Mit Standards zu vielen Punkten

Freiburg (mi) – Der SC Freiburg ist bislang eine der positiven Überraschungen in der Bundesliga. Den ausgezeichneten Platz vier verdankt man nicht zuletzt der Stärke bei Standardsituationen.

Der italienische Nationalspieler Vincenzo Grifo (rechts) ist ein absoluter Spezialist, was Freistöße betrifft. Foto: Uwe Kraft/AFP

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Der italienische Nationalspieler Vincenzo Grifo (rechts) ist ein absoluter Spezialist, was Freistöße betrifft. Foto: Uwe Kraft/AFP

Das Ritual ist stets das Gleiche: Vincenzo Grifo legt sich in Ruhe den Ball zurecht. Dann beobachtet er, während sein Puls langsam nach unten geht, lange und aufmerksam das Geschehen im Strafraum. Es folgt die Ausführung des Freistoßes, die einem Kunstwerk gleicht. Das Leder fliegt mit enorm viel Effet punktgenau zentral in die Strafraumbox. Und dort stehen nicht nur Abwehrspieler des Gegners, sondern auch Freiburgs Hünen: Die Innenverteidiger Nico Schlotterbeck und Philipp Lienhart, beide kopfball- und zweikampfstark.
Beim historischen 37-minütigen 6:0-Torgemetzel des SC Freiburg in Mönchengladbach war das kongeniale Duo zweimal nach Grifos scharfen Hereingaben zur Stelle. Es geht auch anders: Beim 5:0 legte Grifo für Schlotterbeck am langen Pfosten auf, der Verteidiger köpfte in die Mitte, wo schließlich Lucas Höler den Ball einschob. Drei der sechs Tore fielen nach Freistößen.

Die ultimative Geheimwaffe

Und Freiburg kann auch Ecken: Vor dem vierten Treffer schnippelte Grifo den Ball mit viel Drall zur Abwechslung an den kurzen Pfosten, vor dem Nicolas Höfler den Kopf hinhielt – Bingo. Schon zum fünften Mal seit Saisonstart. Die ultimative Geheimwaffe der Südbadener in der bislang grandiosen Bundesliga-Saison: Ruhende Bälle. Gladbach war nicht das erste Schlachtopfer in dieser so tollen Spielrunde. „Wir haben eine brutale Standardstärke mit dem rechten Fuß von Vince und dem linken von Günni“, weiß Nico Schlotterbeck.

Während der italienische Nationalspieler die SC-Spezialität als Maestro zur hohen Kunst erhoben hat, steht ihm „Günni“ nicht viel nach. Auch die Flanken und Ecken, die Linksverteidiger Christian Günter permanent ins Zentrum schlägt, sind brandgefährlich. Und dann gibt es in Jonathan Schmid noch einen dritten Spezialisten, der Ecken und Freistöße wie ein Wildschütz treten kann, nur fehlt der Elsässer coronabedingt seit zwei Monaten. Lienhart: „Ich suche bei Flanken vermehrt auch nach der richtigen Position für den zweiten Ball. Wenn ich den Kopfball nicht kriege, will ich wenigstens den Abpraller haben.“

Schon in der Vorsaison fielen 37 Prozent der 52 SC-Tore nach Standardsituationen. In der aktuellen Spielzeit jagt man nun Spitzenwerte. „Das ist elementar wichtig. Mannschaften, die schlecht dabei sind, stehen in der Liga oft hinten“, sagt Trainer Christian Streich. Freiburg steht sensationell auf einem Champions-League-Platz. Und der soll am Samstag im Baden-Derby gegen Tabellennachbar TSG Hoffenheim verteidigt werden – mit ausgefeilten Standardtricks.

Florian Bruns als Lehrmeister

Im Europa-Park-Stadion werden vor dem Anpfiff nicht nur die Spielernamen von den Fans lautstark angekündigt – am Samstag im fast leeren Rund erstmals nicht –, sondern auch jene des Trainerteams. Einer von ihnen, der von 1999 bis 2002 selbst SC-Profi war, ist hauptverantwortlich dafür, dass schiere Panik beim Gegner ausbricht, wenn der Ball still wie der See ruht. Florian Bruns übt seit Jahren mit Lars Voßler stundenlang verschiedene Varianten mit den Spielern ein, die seinem Verein zig Punkte pro Saison bescheren.

„Wir haben keinen Mbappé mit 25 verschiedenen Eckball-Tricks“, verriet Bruns dem „kicker“. „Es ist wie immer im Leben. Je häufiger der Schütze die Bälle spielt, desto besser wird es.“ Wobei beim familiär geprägten Sport-Club den Profis nichts mit der Holzhammermethode eingebläut wird, vielmehr haben sie ein Mitspracherecht, wie der Gegner vor große Probleme gestellt werden soll. Bruns: „Es bringt nichts, wenn ich sage: Es muss jemand an den Pfosten, obwohl die Spieler damit nicht gut zurechtkommen.“ Ideen und Vorschläge der Spieler sind ausdrücklich erwünscht, sie werden dann im Training geübt. Immer und immer wieder.

Wer wie Vincenzo Grifo den Ball als dicken Kumpel sieht, ihn einlädt, mit ihm zu spielen, tut sich natürlich leichter. Heute ist der Lenker und Denker im SC-Spiel der gefährlichste Standardspezialist der Bundesliga. Und Florian Bruns ist stolz, dass sich die Feinjustierung, die Erweiterung der Trickkiste, der ganze Aufwand über Jahre gelohnt haben. Denn: „Die meisten Tore entstehen nicht aus dem Zufall.“

Ihr Autor

Von BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
11. Dezember 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 59sec

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