Mit der Monotonie beginnt der Weg nach innen

Pamplona (fh) – BT-Redakteurin Fiona Herdrich war 2019 auf Pilgerreise – und träumt sich noch oft auf den Jakobsweg zurück. Teil I des Reiseberichts darüber, wie sie die Verbindung zum Alltag verlor.

In der Meseta beginnt für Fiona Herdrich (in Blau) die Herausforderung für den Kopf. Foto: Daniela Merken-Frings

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In der Meseta beginnt für Fiona Herdrich (in Blau) die Herausforderung für den Kopf. Foto: Daniela Merken-Frings

Optisch zieht sich der Weg vor mir ins Unendliche. Schnurgerade und flach, mehr als 20 Kilometer keine einzige Kurve, links gesäumt von Feldern, rechts von einer nahezu verlassenen Landstraße und einer Allee dünner, noch kahler Bäume. Was vor einigen Tagen noch hauptsächlich für den Körper anstrengend war, wird in der Meseta in Kastilien zur Herausforderung für den Kopf. Die Monotonie ist schwerer zu ertragen als jede Wasserblase. Jetzt beginnt mein eigentlicher, mein innerer Jakobsweg.

Die Monotonie ist schwerer zu ertragen als jede Wasserblase. Foto: Daniela Merken-Frings

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Die Monotonie ist schwerer zu ertragen als jede Wasserblase. Foto: Daniela Merken-Frings

Ein paar Tage zuvor habe ich auf dem Camino frances, dem französischen Jakobsweg durch Spanien, Sahagun durchquert. Die Stadt markiert mit einem Tor für viele Pilger, die ihre Reise im französischen Jean-Saint-Pied-de-Port jenseits der Pyrenäen begonnen haben, die Hälfte der Strecke nach Santiago de Compostela. Für mich ist es noch nicht soweit, ich bin rund 70 Kilometer später in Pamplona eingestiegen.

45 Kilometer, das sind etwa zwei Tage – je nach Fitness und Einstellung des jeweiligen Pilgers. Man rechnet auf dem Weg nicht mehr in Tagen oder Stunden. Wochentage oder konkrete Uhrzeiten rücken auf dem Jakobsweg ohnehin in den Hintergrund. Doch diese Verbindung zum Alltag muss man erst einmal verlieren.

Stempel belegen die Pilgerreise

Nach meinem Flug nach Bilbao und der Weiterreise mit dem Bus nach Pamplona etwa zwei Wochen zuvor erkunde ich dort erst einmal die Altstadt. Am Eingang der Kathedrale, für deren Besichtigung Pilger eine Ermäßigung bekommen, drücke ich den ersten von vielen Stempeln in meinen „Credencial“. Das Dokument weist mich als Pilger aus und ermöglicht es mir, in Herbergen zu übernachten. In jeder Unterkunft und auch in vielen Restaurants, Kirchen und Museen wird dieser Pilgerausweis gestempelt, um die Reise am Ende im Pilgerbüro von Santiago de Compostela belegen zu können. Nur wer auf den letzten 100 Kilometern mindestens zwei Stempel pro Tag gesammelt hat, erhält die entsprechende Urkunde, die sogenannte Compostela.

Ein weiteres Erkennungszeichen für Pilger unter einander ist die Jakobsmuschel – egal, ob mit oder ohne Templerkreuz. In Pamplona kaufe ich eine in der Nähe der Kathedrale, um sie an meinen Rucksack zu hängen. Der freundliche Verkäufer rät mir, nur bis in einen fünf Kilometer entfernten Ort zu wandern, da schon fast 14 Uhr ist (ich bin erst gegen Mittag in der Stadt eingetroffen). Die Herberge dort habe sicher offen. Bis zur nächsten Unterkunft sei es dann noch ein ganzes Stück, und ob die im März vor der eigentlichen Saison schon geöffnet habe, wisse er nicht. Danach komme lange nichts.

Das gelbe Symbol auf blauem Grund markiert den Weg und ist auch hier in der Region oft zu sehen. Foto: Fiona Herdrich

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Das gelbe Symbol auf blauem Grund markiert den Weg und ist auch hier in der Region oft zu sehen. Foto: Fiona Herdrich

Ich folge also den Straßenschildern mit den gelben Pfeilen und den glänzenden Muscheln auf dem Gehsteig und fühle mich dabei wie Dorothy in „Der Zauberer von Oz“, die eine Straße mit gelben Pflastersteinen zur Smaragdstadt entlang wandert. Außerhalb der Stadt markiert ein gelbes Jakobsmuschel-Symbol auf blauem Grund den Camino.

Im nächsten Dorf dann die Ernüchterung: „Geschlossen“ steht in mindestens fünf Sprachen auf einem selbst geschriebenen Schild an der Herberge. Ich kann es nicht fassen. Ungläubig gehe ich in dem Dorf bestimmt noch einen unnötigen Kilometer auf der Suche nach einer anderen – geöffneten – Herberge. Ich bin spät dran. Weit und breit ist mir noch kein einziger anderer Pilger begegnet. Und jetzt? Mir bleibt nichts anderes übrig, als weiterzulaufen.

