Mit dem „Heimwegtelefon“ sicher nach Hause

Baden-Baden (for) – Conny Vogt ist seit einigen Jahren ehrenamtlich bei dem Verein „Heimwegtelefon“ tätig und begleitet Menschen, die sich auf den Straßen unwohl fühlen, telefonisch durch die Nacht.

Besonders Frauen fühlen sich nach Einbruch der Dunkelheit oft unwohl, wenn sie alleine unterwegs sind. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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Besonders Frauen fühlen sich nach Einbruch der Dunkelheit oft unwohl, wenn sie alleine unterwegs sind. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Sie wollte nur eine Freundin besuchen, einen unbeschwerten Abend verbringen, lachen, plaudern – so, wie sie es immer getan hat. Doch am Ende wurde ihr der Abend zum Verhängnis: Es war der 3. März, als die 33-jährige Sarah Everard auf dem Heimweg zu ihrer Wohnung in London entführt und ermordet wurde. Der Vorfall hat eine Welle von Protesten ausgelöst. Conny Vogt, erste Vorsitzende des Vereins „Heimwegtelefon“, kennt die Ängste, die besonders Frauen draußen im Dunkeln befallen. BT-Redakteurin Janina Fortenbacher hat mit ihr gesprochen.

Interview

BT: Frau Vogt, Sie telefonieren immer wieder mit Menschen, die sich in der Öffentlichkeit nicht sicher fühlen. In welchen Situationen befinden sich die Menschen, die beim „Heimwegtelefon“ anrufen?
Conny Vogt: Die Leute, die bei uns anrufen, sind meist am Abend oder in der Nacht alleine unterwegs, die Gegend ist unübersichtlich und schlecht beleuchtet. Mal müssen sie auf ihrem Weg durch einen Park laufen, mal durch einen Wald oder an einem Wald vorbei. Vielleicht müssen sie aber auch zur U-Bahn-Station, durch eine Unterführung oder durch eine enge Gasse, um zur Bushaltestelle zu gelangen. Während die einen sich unwohl fühlen, weil keine anderen Personen in dieser Umgebung unterwegs sind, sind die anderen umso mehr beunruhigt, wenn sie plötzlich an einer Personengruppe vorbeigehen müssen. Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass wir uns im Dunkeln allgemein alle ein bisschen unwohl fühlen.

BT: Ihre Aufgabe ist es dann, die Menschen am anderen Ende der Leitung zu beruhigen. Wie schaffen Sie es, Ihren Anrufern die Angst zu nehmen?
Vogt: Zuerst fragen wir immer den Standort und den Zielort unserer Anrufer ab und geben beides in ein Navigationssystem ein. Ab jetzt geben uns die Anrufer immer Bescheid, sobald sie die Straße wechseln, so sind wir immer relativ nah an der Route dran. Diese Tatsache sorgt bei unseren Anrufern schon einmal dafür, dass sie sich nicht ganz so alleine fühlen. Nebenher führen wir ein ganz normales, entspanntes Gespräch mit ihnen, das ist mehr oder weniger Small Talk. Wir unterhalten uns beispielsweise über den Kinobesuch, über Essen oder Sport, also ganz allgemeine Dinge. Das entspannt die Situation und lenkt die Person am anderen Ende der Leitung ein wenig von ihren Ängsten ab.

30 Prozent der Anrufer sind Männer

BT: Das klingt jetzt so, als wenn die Furcht der Anrufer oft größer ist als die tatsächliche Gefahr.
Vogt: Wir können zum Glück sagen, dass wir über 99 Prozent unserer Anrufer sicher nach Hause begleiten, ohne dass etwas passiert. Dass die Situation tatsächlich so brenzlig wird, dass wir die Polizei anrufen müssen, kommt relativ selten vor, aber wenn es passiert, dann sind wir natürlich da. Wir haben ein kleines Team im Hintergrund, somit kann einer unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter immer bei dem Anrufer bleiben, während ein anderer den Notdienst benachrichtigt. Allerdings bitte ich ausdrücklich darum, dass jemand, der sich plötzlich in einer akuten Gefahrensituation befindet und nicht ohnehin schon mit uns im Gespräch ist, natürlich nicht erst uns anruft, sondern direkt den Notruf wählt. Andernfalls könnte wertvolle Zeit verloren gehen.

