Mit einer Restauratorin durchs Schloss Rastatt

Rastatt (sl) – Perspektivwechsel: Anlässlich des Europäischen Tags der Restaurierung konnten Besucher der Schlösser Rastatt und Favorite die Baudenkmale am Sonntag aus Sicht der Restauratoren erleben.

Annemie Danz (links) erklärt an zwei Stühlen, dass Möbel mitunter eine wechselvolle Geschichte haben. Foto: Sebastian Linkenheil

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Annemie Danz (links) erklärt an zwei Stühlen, dass Möbel mitunter eine wechselvolle Geschichte haben. Foto: Sebastian Linkenheil

Bei einem Rundgang durch die Schlösser Rastatt und Favorite stehen meist die Geschichte der Markgrafen von Baden und das höfische Leben vor 300 Jahren im Mittelpunkt. Am Europäischen Tag der Restaurierung am Sonntag jedoch konnten die Besucher die bedeutenden Baudenkmale einmal nicht durch die Brille von Historikern und Kunsthistorikern erleben, sondern aus Sicht derer, die sich ganz praktisch um den Erhalt der kostbaren Innenausstattung bemühen: Der Restauratoren.

In Schloss Favorite nahm Werner Hiller-König seine Gäste mit in die Welt der historischen Keramiken und Gläser, die Beletage der Rastatter Residenz zeigte Annemie Danz zwei interessierten Besuchergruppen, die allerdings coronabedingt auf je zehn Teilnehmer reduziert waren. Danz hat an der TU München Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft studiert, ist aber auch gelernte Tischlerin. Als solche zog sie symbolisch den Hut vor ihren „Kollegen“ von vor 300 Jahren. „Deren handwerkliches Können war wirklich phänomenal“ und lasse sich mitunter heute nicht mehr eins zu eins nachahmen.

Respekt vor der Vergangenheit – Verantwortung gegenüber der Zukunft

Der Respekt vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen, das lernten die Schlossbesucher neben vielen fachlichen Details, vereinigen sich im Beruf der Restauratorin. Respekt zeigt sich zum Beispiel in einer behutsamen Restaurierung, die versucht, nicht zu viel eigene Interpretation ins Spiel zu bringen. Die großen Ölbilder an den Stirnseiten des Ahnensaals etwa sind nur schemenhafte Andeutungen der monumentalen Familienporträts, die dort einst hingen. Denn, so erklärte die Fachfrau, es gebe nur Schwarz-Weiß-Fotos dieser verschollenen Bilder, und es sei daher schwer zu sagen, welchen Farbton ein Kleidungsstück genau hatte. Den Restauratoren von heute, die ihre Arbeit auf wissenschaftliche Erkenntnisse aufbauen, sei ein solches Foto zu wenig, um ein großes Gemälde zu rekonstruieren.

Besser nicht handgreiflich werden

Nicht immer ist die Faktenlage also so eindeutig, wie bei den textilen Tapeten in den markgräflichen Prunkräumen, die nach originalen Resten nachgewebt wurden. Ihre samtene Oberfläche verführte denn auch gleich einen Besucher zu einem handgreiflichen Test der Flauschigkeit. Zum Glück fragte er vorher: „Darf ich das mal anfassen?“ Klares „Nein“ von der Restauratorin. Auch wer gewaschene Hände hat, würde bei jeder Berührung Salze, Schweiß oder Reste von Hautcreme auf dem Material hinterlassen. In der Summe vieler Hände alles andere als zuträglich für die mitunter wertvollen Materialien. Noch schlimmer freilich wenn es sich um historische Originalobjekte handelt, wie sie in den Schlössern zahlreich vorhanden sind. Viele Berührungen wirken über die Jahre wie Schleifpapier, machte Danz deutlich – und zeigte zum Beweis ein Foto der stellenweise völlig verschlissenen Tagesdecke vom Bett des Markgrafen. Sie wurde bei der jüngsten Neugestaltung der Beletage ausgetauscht.

Gerade die originalen Stücke „wollen wir aber gerne noch den kommenden Generationen weitergeben“, unterstrich die Restauratorin, dass historisches Erbe besondere Verantwortung mit sich bringt. Denn: „Jeder Schaden ist ein großer Verlust an Originalsubstanz und Authentizität.“

Schonen besser als Reparieren

Schrammen, Kratzer und Verschleiß zu vermeiden, sei in jedem Fall besser, als zu reparieren oder ersetzen zu müssen. Deshalb rücke mehr und mehr die präventive Konservierung in den Blick. Für dieses Fachgebiet ist Annemie Danz seit Februar bei den Staatlichen Schlössern und Gärten zuständig. In Schloss Rastatt soll demnächst der Lichtschutz verbessert werden. Außerdem ist geplant, dem verständlichen Drang, auch den Tastsinn ins Schlosserlebnis einzubeziehen, auf eine unschädliche Art genüge zu tun.

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Erstellt:
11. Oktober 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 44sec

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