Mit Porträts an den Holocaust erinnern

Mannheim (kli) – Der Mannheimer Fotograf Luigi Toscano porträtiert Holocaust-Überlebende. Seine Kunst hat eine Botschaft: Darauf zu achten, „dass unsere Demokratie nicht kaputtgemacht wird.“

Ausstellung „Gegen das Vergessen“ von Luigi Toscano im Karlsruher Hauptbahnhof, August 2021.Foto: Dieter Klink

© Dieter Klink

Ausstellung „Gegen das Vergessen“ von Luigi Toscano im Karlsruher Hauptbahnhof, August 2021.Foto: Dieter Klink

Er hat als erster und bisher einziger Künstler von der Unesco die Auszeichnung „Artist for Peace“ erhalten. Für Luigi Toscano ist der Titel eine Ermutigung für eine aus seiner Sicht nicht nur künstlerische, sondern auch politische Aufgabe. Sein Foto-Projekt „Gegen das Vergessen“ füllt offenbar eine Lücke in der Erinnerungskultur. Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist ein Anlass, daran zu erinnern.

Der Mannheimer hat 2014 angefangen, Holocaust-Überlebende mit der Kamera zu porträtieren und daraus Ausstellungen entwickelt, mit denen er inzwischen auf der ganzen Welt präsent ist. Aber eben auch in der badischen Heimat. Im vergangenen August etwa waren seine Tafeln im Karlsruher Hauptbahnhof zu sehen.

Toscano ist Autodidakt. Er war Dachdecker, Türsteher und Fensterputzer, ehe er zur Fotografie gefunden hat. Angefangen hat alles mit einem Grundkurs Fotografie bei der Volkshochschule in Mannheim. Danach hat er einfach ausprobiert und weitergemacht. Das lief anfangs eher nebenher. „Ich hätte damals nie gedacht, dass ich mit Fotografieren mal Geld verdienen würde“, sagt der 49-Jährige im BT-Gespräch.

Seine Kunst ist für ihn eine politische Aufgabe: Luigi Toscano. Foto: privat

© privat

Seine Kunst ist für ihn eine politische Aufgabe: Luigi Toscano. Foto: privat

Anfangs erntete er mit dem Projekt, Holocaust-Überlebende fotografieren zu wollen, viel Skepsis. Es dauerte eine Weile, bis er Geldgeber fand, die ihm Reisen und Ausgaben erstatten wollten. Eine erste Ausstellung mit Porträts erregte in Mannheim Aufmerksamkeit.

Die zweite Ausstellung brachte 2016 den Durchbruch. Sie fand in Babyn-Jar in der Ukraine statt, wo die Nazis mehr als 33.000 Juden in einer Schlucht ermordet haben, es ist eines der grausamsten und unvorstellbarsten Verbrechen überhaupt. Toscano gestaltete mit seiner Ausstellung den Staatsakt zum 75. Jahrestag des Massenmords in der Ukraine mit. „Das hat international viel Aufmerksamkeit erregt. Danach meldeten sich plötzlich Überlebende aus der ganzen Welt. Seitdem laufen wir dem Projekt praktisch hinterher“, erzählt der Fotograf.

„Ich hätte nie gedacht, dass es eine solche Dynamik aufnimmt.“

Er porträtiert alle Opfergruppen des Nazi-Terrors. Neben den Juden auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Zwangsarbeiter, politisch Verfolgte. Inzwischen ist er viel gereist, hat viele Überlebende getroffen und porträtiert, das Projekt hat sich ein Stück weit verselbstständigt. „Anfangs war ich da sicher naiv. Ich hätte nie gedacht, dass es eine solche Dynamik aufnimmt.“

Er hat bei den Treffen mit Überlebenden zum Teil dramatische Geschichten gehört, die ihm selbst zu schaffen machten. „Solchen Menschen persönlich ganz nah sein zu dürfen, ist noch einmal etwas ganz anderes als im Fernsehen oder in einem Buch“, sagt er. Das Gehörte hat ihn anfangs krank gemacht. Er hatte einen Hörsturz und bekam Schluckprobleme. Dann fand er Hilfe bei einer Therapeutin.

