Mit dem Rad von Rastatt nach Russland

Rastatt (stn) – Abenteuer Bikepacking: Mika Etowski fährt mit dem Rad von Rastatt nach Russland. Seine Vorbilder sind Rüdiger Nehberg und Steve Irwin.

Mit leichtem Gepäck unterwegs: Mika Etowski hat nur das Nötigste dabei – ein Zelt, einen Schlafsack, eine Isomatte, Kleidung und Essen. Fotos: privat

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Mit leichtem Gepäck unterwegs: Mika Etowski hat nur das Nötigste dabei – ein Zelt, einen Schlafsack, eine Isomatte, Kleidung und Essen. Fotos: privat

Schlafen unter dem Sternenhimmel, Auge in Auge mit Vogelspinnen, Kreuzottern und Skorpionen: Mika Etowski (21) hat bereits die halbe Welt bereist und dabei so einige Abenteuer erlebt. Nun wartet das nächste Wagnis auf ihn: Mit dem Fahrrad fährt er gerade von Deutschland nach Russland. Sein Ziel: Sibirien. Denn dort möchte er seinen 96-jährigen Großvater besuchen. Im BT-Gespräch berichtet er von seinen Lebensträumen, von riskanten Situationen, denen er sich auf seinen Reisen gegenübersah, und erklärt, warum man keine Luxusgüter braucht, um glücklich zu sein.

In Rastatt geboren und aufgewachsen, aber in der Welt zu Hause. Dass dieser Satz zweifelsohne auf ihn zutrifft, beweist Mika Etowski nun einmal mehr. Gerade ist er auf dem Weg nach Sibirien – allerdings nicht etwa mit dem Auto oder Flugzeug, sondern mit dem Fahrrad. Seit mehr als zwei Wochen ist er schon unterwegs und hat in dieser Zeit bereits über 1000 Kilometer zurückgelegt. Seine Route führt ihn von Deutschland nach Tschechien, über Polen, die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Moldawien, die Ukraine und von dort nach Russland. „Ich hätte auch über die baltischen Staaten nach Russland fahren können, aber da war’s mir zu kalt, also habe ich die südliche Route gewählt“, sagt er schmunzelnd.

Der Grund seiner Reise: „Meine Vorfahren kommen aus Russland. Mein 96-jähriger Opa lebt in Sibirien. Ich will ihn dort gerne besuchen. Außerdem möchte ich meine Sprachkenntnisse verbessern und die Kultur und das Volk dort näher kennenlernen.“

Dass es ihn hinaus in ferne Länder zieht, hat er schon früh gemerkt. „Nach dem Abitur habe ich Ferienjobs gemacht und eine Zeit lang studiert.“ Ein Studium schien ihm letztlich jedoch nicht das Richtige zu sein. „Deswegen bin ich dann viel gereist, nach Asien und Afrika.“ Anschließend begann er eine Ausbildung bei Daimler. „Ich habe jedoch schnell gemerkt, dass auch das nichts für mich ist. Deshalb habe ich schließlich den Sprung ins kalte Wasser gewagt und mir überlegt, so was zu starten.“

Mit dem Fahrrad 150 Kilometer am Tag


Getreu seinem Motto „Es gibt nur die Grenzen, die man sich selbst setzt“, schwingt sich der Weltenbummler deshalb auf seinen Drahtesel und fährt los Richtung Sibirien. Dass er ein sehr genügsamer Mensch ist, wie er von sich selbst sagt, kommt ihm in dieser Situation zugute. Denn das Einzige, was er dabei hat, ist ein Zelt, einen Schlafsack, eine Isomatte, Kleidung für alle Wetterlagen und Essen. Doch Letzteres stammt nicht etwa aus dem Supermarkt. „Wenn ich tatsächlich mal Essen kaufe, dann kaufe ich regional, um die Bauern und Imker zu unterstützen.“ Ansonsten ernährt er sich von dem, was die Natur ihm gibt. „Wenn ich ein totgefahrenes Kaninchen auf der Straße liegen sehe, grille ich mir das zum Abendessen. Schließlich muss das Kaninchen ja nicht umsonst gestorben sein“, sagt er und lacht. Aus Kräutern, Brennnesseln oder Löwenzahn kocht er sich Tee. Für ihn ist klar: „Luxusartikel braucht man nicht.“

