniorchef von Müller’s Tanzschule in Rastatt, hat sich an der Aktion beteiligt. „Wenn man nichts macht, sind wir wieder die letzten“, begründet er. Es könne nicht sein, dass andere Branchen wieder öffnen, Tanzschulen aber weiterhin nicht einmal Einzelunterricht anbieten dürfen. „Die Ungleichbehandlung stört“, stellt Müller fest. Die derzeitige Situation sei „im Prinzip wie ein Berufsverbot“. Zudem reichten die Hilfen der Regierung bei Weitem nicht aus, um die entstandenen Verluste zu kompensieren; er nennt sie „einen Tropfen auf den heißen Stein“. „Alle müssen ums Überleben kämpfen“, sagt Müller, der in der Tanz-Szene gut vernetzt ist.

Edwine Stiegler, Inhaberin des Tanzstudios Edi’s Dance in Baden-Baden, „verliert mittlerweile den Glauben“ und beteiligt sich an der Aktion. Unter anderem hat sie ein Video online gestellt, in dem sie tänzerisch die Schließung der Studios und das Defacto-Berufsverbot versinnbildlicht. Wie sie betont, gehe es ihr dabei nicht um sich selbst, sondern in erster Linie um ihre Schüler und die Tanzlehrer. „Den Kindern tut man ein Verbrechen an“, sagt Stiegler.

Eine „konsequente Strategie“ fehle im Umgang mit der Corona-Pandemie. Ob der kreative Paket-Protest Erfolg zeigen wird und die Tanzstudios wieder öffnen dürfen, sei jedoch eher unwahrscheinlich, so Stiegler: „Einen Plan gibt es keinen. Ich bin äußerst skeptisch und vermute, dass vor Juni gar nichts läuft – außer vielleicht mal draußen“.

Die Idee zur bundesweiten Aktion stammt aus den Reihen des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbands (ADTV). Tanzschulen – gleich, ob auf Gesellschaftstanz oder künstlerischen Tanz ausgerichtet – „fallen durchs Raster“, begründet ADTV-Sprecherin Heidi Schumacher: „Über Monate hinweg kamen Tanzschulen in den Landesverordnungen gar nicht vor“. Sie seien in einen Topf mit Bordellen und anderen Freizeiteinrichtungen geworfen worden: „Tanzschulen sind aber deutlich mehr als Freizeitvergnügen. Sie dienen der kulturellen Bildung und sind Orte der sozialen Begegnung“, so die Verbandssprecherin.

Zwischen Kultur, Sport und Hobby

Bereits im Mai hat ADTV-Präsident Jürgen Ball aus diesem Grund einen Brief an Angela Merkel geschickt, der der BT-Redaktion vorliegt. Tanzschulen sind „systemrelevant“, heißt es darin. Sie seien nicht nur Bildungsstätten, etwa indem sie Kooperationen mit Schulen eingingen, sondern auch Ausbildungsbetriebe und „Einrichtungen der Gesundheitsprophylaxe“.

Eine konkrete Zuordnung fällt der Politik dabei offenbar schwer: Sind Tanzstudios Kultureinrichtungen, Sportstätten, Ausbildungsbetriebe für den Tänzernachwuchs oder eine Freizeitbeschäftigung? Aktuell gelten in Baden-Württemberg für Tanzschulen die gleichen Regeln wie für den Betrieb von Sportanlagen und Sportstätten.

Wie DBFT-Geschäftsführer Otrin erklärt, habe eine Umfrage von drei Tanzverbänden an „3.000 bis 4.000 Tanzschulen“ ergeben, „dass 95 Prozent nicht einen einzigen positiven Fall hatten“. Tanzstudios seien also keine Infektionstreiber. „Die Politik hätte durchaus Möglichkeiten gehabt“, sagt er – und verweist auf das Beispiel der Bundesliga. Er spricht von „katastrophalen Folgen“ der monatelangen Schließungen. Insbesondere jene Tänzer, die kurz vor dem „Vortanzen“ stünden, treffe es besonders hart – zumal die Karriere eines Profitänzers im künstlerischen Bereich kurz ist. Eine „gesamte Tänzergeneration“ könne womöglich „verloren gehen“, so Otrin.

Nun sollen also ein Nagel und ein Schuh auf all diese Probleme aufmerksam machen. „Insgesamt ist das eine witzige Aktion“, sagt ADTV-Sprecherin Schumacher – und fügt an: „aber eben mit Galgenhumor“.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
17. März 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
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