Mit Nietzsche wird alles anders

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal lautet das Thema: „Übermensch“ und Schicksal bei Friedrich Nietzsche.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Er gilt als Enfant terrible der Philosophie. Seine Ansichten wirken entweder verstörend, oder er bekommt Applaus von der „falschen“ Seite. Er, der am Ende seines Lebens unter Tränen ein Pferd umarmt haben soll, aber gleichzeitig mutig von sich selbst als Schicksal sprach und sagte, dass er in einer „starken Luft der Höhe“ lebe, für die man geschaffen sein muss, war eine kränkliche Erscheinung mit einem gewaltigen Einfluss auf die Generationen nach ihm.

Doch seine Prophezeiung, ein Schicksal zu sein, erfüllte sich. Ohne ihn ist moderne Philosophie nicht denkbar: Friedrich Nietzsche, Professor für Philologie in Basel, Komponist, Dichter und – vor allem Philosoph der Beunruhigung.

Geboren wurde er am 15. Oktober 1844 bei Lützen (Sachsen-Anhalt), in eine Pfarrerfamilie hinein. Erzogen von Großmutter, Mutter und Schwester, was manche Biografen mit dafür verantwortlich machen, dass er zeitlebens beziehungsunfähig blieb. Seinem Selbstbewusstsein schadete diese nicht, bereits mit 16 Jahren hatte er drei Versuche, seine Biografie zu verfassen, hinter sich. Als er 1900 starb, ging mit ihm ein Jahrhundert zu Ende, seine Philosophie aber begann: „Ja! Ich weiß, woher ich stamme!/Ungesättigt gleich der Flamme/Glühe und verzehr‘ ich mich./Licht wird alles, was ich fasse,/Kohle alles, was ich lasse: / Flamme bin ich sicherlich.“

Humanistisches Ideal prägt den „Übermenschen“

Nietzsche verwarf die Begrifflichkeiten der Kathederphilosophie und hauchte ihr neues Leben ein mit kraftvoller Bildersprache. Er gilt als Zerstörer der Vernunft, wobei man sich fragen muss, welche Vernunft gemeint sei. Und er drang bis an die Grenzen der Erkenntnisfähigkeit vor und schaute – bildlich gesprochen – in den Abgrund des Verstands, wohlwissend um die andere Seite: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

Für ihn war es Programm, alles in Frage zu stellen und umzuwerten, was als geordnet galt. Bekannt wurde er mit dem Ausspruch: „Gott ist tot“ oder dem „Willen zur Macht“, der sich im „Übermenschen“ konkretisieren solle. Doch gemeint ist nicht ein Wille zur Herrschaft über andere, sondern der Wille zur Selbstbereicherung und -überwindung. Nietzsche machte sich dazu auf, mit seiner Philosophie zugrunde zu gehen und wie Phönix aus der Asche neu aufzusteigen. „Übermensch“ ist ihm nur ein anderer Begriff für eine Entwicklung, die sowohl Kunst wie Moral, Wissenschaft und Gefühl, Dionysisches und Apollinisches in sich vereint. Der Begriff ist durch ein humanistisches Ideal geprägt und eben kein Herrenmensch. Entsprechend dem Ideal wird jener nicht über andere, sondern allein über sich selbst stehen im Sinne der Selbsterkenntnis.

Nietzsches Werk ist Ausdruck einer Krise, der inneren Sehnsucht nach Werten, Transzendenz und Spiritualität, die gleichzeitig aber Lüge, Eitelkeit und Selbstgefälligkeit derjenigen aufdeckt, die solche Werte vertreten. Nietzsches Philosophie wird zu einer radikalen Wahrheitssuche. Er wird zum Entlarver der Leere und Zerstörer leergewordener Begriffe.

Die aufgehende Sonne im Werk Nietzsches ist gleichzeitig die Sonne des neuen, erwachten Menschen, der frei von erstarrender Systematik gelernt hat, sich selbst zu vertrauen. Doch bis dahin ist es ein langer Weg. Zu viele Umwege müssen gegangen werden. Hinweise auf den Weg der Selbsterkenntnis gibt es genügend. Man kann ihn gehen – hier und heute, jetzt und sofort.

Literaturempfehlung: Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra – Ein Buch für Alle und Keinen. Berlin 2011.

In seiner Kolumne philosophierte Wolfram Frietsch vor zwei Wochen über Daheim und den Weg dorthin.

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Erstellt:
11. April 2021, 12:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 44sec

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