Abends, nachdem er eine Strecke von bis zu 150 Kilometern zurückgelegt hat, schlägt er in der freien Wildbahn sein Zelt auf. In einem Hotel zu übernachten, kommt für ihn nicht in Frage. „Dann würde ich ja keine Tiere sehen und könnte keine Aufnahmen machen“, meint er. „Draußen schlafe ich mit einem Grinsen ein. Mir gefällt es so viel besser. Ich habe ein glückliches und erfülltes Leben.“

Dass solche Abenteuer aber nicht nur mit Spaß, sondern auch mit einem großen Risiko verbunden sind, dessen ist er sich bewusst: „Natürlich ist es nicht ganz ungefährlich, was ich da mache, und man muss aufpassen, aber man darf sich nicht von seinen Ängsten leiten lassen. Außerdem habe ich das Schicksal auf meiner Seite. Ich gehe die Sache mit Respekt und Verstand an. Und wenn man keine Dummheiten macht, dann klappt alles. Ich habe mir zwar vorgenommen, 100 Jahre alt zu werden, aber wenn mir doch etwas passieren sollte, habe ich wenigstens meinen Traum gelebt.“ Lieber kurz und knackig, als lang und langweilig, lautet seine Devise. Auch vor gefährlichen oder gar giftigen Tieren schreckt er nicht zurück. „Ich gucke mir Tiere gerne genauer an. Sie würden spüren, wenn man Angst hat. Aber wenn man ihnen nichts tut, tun sie einem auch nichts“, ist er überzeugt.

Während er selbst sehr gelassen scheint, macht sich seine Familie indes große Sorgen um ihn. „Besonders meine Oma. Sie lebt in Spanien und hat Angst um mich ohne Ende.“ Dass dies vermutlich nicht ganz unbegründet ist, beweisen seine Reiseberichte. Während seiner Touren durch Borneo, Indonesien, Thailand, Kambodscha und Malaysia hat er nämlich durchaus schon so manch brenzlige Situation erlebt. „Auf Borneo habe ich mit einem Freund ein Floß gebaut. Doch plötzlich ist das Floß gesunken, und im Fluss waren fünf Meter große Krokodile. Da hat mein Herz ganz schön gepocht“, berichtet Etowski. „Zwei einheimische Fischer haben uns schließlich gerettet und ans Ufer gebracht.“

Mit einem selbst gebauten Floß hat der Weltenbummler auf eigene Faust Borneo erkundet.

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Mit einem selbst gebauten Floß hat der Weltenbummler auf eigene Faust Borneo erkundet.

Auf Bali wiederum hat er Bekanntschaft mit einer Wasserschlange gemacht. „Da gab es eine Strandparty und die Schlange ist dort zwischen den Leuten umhergekrochen. Die Menschen sind panisch aufgesprungen. Bevor was passiert, habe ich die Giftschlange genommen und sie zurück in den Ozean getan.“ An den Kommentar seines Vaters zu dieser Aktion kann er sich noch gut erinnern: „Bevor du giftige Schlangen fängst, übe erst an ungiftigen.“

Doch für Etowski ist klar: „Menschen sind viel gefährlicher.“ Wie recht er damit hat, hat er während einer Thailand-Reise erfahren müssen. „Dort wurde ich von einem Einheimischen mit einem Messer bedroht. In dem Moment ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Seitdem weiß ich, woher der Spruch kommt. Das war Adrenalin pur.“ Doch die Situation ging noch einmal glimpflich aus. „Ich habe den Typ weggeschubst. Woher diese Kraft kam, weiß ich nicht. Ich war noch nie so stark in meinem Leben.“