Aber tatsächlich hat – wider Erwarten – nach weiteren sechs Kilometern eine Herberge geöffnet. Und zwischenzeitlich bin ich auch auf die ersten anderen Pilger getroffen, eine Gruppe, die sich aus einem Spanier, einem Italiener, einem Mexikaner, einer Dänin und einem Taiwanesen zusammensetzt und in der ein einziges babylonisches Durcheinander aus Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und ganz selten Englisch gesprochen wird. Diese Truppe sollte für die nächsten Tage meine Camino-Familie werden.

Pilgerdenkmal auf dem Alto del Perdon. Foto: Fiona Herdrich

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Pilgerdenkmal auf dem Alto del Perdon. Foto: Fiona Herdrich

Tag zwei beginnt früh, draußen ist es noch dunkel. Wir frühstücken, lassen unsere Wasserflaschen in der kleinen Bar der Herberge auffüllen und machen uns auf den Weg – wie an vielen Morgen, die noch folgen werden. Kurz darauf erreichen wir den Bergrücken von Alto del Perdon mit einem riesigen Pilgerdenkmal, der uns mit einem weiten Blick auf die Region Navarra belohnt. Viel zu früh erreichen wir die nächste Stadt, Puente la Reina, die entfernungsmäßig von Pamplona aus sinnvoll gelegene Etappe. Auf den nächsten 19 Kilometern hat zwar keine Unterkunft geöffnet, wie meine Begleiter in Erfahrung bringen konnten, aber was außer Laufen haben wir denn zu tun?

Einen Schnarcher gibt es in jeder Herberge

Im März erwartet mich in Nordspanien bestes Wanderwetter, von vier Grad am Morgen bis 22 Grad am Mittag, von Sonne bis Regen ist alles dabei. Ebenso abwechslungsreich ist die Landschaft. Führt der Camino mal an einer wenig reizvollen und meist stark befahrenen Straße entlang, gibt es meist eine schönere, dafür etwas längere Alternative.

Spätestens aber ab dem 30. Kilometer an Tag zwei mag ich nicht mehr weitergehen. Ich habe eine Wasserblase unter meinem großen Fußzeh, bin müde, und unter meinem Regencape ist es ganz schön warm. Aber es gießt wie aus Eimern, und die Alternative wäre, draußen zu übernachten. Umso tiefer und zufriedener schlafe ich aber am Ende dieses Tages in dem großen Schlafsaal der öffentlichen Herberge von Estrella, nach insgesamt 36 Kilometern. Eine Wohltat, wäre da nicht der Schnarcher im Stockbett gegenüber.

Mindestens einen Schnarcher gibt es in jeder Unterkunft, wie sich in den nächsten Wochen herausstellen sollte. Daran kann man sich entweder gewöhnen, oder man muss zu Ohrstöpseln und einem zusätzlichen Glas Rotwein (enthalten in den meisten Pilgermenüs) greifen. Auch der Gedanke, am Morgen nicht zu wissen, wie am Abend der Schlafplatz aussehen wird, bereitet mir mit der Zeit ein immer weniger unbehagliches Gefühl. Der Schlafsack wird zum neuen Zuhause. Pilgerführer und -Apps geben einen groben Überblick über Ausstattung, Preis und Öffnungszeiten der Herbergen.

Einsamkeit in der Camino-Familie finden

Wer es sich gut gehen lassen will, darf sich auch mal ein Hotelzimmer gönnen, etwa in den Städten Pamplona, Burgos und Léon, die der Jakobsweg durchquert. Wer wirklich Einsamkeit sucht, kann auch ausschließlich im Hotel übernachten. Auf meinem Weg begegnen mir aber nur wenige Pilger, die auf diese Weise nächtigen. Ihnen ist gemein, dass sie weniger stark in die große Gemeinschaft einbezogen werden als Pilger, die in einer großen Camino-Familie unterwegs sind, die sich Nacht für Nacht in simplen Herbergen einquartiert.

Aber auch als Teil dieser ist es möglich, Einsamkeit auf dem Weg zu finden. Niemand kann über Tage im selben Tempo nebeneinander hergehen, wie ich schnell feststelle. Es kommt eben darauf an, was man selbst aus seinem Camino macht, denn am Ende geht ohnehin jeder Pilger seinen eigenen Weg – den äußeren und inneren.

Wie Fionas Reise weitergeht, lesen Sie hier. Dieser Artikel erscheint im Rahmen des Throwback Thursday, einer Reihe des BT-Instagram-Teams, erstmals online.

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Auch Abiturientin Antonija Prgomet und Claudia Jokerst, die langjährige Rektorin der Aloys-Schreiber-Gemeinschaftsschule in Bühl wollen unbedingt mal den Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgern. Das Interview mit Prgomet und Fenja Fechner, die ihr Abi am Rastatter Tulla-Gymnasium unter Corona-Bedingungen geschrieben haben, lesen Sie hier.

Hermann Seiler aus Bühl, der seit fünf Jahrzehnten freier BT-Mitarbeiter ist, war bereits über 70, als er mit seiner Gattin Traudel Seiler der berühmten Muschel nachpilgerte.


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