Mit Puppen gegen Bomben

Gengenbach (BNN) – Auf der Flucht vor russischen Angriffen finden die Ehefrau und Tochter eines ukrainischen Puppenspielers ein neues Zuhause in Gengenbach. Jetzt ist eine Benefiz-Puppengala geplant.

Internationale Schicksalsgemeinschaft: Der Schwarzwälder Puppenkünstler Andy Kurrus (zweiter von rechts) hat in seinem Haus die Ukrainerin Tatjana Kovaltschuk (links) und deren Tochter Nastja aufgenommen. Mit dem Franzosen Fabien Moretti veranstaltet das Trio eine Puppen-Benefizgala in Gengenbach. Foto: Alexei Makartsev/BNN

Internationale Schicksalsgemeinschaft: Der Schwarzwälder Puppenkünstler Andy Kurrus (zweiter von rechts) hat in seinem Haus die Ukrainerin Tatjana Kovaltschuk (links) und deren Tochter Nastja aufgenommen. Mit dem Franzosen Fabien Moretti veranstaltet das Trio eine Puppen-Benefizgala in Gengenbach. Foto: Alexei Makartsev/BNN

„Noch sind der Ruhm und die Freiheit der Ukraine nicht gestorben“: Der kleine Geigenspieler mit dem schwarzen Schnurrbart und den strahlend blauen Augen hat gerade die erste Strophe der Nationalhymne vollendet, als ihn laute Sirenentöne unterbrechen. Gänsehautgefühl. Die Marionette mit den beweglichen Fingern hält abrupt inne. Mit dem unheimlichen Geheul im Hintergrund „spielt“ sie zur Musik vom Tonband noch eine Strophe, ehe der Puppenkünstler Sergej Solowjow und sein Publikum in einem Bunker Schutz vor einem Luftangriff suchen.

Hinter der schweren Stahltür bringen der Geiger und der bärtige Strippenzieher mit dem glänzenden Zylinderhut anschließend mit ihrer fulminanten Solonummer die Menschen zum Lachen. Ein Applaus brandet auf, Ende der Videoaufnahme. Als Tatjana ihr Handy auf den Tisch legt, stehen Tränen in ihren Augen. In der Werkstatt des Puppenspielers Andy Kurrus bollert der Holzofen, pfeift gemütlich ein Wasserkocher. Der Krieg in der Ukraine ist Tausende Kilometer entfernt, doch eben war er hier, mitten in Gengenbach.

Die Flucht führt nach Gengenbach

Die Flucht vor diesem Krieg hat Tatjana und ihre Tochter Nastja vor drei Wochen in das malerische Städtchen im Schwarzwald mit 11.000 Einwohnern geführt. Sergej ist in der Großstadt Schitomir westlich von Kiew geblieben, weil es nicht anders ging und weil er sich als Künstler gebraucht fühlt. Mit Unterstützung ihrer neuen deutschen Freunde will die ukrainische Familie nun von Gengenbach aus ein kraftvolles Zeichen für den Frieden in ihrer Heimat setzen: Eine Benefizgala an diesem Samstag, an der auch Stars der Szene teilnehmen. Puppen gegen die Bomben. Das muss doch funktionieren?

Wir sprechen in der Sprache des Landes, das ihnen viel Leid zugefügt hat. Tatjanas Russisch hat diesen typischen, weichen ukrainischen Akzent. Am Anfang muss sie sich noch ein wenig überwinden, dann sprudelt es aus ihr heraus. „Wir haben nichts gegen Russen“, versichert die 50-jährige frühere Lehrerin, die mit ihrem Ehemann vor Jahren das erfolgreiche Straßenpuppenspieltheater von Schitomir gegründet hat. „Meine Familie hat Verwandte im Ural. Außerdem haben wir Nastja damals extra in eine Schule geschickt, in der russische Klassiker im Original gelesen wurden“. Tatjana findet es unbegreiflich, dass Präsident Putin ihr Land „entnazifizieren“ möchte und deswegen die Ukraine zerstört. „Bis zu dieser Invasion wussten wir nicht, dass wir Faschisten sind“, sagt sie. „Es ist barbarisch, eine Nation vernichten zu wollen, nur weil sie frei sein will“.

