Mit Tata kommt der Erfolg zurück

Bühl (ket) – Seit ziemlich genau einem Jahr ist der Argentinier Alejandro Kolevich Cheftrainer der Bühler Bundesliga-Volleyballer – und das mit großem Erfolg.

Ruhig und kontrolliert: Alejandro Kolevich während einer Auszeit im Kreis seiner Spieler. Foto: Frank Seiter/toto

© Frank Seiter

Ruhig und kontrolliert: Alejandro Kolevich während einer Auszeit im Kreis seiner Spieler. Foto: Frank Seiter/toto

Es ist ein ebenso turbulentes wie ereignisreiches Jahr, das da hinter Alejandro Kolevich liegt, anders kann man das nicht sagen. Das hat zum einen damit zu tun, dass Anfang Januar endlich seine Frau Antonella von Argentinien nach Bühl gekommen ist, nicht minder aber auch damit, dass man ihn Ende Januar vom Assistenz- zum Cheftrainer der Bundesliga-Volleyballer aus der Zwetschgenstadt befördert hat.
Viel erlebt hat Kolevich seitdem, viele Menschen, so hebt er eigens hervor, kennengelernt. „Es war ein schnelles Jahr“, fasst er zusammen. Und wenn man es allein aufs Sportliche bezieht, kann man nur feststellen: Ziemlich schnell hat er, den sie der Einfachheit halber „Tata“ rufen, die Bühler Schmettermänner auch von einem Abstiegs- zu einem Play-off-Halbfinal-Kandidaten entwickelt.

Nur zur Erinnerung: Als Kolevich die Bisons heute vor fast auf den Tag genau einem Jahr als Nachfolger des Niederländers Johan Verstappen als Headcoach übernommen hat, grasten sie auf dem vorletzten Tabellenplatz. Dass sie am Ende die Liga hielten, hatte mehr mit dem Saisonabbruch Anfang März wegen Corona zu tun als mit den zwei Siegen, die sie unter dem 32-Jährigen in den folgenden acht Partien gesammelt hatten. Bleiben durfte Tata dennoch, auch weil er zuvor als Jugendcoach mehr als eindrücklich bewiesen hatte, dass er sein Trainerhandwerk versteht, nicht zuletzt durch den sensationellen Gewinn der deutschen Meisterschaft mit der Bühler U20 im Mai 2019.

Mag sein, dass es eine mutige Entscheidung war, an Kolevich festzuhalten. Heute ist es vor allem eines: Eine gute, die richtige Entscheidung. So gut, dass Bisons-Manager Oliver Stolle, bei allem, was er über Tata sagt, ein „sehr“ benötigt. „Er ist sehr zielorientiert“, sagt Stolle also. Und es folgen „sehr fleißig“, „sehr akribisch“, „sehr diszipliniert“, „sehr emotional“ und sogar „sehr pünktlich“. Vor allem Letzteres, so findet es Kolevich selbst, sei keineswegs typisch für einen Argentinier. „Ich mag es, einen Plan zu haben. Vielleicht gefällt es mir auch deshalb in Deutschland so gut“, fügt er grinsend an.

Im Juli 2018 kam der damals 30-Jährige nach Deutschland. Direkt in die Zwetschenstadt, direkt aus Buenos Aires, wo der studierte Sportlehrer den Nachwuchs von Ciudad das Volleyballern lehrte und sich erste Sporen als Trainer verdiente. Drei Mal gewann Kolevich mit dem hauptstädtischen Volleyball-Nachwuchs die argentinische Meisterschaft, als Folge stellte ihn der argentinische Verband als Sichtungstrainer ein.

Wolochin stellt Kontakt zum Landsmann her

Auch die Bühler suchten zu jener Zeit – und zwar einen Trainer für ihre florierende Jugendabteilung. Ruben Wolochin, damals Chefcoach der Bisons, brachte Tata ins Spiel. Wolochin, selbst Argentinier, war in der Heimat einst Assistenztrainer von Kolevichs Vater, nun machte er den Sohn zum TVB-Jugendcoach – und zum eigenen Co., die beiden Jobs waren bis dato miteinander verbunden. Dass Wolochin und der TVB sich nach langer erfolgreicher Zusammenarbeit schon bald darauf trennen sollten, konnte damals keiner ahnen. Dass Kolevich nur ein Jahr später Nachfolger von Verstappen werden würde, noch weniger.

