Mit dem Floß 400 Kilometer auf dem Rhein unterwegs

Steinmauern (stem) – In Steinmauern startet eine ungewöhnliche Reise: Mit einer Floßfahrt bis Leverkusen soll unter anderem für eine Anerkennung der Flößerei als Unesco-Kulturerbe geworben werden.

Gut vorbereitet: Mitglieder des Schiltacher Flößervereins wollen mit ihrem Floß auf dem Rhein von Steinmauern bis nach Leverkusen fahren. Hans-Jürgen Collet

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Gut vorbereitet: Mitglieder des Schiltacher Flößervereins wollen mit ihrem Floß auf dem Rhein von Steinmauern bis nach Leverkusen fahren. Hans-Jürgen Collet

„Sind die Gurte alle fest verschraubt?“ Auf die Frage von Floßmeister Thomas Kipp antworten seine Helfer mit Kopfnicken. Derweil misst Hartmut Brückner mit einem Zollstock nach, ob die Abstände zwischen den Holzteilen stimmen. Brückner ist Vorsitzender des Schiltacher Flößervereins. Draußen am Ufer versucht derweil Heidi Pfaff, mit einem langen Seil das in den Wellen schaukelnde hölzerne Konstrukt zu stabilisieren. Seit dem frühen Donnerstagmorgen wird bei der Nato-Rampe an der Murgmündung in Steinmauern gewerkelt, geschraubt, probiert und gemessen.
Der Schiltacher Flößerverein bereitet sich darauf vor, mit einem Floß in sieben Etappen von Steinmauern nach Hitdorf, einen Stadtteil von Leverkusen, zu fahren. An diesem Freitag um 9 Uhr wird gestartet.

In den vergangenen 20 Jahren war der Verein schon auf mehreren kleineren Flüssen mit Flößen unterwegs. Und vor einiger Zeit keimte bei Thomas Kipp der Wunsch auf, auch einmal die großen deutschen Wasserstraßen wie den Rhein oder die Donau mit einem Holzfloß zu befahren. „Wir wollen damit auf die große wirtschaftliche Bedeutung des Holztransports auf diesen Flüssen hinweisen“, sagt Kipp. „Dazu war ein umfangreiches Genehmigungsverfahren erforderlich“, berichtet er von der langen Vorbereitung auf das Projekt. Das startet deshalb in Steinmauern, weil es auch dort eine lange Flößertradition gibt. Und: „Schon im vergangenen Jahr haben wir eine etwa 20 Kilometer lange Probefahrt unternommen von Steinmauern bis Maxau“.

Floß aus 15 Fichtenstämmen

„Mit der Floßfahrt soll zudem der aktuell laufende Antrag der Deutschen Flößervereinigungen und ihrer ausländischen Partner zur Anerkennung der Flößerei als immaterielles Kulturerbe der Unesco unterstützt werden“, erklärt Bernd Kraft vom Verein für Heimatgeschichte Hörden, der das Projekt genauso wie die Flößervereinigungen Steinmauern und Gernsbach intensiv verfolgt.

An die Murgmündung transportiert wurden die 15 Fichtenstämme, die durchweg etwa 15 Meter lang sind, mit einem speziellen Langholzfahrzeug. Nebeneinander aufgereiht ergibt sich für das Floß eine Breite von fünf Metern. „Die Größe ist natürlich nicht vergleichbar mit früher“, sagt Kipp und erinnert daran, dass die einst zusammengestellten Floß-Verbände um ein Vielfaches länger gewesen seien. Zusammengehalten werden die Stämme mit Spanngurten, Schrauben – und Wieden. „Dabei handelt es sich um Haselnussholz, das in einem Ofen erhitzt, gedreht und dann in Wasser eingeweicht wird“, erklärt Kipp. „Die Verbindungen zwischen den Stämmen müssen sehr stabil sein“, ergänzt Brückner. Vorne gibt es drei Ruder, hinten eines. „Auf dem Floß fahren sechs Leute mit, die über entsprechende Erfahrung verfügen. Wir sind alle auf uns allein gestellt und haben Schwimmwesten, aber kein Begleitfahrzeug“, sagt Kipp.

„Wir fahren bei jedem Wetter“

Insgesamt erstreckt sich die Floßfahrt auf dem Rhein über eine Distanz von rund 400 Kilometern. Und weshalb liegt das Ziel in Hitdorf? „Dort wurde einst Floßholz aus dem Frankenwald und dem Schwarzwald zum Bau der Häuser im Bergischen Land verarbeitet“, erzählt Kipp. Auch der berühmte Kölner Gürzenich enthalte Floßholz aus dem Schwarzwald.

Je nach Strömungsgeschwindigkeit des Rheinwassers könne der Zeitplan auch etwas beeinflusst werden. Insgesamt aber rechnet Kipp damit, etwa mit einer Geschwindigkeit von fünf bis sieben Stundenkilometern voranzukommen. Die Schiltacher Flößer sind dabei fest entschlossen, sich auch durch mögliche Witterungskapriolen nicht aufhalten lassen zu wollen: „Wir fahren bei jedem Wetter.“

Birgt der rege Schiffsverkehr auf dem Rhein denn nicht auch Gefahren? Kipp vergleicht die Floßfahrt mit den Bedingungen auf einer Autobahn: „Wir haben die Zulassung, hier fahren zu dürfen, und hoffen auf die Einsicht von denjenigen, die uns begegnen“, sagt er, wobei es vor allem auch auf die Sportbootfahrer zu achten gelte. Vereinsvorsitzender Brückner weist obendrein darauf hin, dass „unser Floß eine sehr gute Manövrierfähigkeit besitzt.“ Die Begründung: „Durch die Ruder sind wir sehr wendig und können gut ausweichen.“

„Respekt vor unseren Vorfahren“

Für Thomas Kipp und seine Crew spiegelt die Rhein-Floßfahrt auch den „Respekt vor unseren Vorfahren“ wider, die einst das Holz auf dem Wasserweg transportiert hatten. „Das war damals nicht ungefährlich, und es gibt nichts Schöneres, als Geschichte so zu erleben“, meint Brückner. Dabei betont er, dass der Schiltacher Verein die Flößerei als „tolles Handwerk aus vergangener Zeit“ sieht: „Und das wollen wir weiter pflegen“. Am Ziel soll das Floß auseinander gebaut und das Holz dann – wie anno dazumal – weiter verarbeitet werden. Kipp denkt indes schon weiter: „Mit den gewonnenen Erfahrungen könnte dann eine ähnliche Floßfahrt auf der Donau geplant werden.“

Ihr Autor

Stefan Maue

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Erstellt:
21. April 2022, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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