BT: Der Vorfall in London hat eine weltweite Protestwelle ausgelöst und die Debatte um die Sicherheit von Frauen auf der Straße eröffnet. Unter dem Hashtag „Reclaim the Streets“ rufen viele Frauen dazu auf, sich die Straße zurückzuerobern, weil sie ihnen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr gehöre. Finden Sie, dass diese Bewegung berechtigt ist?
Vogt: Das ist absolut berechtigt, wobei es ein bisschen der falsche Ansatz ist, denn die Straße hat uns noch nie gehört. Wir haben sie nicht irgendwann verloren, sondern wir hatten sie nie. Das liegt einfach daran, dass diese Angst, die jede Frau mehr oder weniger in sich trägt, von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und genau an der Stelle sollten wir ansetzen. Wir sollten unseren jungen Männern beibringen, dass es da ein ernsthaftes Problem gibt, indem wir nicht nur unter uns Frauen über diese Ängste sprechen, sondern auch die Männer miteinbeziehen.

BT: Also mit Männern ganz offen über unsere Ängste sprechen?
Vogt: Ganz genau. Ich habe in den letzten Wochen verstärkt festgestellt, dass viele Männer wirklich erschrocken sind, weil sie gar nicht wussten, wie groß diese Ängste teilweise sind. Immer wieder sagen mir Männer: „Mir ist gar nicht klar, dass ich an dieser Stelle zu diesem großen Problem beitrage.“ Ich denke, wenn wir viele Männer da miteinbeziehen und an der Stelle sensibilisieren, hilft uns das mehr, als wenn wir jetzt mit Wut und Kampfgeschrei auf die Straße gehen und sagen, das ist jetzt alles unser Raum. Wir sollten schon versuchen, eine gerechte Welt zu schaffen, in der alle Menschen auf der Straße sein dürfen, egal ob das Männer, Frauen, Homo-, Queer- oder Transsexuelle sind.

BT: Melden sich mitunter auch Männer bei Ihnen?
Vogt: Ja, ich schätze den Anteil auf 30 Prozent. Im Gegensatz zu Frauen, die sich hauptsächlich vor sexueller Gewalt fürchten, haben Männer eher Angst vor physischer Gewalt, also ausgeraubt oder zusammengeschlagen zu werden.

BT: Hat die Corona-Pandemie etwas an der Anzahl der Anrufer geändert?
Vogt: Zunächst ist es natürlich so: Je dunkler, desto mehr Anrufe, also im Sommer weniger als im Winter. Normalerweise rufen am Wochenende auch mehr an als unter der Woche, weil am Wochenende viele Partygänger noch recht spät unterwegs sind. Das hat in der Corona-Zeit natürlich etwas nachgelassen, dafür gibt es jetzt aber auch vermehrt Anrufe unter der Woche von Menschen, die einfach draußen sind oder auf dem Heimweg von der Arbeit. Im Schnitt kann man sagen, dass wir pro Woche zwischen 200 und 220 Anrufe bekommen.

BT: Wie alt sind die Anrufer im Durchschnitt?
Vogt: Die Angst ist überall, die hat keine Altersgrenze. Dementsprechend sind unter unseren Anrufern auch alle Altersklassen vertreten – bis auf die unter 16-Jährigen, weil wir aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht mit denen telefonieren dürfen. Da sind wir jetzt aber auch gerade dran, das zu ändern. Ich finde diese Regelung nämlich unsäglich, denn die unter 16-Jährigen dürfen ja um 18 Uhr unterwegs sein, aber die dürfen mich nicht anrufen. Wir bräuchten dafür eine schriftliche Einverständniserklärung der Eltern, das ist alles ein riesen Aufwand und viel Papierkram, um da mal mit einem Jugendlichen, der Hilfe braucht, telefonieren zu dürfen.