„Lehrreich“, so sagt Kolevich, sei sowohl die Zeit mit Wolochin als auch jene mit Verstappen gewesen. Warum sie nicht sonderlich erfolgreich war, will er zumindest nicht näher beleuchten. „Es waren andere Spieler. Es war eine andere Mannschaft. Die Entwicklung hat gefehlt“, sagt er nur. Das muss reichen. Viel wichtiger sei ohnehin, dass man intern seine Lehren gezogen habe.

„Wir haben versucht, die Strukturen zu verändern“, sagt Kolevich. Auch aus wirtschaftlichen Zwängen, die die Corona-Krise bei so ziemlich jedem Volleyball-Bundesligisten verschärft hat. Der Profi-Kader wurde deutlich verkleinert, dafür mit jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs ergänzt. „Neun Profis und neun Bühler“, so formuliert es Kolevich selbst, stehen ihm im Bestfall zu Verfügung. Der große Star im Team fehlt, dafür ist die komplette Starting Six nicht von schlechten Eltern. Den Rest will und muss sich Kolevich selbst heranziehen.

Als Jugendtrainer ist es ohnehin sein ureigenstes Metier, Spieler zu entwickeln, sie sich also quasi selbst zu stricken. Dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern mittlerweile nicht nur die Bundesligamannschaft trainiert, sondern weiterhin alle Jugendteams bis zur U18, empfindet er als Riesenvorteil. Schließlich kennt er die vereinseigenen Talente wie Luciano Aloisi, Simon Gallas oder Jonas Treder bestens. Er hat schon mitgeholfen, sie zu deutschen U-20-Meistern zu machen. Jetzt hilft er ihnen im besten Fall dabei, gestandene Bundesligaspieler zu werden. „Ich denke, wir haben drei, vier Jungs, die das schaffen können“, sagt Kolevich. Sollte es gelingen, wäre es eine Wahnsinns-Quote.

Eine Wahnsinnsarbeit ist es so oder so. Sechs Stunden und mehr steht der 32-Jährige täglich in der Halle. Hinzu kommen ausführliche Videoanalysen und Taktiktüfteleien in der Vorbereitung auf ein Spiel. „Meine Aufgabe ist es, den Spielern zu helfen und ihnen Lösungen anzubieten“, sagt Kolevich, entsprechend liebe er es, „zu analysieren und Lösungen zu finden“. Selbst des Nächtens grübelt er bisweilen am besonderen Dreh, wie dem Gegner am besten beizukommen ist.

Die Finger spielen mit

„Volleyball ist mein Leben“, sagt Kolevich dazu passend. Und wer ihn je am Spielfeldrand erlebt hat, weiß, dass das keine Floskel ist, sondern pure Wahrheit. Dabei ist er keiner jener Trainer, die toben, fluchen und bisweilen brüllen, sondern stets bemüht, Ruhe und Fassung zu bewahren – und mit ihr die Kontrolle. Für wilden Rock’n’Roll sind andere zuständig. Kolevich ist Tango. Aber so klar und strukturiert dieser auch scheinen mag, so voller Inbrunst und tiefster Leidenschaft ist er auch. Kolevich liebt das Spiel. Und er lebt die Spiele mit, er spielt sie sogar mit. Mit seinen Fingern, die filigran wirken – und damit genau so, wie man sich die Finger eines ehemaligen Zuspielers vorstellt.

Auch der Volleyball, den der Mann aus Argentinien spielen lässt, passt dazu. Es ist kein Haudrauf-Volleyball à la Hammer-Schorsch, sondern eher die spielerische Variante, die im besten Fall mit Tempo und Raffinesse besticht. Selbst Spitzenteams wie Rekordmeister Friedrichshafen müssen da schon, wie gerade gesehen, so ziemlich alles in die Waagschale werfen, um die Bühler in Zaum halten zu können. Manchmal gelingt das freilich auch ihnen nicht, wie die 1:3-Niederlage des Meisters aus Berlin Ende Oktober zeigt.

Auf Platz vier in der Bundesliga-Tabelle hat das die Bisons vor der heutigen Partie gegen Bestensee (20 Uhr) in der heimischen Großsporthalle mittlerweile geführt. Vor einem Jahr hätten sie davon noch nicht einmal zu träumen gewagt.

Zum Artikel

Erstellt:
23. Januar 2021, 18:47 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 17sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.