Ein Künstler, der nicht aufgeben will: Der Ukrainer Sergej Solowjow lässt mit seinen Puppenspiel-Aufführungen den Schrecken des Krieges kurz verblassen. Foto: Sergej Solowjow/pr

Ein Künstler, der nicht aufgeben will: Der Ukrainer Sergej Solowjow lässt mit seinen Puppenspiel-Aufführungen den Schrecken des Krieges kurz verblassen. Foto: Sergej Solowjow/pr

Ihr normales Leben endete am 24. Februar. Tatjana wachte vom entfernten Donner auf und hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. „Plötzlich piepte das Handy, mein Cousin schrieb: ,Hier fallen Bomben‘“. Das Grollen war ein russischer Angriff auf einen Großflughafen etwa 25 Kilometer von Schitomir. „Es ist Krieg“: Mit diesen Worten weckte Tatjana damals Sergej und Nastja. Der Schock scheint bei der 23-Jährigen noch sehr tief zu sitzen. Als ihre Mutter über jenen Schicksalsmorgen spricht, fängt die Tochter zu weinen an.

Sie dachten, es würde schnell vorbei sein. Die Weltöffentlichkeit würde protestieren, Putin würde seine Soldaten zurückrufen. Deshalb kam es den Solowjows zunächst gar nicht in den Sinn, zu fliehen. Doch die Sirenen waren bald in Dauerbetrieb. Nachts schalteten sie alle Lichter aus und lauschten, wie russische Bomber zu ihren Einsätzen flogen. „Erst trafen sie eine Kaserne nicht weit von uns“, erzählt Tatjana. „In der Nacht darauf zielten sie auf eine Geburtsklinik, die zum Glück evakuiert wurde. Dann wurde eine Schule zerstört, direkt neben Nastjas früherer Schule. Dann trafen sie unser Heizkraftwerk. Eines Abends sahen wir den gewaltigen Feuerschein der brennenden Ölspeicher und wussten, es wird furchtbar werden.“

Ein Bombenregen auf einen Flughafen

Dieser Tag kam schneller als gedacht. Tatjana erinnert sich an ein „furchterregendes Geräusch“ über ihrem Kopf: Es regnete Bomben auf den Flughafen am Stadtrand von Schitomir. In dem wenige Hundert Meter Meter entfernten Wohnhaus der Solowjows brachen die Decken, die Wucht der Druckwelle schlug die Fensterscheiben heraus. „Sergej rief: ,Packt eure Sachen! Weg hier!‘“. Längst standen die Bussen und Bahnen still, also setzten sich Vater, Mutter und Tochter auf die Fahrräder und fuhren 20 Kilometer weit zu ihren Verwandten. „Unterwegs sahen wir einen Luftkampf“, erzählt die lebendige Frau mit den blonden Haaren. „Die zwei Abfangjäger im Himmel kreisten umeinander und feuerten aufeinander. Sie waren so tief, dass wir ihre Nummern lesen konnten.“

Wenige Tage später waren sie auf der Flucht. Sergej kehrte nach Schitomir zurück. Er hatte zuvor von der Initiative der weltweiten Puppenspielerunion Unima gehört, die Künstlerkollegen und deren Angehörigen aus dem Kriegsgebiet hilft. Der deutsche Puppenspieler Andy Kurrus und dessen Frau Beate hatten sich mit dem Angebot gemeldet, Tatjana und Nastja bei sich unterzubringen. Der 50-Jährige bat daraufhin seine Familie, die Ukraine zu verlassen: „Wenn ihr in Sicherheit seid, wird es für mich leichter sein“. Das verhängte Kriegsrecht für Männer zwischen 18 und 60 verhinderte Sergejs eigene Ausreise. Laut Tatjana kam es für ihren Mann aber ohnehin nicht infrage, seine kranke Mutter und die drei Hunde der Familie alleine zurückzulassen.

Nach einer anstrengenden, fünftägigen Reise über Ungarn und Österreich mit einem nächtlichen Stopp in Karlsruhe waren sie in Gengenbach angekommen. „Die Stadt ist wunderschön, die Berge erinnern uns an die Karpaten in der Ukraine“, sagten die beiden Frauen. „Die Magnolien blühen, die Menschen hier lächeln einander an. Alle sagen ,Hallo‘, und das haben wir auch gelernt.“ Die Ukrainerinnen schwärmen auch vom überwältigenden Mitgefühl der Menschen und der Hilfsbereitschaft ihrer Gastgeber. Doch nicht alles ist einfach. Der Krieg hat in den Seelen von Tatjana und Nastja offenbar tiefe Spuren hinterlassen.