BT: Was kann man selbst tun, um sich zu schützen?
Vogt: Nicht zögern und uns anrufen, das ist mal das eine. Ansonsten kann man sich auch gerne zu Gruppen zusammenschließen und man sollte versuchen, nicht so einen weiten Heimweg alleine nach Hause zu laufen. Natürlich möchten wir alle, dass Frauen sich auf den Straßen frei bewegen können, das ist auch das Endziel, aber das ist im Moment einfach noch nicht gegeben. Selbstverteidigungskurse helfen auch ganz gut und auf jeden Fall sollte man vermeiden, sich als Opfer darzustellen, wenn man auf der Straße unterwegs ist.

BT: Wie schafft man das?
Vogt: Durch aufrechte Körperhaltung, also nicht irgendwo geduckt an einer Hauswand entlang laufen. Außerdem darf man sich auch wirklich trauen, Leute anzusprechen. Wenn jemand dicht hinter mir läuft und ich mich unwohl fühle, dann sage ich klar und deutlich: „Entschuldigung, kannst du ein bisschen Abstand von mir halten, ich fühle mich gerade echt unwohl, das ist mir zu nah.“

BT: Wie können Kommunen für mehr Sicherheit sorgen?
Vogt: Ich fände Straßenlicht mit Bewegungsmeldern gut. Aber nicht alle reagieren positiv auf diesen Vorschlag, manche werfen mir vor, ich wolle damit Lichtverschmutzung fördern. Das will ich natürlich nicht. Ich glaube, dass es eher positiv für die Umwelt wäre, wenn Licht tatsächlich nur dort brennen würde, wo Menschen auch entlanggehen. Wenn wir die Straßenlaternen nur im Bedarfsfall anhätten, dann wären die wahrscheinlich viel mehr aus als heute, wo wir sie zu bestimmten Uhrzeiten ausschalten. Außerdem sollten sich Städteplaner mehr mit der örtlichen Frauenbeauftragten auseinandersetzen, die dann auch mal sagen sollte, dass bestimmte Ecken in der Stadt eher ungünstig sind. Daraufhin sollte man sich dann überlegen, wie man die Situation an diesen neuralgischen Punkten entschärfen kann.

Zum Thema: Begleitung bis vor die Haustür

Das Heimwegtelefon ist ein Telefonservice für alle, die sich abends in der Öffentlichkeit unwohl fühlen, etwa wenn sie im Dunkeln alleine unterwegs sind. Der Verein mit Sitz im Odenwaldkreis in Hessen besteht mittlerweile aus rund 100 ehrenamtlichen Telefonisten aus ganz Deutschland. Unter der bundesweiten Hotline 0 30 12 07 41 82 nehmen sie freitags und samstags jeweils von 18 bis 3 Uhr morgens Anrufe entgegen, von Sonntag bis Donnerstag sind sie immer von 18 bis 24 Uhr zu erreichen. Die Mitarbeiter begleiten die Anrufer telefonisch bis vor die Haustür. Im Notfall setzen sie einen Notruf ab.

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Die Begleit-App „Way-Guard“ vom Versicherungskonzern Axa verknüpft Nutzer in alltäglichen Situationen mit einer Sicherheits- und Notrufleitstelle.

Für viele Frauen gehört es leider zum Alltag: Catcalling. Also, dass ihnen etwas Unflätiges hinterhergerufen oder ihnen hinterhergepfiffen wird. Das BT hat mit Aktivistinnen von „Catcalls of Karlsruhe“ über das Thema gesprochen.


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