„Mit uns der Corona-Boom, nach uns die Krise“

Rastatt (schx) – Die Schülersprecherin Antonija Prgomet und Kursstufensprecherin Fenja Fechner des Rastatter Tulla-Gymnasiums im BT-Interview zum Schulabschluss während der Pandemie.

Die Zukunft wartet: Antonija Prgomet (links) und Fenja Fechner haben ihren Abschluss in der Tasche und schon einige Pläne, wie es weitergehen soll. Foto: Xenia Schlögl

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Die Zukunft wartet: Antonija Prgomet (links) und Fenja Fechner haben ihren Abschluss in der Tasche und schon einige Pläne, wie es weitergehen soll. Foto: Xenia Schlögl

Der landesweite Lockdown und die siebenwöchige Zwangspause an den Schulen haben den diesjährigen Abschlussjahrgängen viel abverlangt. Für den Abi-Jahrgang des Rastatter Tulla-Gymnasiums bedeutete das: Verschobene Prüfungen, Zeugnisausgabe unter Corona-Bedingungen, kein Abiball. Die Schülersprecherin Antonija Prgomet und die Sprecherin der Kursstufe Zwei, Fenja Fechner, haben beide ihr Abitur am Tulla-Gymnasium bestanden und sich über die vergangene Zeit mit BT-Mitarbeiterin Xenia Schlögl unterhalten.


BT: Frau Prgomet, Frau Fechner, herzlichen Glückwunsch, Sie haben das Abitur in der Tasche! Können Sie Ihr Gefühl beschreiben?
Antonija Prgomet: Glücklich und erleichtert, ich bin gespannt, was alles kommt!
Fenja Fechner: Irgendwie planlos. Alles war bisher geregelt, jetzt tut sich ein Loch auf.

Interview


BT: Bei der Zeugnisausgabe in der Aula des Tulla-Gymnasiums durften coronabedingt keine Familien und Freunde teilnehmen. Ihre Mitschüler Tim Drexhage und Marius Gerstner haben kurzerhand ein Glasfaserkabel quer über den Schulhof zur Aula gelegt, um einen Livestream der Zeremonie im Internet für die Angehörigen zu ermöglichen.
Fechner: Das war so toll von den beiden. Alle Mitschüler sind ihnen dankbar, dass sie das möglich gemacht haben. Aber ich hätte trotzdem gerne meine Oma dabeigehabt und ihr Gesicht gesehen, als ich mein Abschlusszeugnis erhalten habe. Ich bin die Erste aus unserer Familie, die das Abitur hat. Meine Oma hat mich immer unterstützt und zusammen haben wir auch mein Abiballkleid gekauft. Sie ist mein „Supporter Number One“.

BT: Frau Prgomet, Sie haben den Scheffelpreis für beste Leistungen im Fach Deutsch erhalten und die Abschlussrede Ihres Abiturjahrgangs gehalten. Worauf haben Sie den Fokus in dem Vortrag gelegt?
Prgomet: Im Grunde wollte ich erst meine Enttäuschung darüber kundtun, dass unser sorgfältig geplanter Abiball ins Wasser gefallen ist. In den Vorbereitungen steckten so viel Arbeit und Herzblut und die Vorfreude auf diesen besonderen Tag mit Zeugnisübergabe war immens. Unser Motto war anfangs: „Goldene 20er – Mit uns der Boom, nach uns die Krise“. Das haben wir umgetextet in: „Goldene 20er – Mit uns der Corona-Boom, nach uns die Krise“.
Aber dann habe ich die vergangenen drei Halbjahre Revue passieren lassen und über das nachgedacht, was wir Schüler alles haben machen können in der Oberstufe. Zwei Wochen Sozialpraktika im Ausland, Studienfahrten, Ausflüge und vieles mehr. Die Jahrgänge nach uns werden das alles so nicht haben, und wer weiß, womit sie sich auseinandersetzen oder abfinden müssen.

BT: Was war die Schule für Sie, wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken?
Prgomet: Die Schule war mehr als ein Ort der Leistungsnachweise. Während der Abiturvorbereitung in der Quarantäne wurde mir erst richtig bewusst, wie viel mir der Schulalltag bedeutet und wie sehr mich die Schule als Mensch geformt hat.
Fechner: Die Schule hat den Alltag strukturiert. Als die Schulschließung kam, dachte ich zuerst: Super, jetzt habe ich vier Wochen statt zwei Wochen Zeit zur Wiederholung und Vorbereitung auf das schriftliche Abitur. Aber ich habe schnell gemerkt, dass das Gruppenlernen, der Austausch und das persönliche Miteinander mir sehr gefehlt hat. Unser Schüler-Stammtisch neben dem Sekretariat wird mir fehlen. (Beide brechen in Lachen aus.)