Tagsüber kämpfen sie gegen Panikattacken

Nachts in den Albträumen sehen sie die brennenden Straßen ihrer Heimatstadt oder russische Bomber, die über dem Schwarzwald zum Angriff ansetzen. Tagsüber kämpfen sie gegen Panikattacken an, wenn mal ein Polizeiauto mit eingeschalteter Sirene vorbeifährt. „Wir sind hier am Anfang auch bei jedem Geräusch eines Flugzeugs hochgeschreckt und haben aus dem Fenster verfolgt, wo es hinfliegt“, sagt Tatjana. Nastja macht sich große Sorgen um ihren Vater. „Ich sitze manchmal da und weine nur“, sagt die junge Wirtschaftsstudentin. „Es ist wunderbar in Deutschland, aber ich möchte gerne so schnell wie möglich nach Hause.“

Wir erreichen Sergej im Auto, die Mobilverbindung ist erstaunlich gut. Der Puppenspieler versucht gerade mit einem Freund, etwas Benzin für seine Fahrten zu den Auftritten aufzutreiben. Alle paar Tage klingelt bei Sergej das Telefon, dann rückt er unter Lebensgefahr in irgendeinen Keller oder Bunker aus, um vor Eltern und ihren Kindern zu spielen, die auf dem Fluchtweg nach Westen in Schitomir halten (Anm. d. Redaktion: Ein Video eines solchen Auftritts können Sie hier sehen). Seine Frau und Tochter erzählen, dass er mangels eines Kellers daheim in einem fensterlosen Gang auf dem Boden schläft, um im Fall eines Bombenangriffs ein wenig Schutz vor der Druckwelle zu haben. Im Videotelefonat wirkt Sergej nicht besorgt. „Kriege beginnen schnell und enden leider sehr langsam. Am Ende wird aber sicher das Gute siegen, wenn jeder von uns seine Angst überwindet und sein Ganzes gibt, um den Frieden näherzubringen“, sagt der grauhaarige Mann und winkt zum Abschied.

Ein Friedensfest fast ohne Schwermut

An diesem Samstag wollen sie alle etwas dafür tun. Seit Tagen haben Tatjana und Nastja für das große Friedens-Puppenfest in Gengenbach Plakate geklebt und Spendenboxen gebastelt. Es startet vormittags mit einer Parade auf dem Marktplatz. Abends folgt im Klosterkeller ein Varieté mit international renommierten Größen der Szene, darunter dem in Island lebenden Star Bernd Ogotnik. Die Eintrittsgelder und Spenden sollen komplett an die Kinderhilfe in der Ukraine fließen.

„Das Programm ist eher zum Durchatmen und die Seele baumeln zu lassen“, sagt der Mitorganisator Andy Kurrus, der selbst auftreten wird. „Wir haben genug zu leiden und möchten die Schwermut vertreiben, damit die Menschen lachen können.“ Ganz im Sinne von Sergej, der den Schwarzwälder zu einer weiteren ungewöhnlichen Aktion inspiriert hat: Wie sein Künstlerkollege aus Schitomir will Kurrus nun bald auch einige Flüchtlingsunterkünfte in der Ortenau besuchen und dort mit seinen Puppen den ukrainischen Kindern dabei helfen, den Krieg zu vergessen. Wenigstens für einige Minuten.

Zum Thema: Puppenspieler gegen den Krieg

Die Benefizvorstellung mit Puppenspiel für die Ukraine findet am Samstag, 9. April ab 20 Uhr im Klosterkeller in der Stadt Gengenbach statt. Kartenverkauf (12 Euro) im Tourismusbüro Gengenbach oder unter www.puppenparade.de. Wer helfen möchte, kann auch hier Geld spenden: Volksbank Lahr, DE36 6829 0000 0040 7002 00, Familien und Seniorenbüro Gengenbach e.V. Verwendungszweck: Kinderhilfe Ukraine.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Alexei Markatsev

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Erstellt:
9. April 2022, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 37sec

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