Holocaust-Überlebende Arlette Testyler. Foto: Luigi Toscano

© Luigi Toscano

Holocaust-Überlebende Arlette Testyler. Foto: Luigi Toscano


Welche Geschichte ihm besonders nahe ging? Viele, antwortet er. Toscano berichtet von einer seiner jüngsten Begegnungen, mit Arlette Testyler in Paris. Als die Nazis Paris besetzten, war Arlette ein junges Mädchen, hatte zwei Geschwister. Der Vater wurde früh nach Auschwitz deportiert. Die Mutter schaffte es irgendwie, die drei Kinder in Paris durchzubringen. Sie ging jeden Tag zum Bahnhof und hoffte, dass ihr Mann zurückkehrt. Eines Tages sagte man ihr, sie brauche nicht mehr an den Bahnsteig zu kommen, man habe ihren Mann in Auschwitz vergast. „Daran ist die Mutter zerbrochen und hat sich das Leben genommen. Und dann sitze ich da gegenüber der Frau, die das aus ihrer Kindheit erzählt. Die 92-jährige Arlette fängt dann an zu weinen, weil ihre so geliebte Mutter sie damals im Stich gelassen hat. Da kann ich dann nicht anders als mitweinen“, berichtet Toscano gerührt.

Sich nicht beugen lassen

Nicht überall reagieren die Leute mit Verständnis auf seine Porträts. In Wien wurde seine Ausstellung im Jahr 2019 dreimal beschädigt. Es fing an mit gezeichneten Hakenkreuzen auf den Gesichtern. „Aber dann begannen immer mehr Menschen, die Bilder zu reparieren. Sie haben Zelte aufgebaut und übernachtet, um die Ausstellung zu bewachen“, erzählt der Fotograf.

Viele junge Menschen seien dabei gewesen, die muslimische Jugend genauso wie die katholische Jugend und die Pfadfinder. Der Oberrrabbiner von Wien habe sich bei den jungen Muslimen persönlich für ihren Einsatz bedankt. „Das war faszinierend. Da habe ich mit jungen Menschen zusammen einfach Geschichte geschrieben.“

Überlebende hätten sich während der Wien-Vorgänge bei ihm gemeldet und „befohlen“, sich nicht den Nazis zu beugen – denn: Sie hätten sich auch nicht gebeugt. Das österreichische Haus der Geschichte stellt nun ein paar beschädigte Plakate dauerhaft aus. Toscano freut sich über so viel Solidarität – nach so viel Hass.

Junge Menschen, die Mut machen

Das Engagement junger Leute macht ihm für die Zukunft Hoffnung, jetzt, da es immer weniger Überlebende gibt. Er arbeitet gern mit Jugendlichen zusammen, stellt kleine Projekte für Schulhöfe zusammen. „Ich bin entzückt, wie junge Menschen mit dem Thema umgehen“, beobachtet er. Toscano hat eine Botschaft. Ihm gehe es nicht nur um Kunst. Sondern darum, darauf zu achten, „dass unsere Demokratie nicht kaputtgemacht wird.“ Er sieht sich als ein kleiner Teil dieser Bewegung.

Für seine Arbeit hat Toscano das Bundesverdienstkreuz bekommen und von der Unesco den Friedenstitel. Ministerpräsident Winfried Kretschmann habe ihm geschrieben, dass seine Arbeit das Fundament unserer Demokratie bilde. Was ihm das alles bedeute? Nur so viel: „Das zeigt mir, dass ich das Richtige tue.“

2016 hat ihn seine Familie nach Babyn-Jar begleitet. Auch seine damals zweijährige Tochter war dabei. „Da ging mir durch den Kopf: Das jüngste Kind, das die Nazis damals erschossen haben, war zwei Tage alt.“ Ihm ist daher wichtig: „Wir müssen aufpassen und Haltung zeigen. Ich möchte in einem freien und friedlichen Land leben.“ Die Porträts sind Toscanos Art, Verantwortung für dieses freie und friedliche Land zu übernehmen.

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Erstellt:
26. Januar 2022, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 54sec

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