BT: Sie waren beide Mitinitiatorinnen einer Petition, die im Frühjahr das Durchschnittsabitur gefordert hatte, was keine schriftlichen Abiturprüfungen, sondern die Anrechnung der Leistungen aus den vergangenen drei Halbjahren zur Folge gehabt hätte. Von den 67 Abiturienten des Tulla-Gymnasiums hatten 35 dies unterschrieben, sowie weitere 85 Schüler und Schülerinnen der HLA, LWG und Anne-Frank-Schule aus Rastatt und weiterer Gymnasien aus dem Raum Karlsruhe. Deutschlandweit gab es über 150000 Oberstufenschüler, die unter dem Eindruck der Corona-Pandemie die gleiche Forderung stellten. Sie beide haben sich auch schriftlich an das Regierungspräsidium Karlsruhe und an das Kultusministerium in Stuttgart gewandt, jedoch ohne Erfolg. War diese Petition eine gute Idee oder sind Sie froh, wie das Abitur jetzt abgelaufen ist?
Prgomet: Schwierig zu sagen, was besser gewesen wäre. Meine Abiturnote ist exakt die gleiche wie der Durchschnitt meiner Leistungen aus den drei Halbjahren zuvor.
Fechner: Ich hätte von einem Durchschnittsabitur profitiert. Aber ich bin jetzt froh, dass ich es durchgezogen habe.

BT: Während der Quarantäne ersetzte Homeschooling den analogen Schulunterricht, dabei war E-Learning bis dato kein regulärer Bestandteil des Unterrichts. Haben Sie den Eindruck, dass die Schüler trotzdem gut in den letzten Wochen vor dem Abitur vorbereitet wurden?
Prgomet: Überwiegend Ja. Die Wiederholungsphase hat gefehlt, aber wir konnten uns auch per E-Mail an die Fachlehrer wenden und bekamen weiteres Übungsmaterial.
Fechner: Ich habe mich anfangs nicht gut vorbereitet gefühlt. Das lag nicht an den Lehrern, sondern war der Situation geschuldet. Es hat etwas gefehlt, man konnte die Fragen nicht so klären, wie man wollte. Dadurch entstand am Anfang eine große Unsicherheit, ich fühlte mich allein. Die Selbstmotivation und Selbstorganisation fielen mir schwer.

BT: Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann sagte vor Beginn des schriftlichen Abiturs, es würden sicher nicht die schwersten Abiturprüfungen aller Zeiten werden.

Prgomet: Dieser Satz der Ministerin hat mich am meisten geärgert. Da fehlte jedes pädagogische Augenmaß. Wie gut ein Schüler abschneidet, hängt nicht nur von der persönlichen Leistungsfähigkeit ab, sondern auch wie die Vorbereitung auf das schriftliche Abitur in der Oberstufe durch die Lehrer war – und da gibt es Unterschiede. In meinen Augen gab es auch keinen Corona-Bonus, der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben war wie in den Jahren zuvor.
Fechner: Das sehe ich genauso. Im Rückblick hätte ich mich anders auf das Abitur vorbereitet.

BT: Der Sommer nach Beendigung der Schulzeit ist etwas Besonderes. Eine kurze Zeit im Leben, in der man keine Erwartungen erfüllen muss, einfach loszieht und sein kann, wer man will. Sie sind der erste Abi-Jahrgang, der unter Corona-Bedingungen einen neuen Lebensabschnitt beginnen wird. Was haben Sie geplant?
Prgomet: Ich sehe einen Mangel an Möglichkeiten, also eher keinen Sommer des Lebens. Reisen ins Ausland, Work and Travel, und vieles mehr, das lange im Voraus geplant war, ist nicht machbar. Ich wollte den Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgern, das wird warten müssen. Vielleicht klappt ein Kurzurlaub in Istrien. Ich weiß es nicht.
Fechner: Ich weiß auch noch nicht genau, was ich machen werde, vielleicht hier und da jobben. Viele Mitschüler haben ihre Reisepläne verschoben und versuchen, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Sie fangen im Herbst mit einem Studium, Praktikum oder einer Ausbildung an.

BT: Was wollen Sie beruflich machen?
Prgomet: Momentan arbeite ich bei Mercedes-Benz. Ich würde gerne Wirtschaftsingenieurwesen am KIT (Karlsruher Institut für Technologie) studieren, aber auch Sportmedizin und Sportjournalismus interessieren mich.
Fechner: Ich würde gerne etwas im sozialen Bereich machen. Gesundheitsmanagement studieren oder in der Altenpflege tätig sein.


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