Der Traum vom eigenen Nationalpark


Die Abenteuerlust und der Hunger nach Adrenalin kommen bei ihm nicht von ungefähr: Der australische Dokumentarfilmer Steve Irwin hat ihn geprägt, wie er sagt. „Als Kind habe ich mir Dokus von ihm angesehen. Seitdem war ich fasziniert von Spinnen, Schmetterlingen und Lebewesen im Allgemeinen.“
Angst vor giftigen Tieren? Fehlanzeige. Menschen sind in seinen Augen viel gefährlicher.

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Angst vor giftigen Tieren? Fehlanzeige. Menschen sind in seinen Augen viel gefährlicher.

Tieren ganz nah zu sein, ist das Schönste für ihn. „Ich liebe Tiere. Der Tierschutz steht für mich deshalb an oberster Stelle.“ Sein großer Lebenstraum: „Ich möchte mir ein Grundstück kaufen, es verwildern lassen und daraus einen Nationalpark machen. Am liebsten auf Borneo.“ Menschen werden in seinem Nationalpark dann allerdings keinen Zutritt haben, wie er klarstellt. „Alles, was Tiere brauchen, ist Ruhe und einen Ort für sich. Der Nationalpark soll nur für die Erholung der Tiere sein, nicht zur Belustigung der Menschen.“ Doch warum ausgerechnet in Borneo? „Borneo hat mich am meisten berührt. Die Bewohner leben dort noch ganz anders als wir – ohne Strom und nur mit Feuer.“ Außerdem mache die Palmölindustrie dort alles kaputt. Der Regenwald ist fast vollständig zerstört und die Orang-Utans haben kaum noch Platz zum Leben. Die Tiere leiden, weil sie sich nicht wehren können. Wenn man jetzt nichts unternimmt, wird es zu spät sein.“

Doch nicht nur für vom Aussterben bedrohte Tiere, wie Tiger, Elefanten oder Nashörner, will er sich einsetzen – etwas Gutes für die Umwelt und die Menschen zu tun, liegt ihm ebenfalls sehr am Herzen. „Mein Idol ist Rüdiger Nehberg“, erklärt Etowski. Nehberg, Survival-Experte und Aktivist für Menschenrechte, setzte sich unter anderem für die Ureinwohner im brasilianischen Dschungel ein und kämpfte gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Nehberg starb am 1. April dieses Jahres. In dessen Fußstapfen zu treten, ist Etowskis Wunsch. „Ich habe meine Ziele klar vor Augen und eine große Willensstärke“, betont er. „Ich werde mich einsetzen, so wie Nehberg. Wenn andere das geschafft haben, dann schaffe ich das auch. Ich kann noch was Großes bewirken, wenn ich jetzt weitermache.

Auf seinen Reisen kommt Etowski wilden Tieren ganz nah. Auf Borneo begegnete er unter anderem auch Bartschweinen.

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Auf seinen Reisen kommt Etowski wilden Tieren ganz nah. Auf Borneo begegnete er unter anderem auch Bartschweinen.

Um auf sein Vorhaben aufmerksam zu machen, ist er auf Instagram aktiv. Dort nennt er sich „karottenjoe437“. Wie er auf diesen ungewöhnlichen Namen kam? „Wegen meiner roten Haaren nennen mich meine Freunde ,Karotte‘ und 437 sind die letzten drei Ziffern der Postleitzahl von Rastatt“, erklärt er.

Wenn er seine Fahrradtour nach Sibirien beendet hat, hat er übrigens auch schon das nächste Ziel vor Augen: Papua-Neuguinea. „Das ist der wildeste und unberührteste Ort der Welt. Dort möchte ich ein Jahr im Dschungel bei den Ureinwohnern leben.“

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Erstellt:
26. Mai 2020, 15:53 Uhr
Lesedauer:
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