Mit viel Geduld auf dem Schienennetz unterwegs

Offenburg/Hausach/Singen (sj) – Lokführer Wunderlich muss die Strecke nach St. Georgen mit teilweise 20 km/h hochtuckern – trotz der 15.400 PS zweier E-Loks.

Seit drei Jahren ist Lukas Wunderlich Lokführer auf Zügen der „SBB International“, seine Schicht an diesem Samstag begann um ein Uhr morgens. Foto: Stefan Jehle

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Seit drei Jahren ist Lukas Wunderlich Lokführer auf Zügen der „SBB International“, seine Schicht an diesem Samstag begann um ein Uhr morgens. Foto: Stefan Jehle

Es herrscht geschäftiges Treiben am Gleis 2 des Bahnhofs in Offenburg. Soeben ist der ICE 5 aus Frankfurt eingefahren – mehrere hundert Fahrgäste sind gezwungen umzusteigen auf den SEV, den Bus-Schienen-Ersatzverkehr.

Manch einer fühlt sich erinnert an die Tunnel-Havarie bei Rastatt vor exakt vier Jahren, dort mussten die Fahrgäste sieben Wochen lang auf den Bus wechseln. Dagegen wirkt der aktuelle Umsteigezwang auf den ersten Blick harmlos.

Gleisbauarbeiten zwischen Offenburg (links) und Orschweier zwingen Leschenko und Wunderlich (rechts), am Hausacher Bahnhof eine Pause einzulegen. Foto: Stefan Jehle

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Gleisbauarbeiten zwischen Offenburg (links) und Orschweier zwingen Leschenko und Wunderlich (rechts), am Hausacher Bahnhof eine Pause einzulegen. Foto: Stefan Jehle

Der Grund an diesem Samstag – und an den folgenden zwei Wochenenden: Die zeitweilige Vollsperrung der Rheintalbahn in der südlichen Ortenau ist notwendig wegen Gleisbauarbeiten zwischen Offenburg und dem 30 Kilometer entfernten Orschweier, einer kleinen Ortschaft südlich von Kippenheim. Die Bauarbeiten sind seit Monaten kommuniziert – für die Fahrgäste in Richtung Freiburg bedeutet der Umstieg auf den Bus zirka 40 bis 50 Minuten mehr an Zeitaufwand.

Wenige Meter nördlich vom besagten Gleis 2 und dem Bahnhofsbau in Offenburg fährt ein paar Minuten später ein Cargo-Zugverband des Schweizer Güterverkehrs-Dienstleisters „SBB-International“ ein: an Bord Lokführer Michael Schneider – er kommt aus Richtung Mannheim angefahren. Der Cargo-Zug hat eine Länge von 570 Metern, zählt 18 Waggons: Plastik- und Küchenteile, Wein – aber auch Gefahrgüter der Klassen acht (ätzende Stoffe) und 6.1 (giftige Stoffe) sind an Bord, erläutert Lokführer Lukas Wunderlich, der den Transport übernehmen soll. Der Zug-Verband wiegt etwa 1.480 Tonnen, Endziel der Alpenquerung wird die Stadt Novara, im Piemont, in Oberitalien, sein. Doch auch für den besagten Zug mit der Nummer 43413 ist in Offenburg erst mal Schluss, er muss „Umleitung“ fahren.

„Noch nicht auf Klimakrisen-Niveau“

Schneider und Wunderlich nehmen noch einen Lokwechsel vor: Die 18 Waggons werden über den Schwarzwald geleitet. Beim Andocken der beiden elektrischen Siemens-Zugpferde assistiert SBB-Regionalleiter Stanislaw Leschenko. Die Loks der Baureihen 193 und 189 bringen 6,4 Giga-Watt Leistung aufs Gleis, umgerechnet jeweils 8.700 PS. Bei der regulären Fahrt auf der Rheintalbahn hätte eine Lok gereicht. Doch der Anstieg von dem auf 159 Meter (NN) gelegenen Offenburg hoch in den Schwarzwald, nach Hornberg mit 384 und St. Georgen mit 862 Metern, erfordert „mehr Kraftanstrengung“. Das Frachtgewicht ist gleichzeitig um etwa 40 Prozent reduziert.

Doch nicht nur die Rheintalbahn ist an diesem Wochenende gesperrt. Auch auf der Gäubahn, der zweiten für die Alpenquerung wichtigen Nord-Süd-Achse gibt es Bauarbeiten – und eine Totalsperrung zwischen Gäufelden und Bonndorf/Herrenberg, nördlich Horb: bis zum 9. August. Das bringt die privaten Güterverkehrsbetreiber, das „Netzwerk Europäischer Eisenbahnen“ (NEE) in Rage. Mit der Parallel-Sperrung von Rheintalbahn und Gäubahn sei das Management der Bahnverantwortlichen „aus Sicht der Güterbahnen noch nicht auf Klimakrisen-Niveau“, kritisiert NEE-Geschäftsführer Peter Westenberger. Er ist am Samstag selbst vor Ort, will sich ein Bild machen. Mit der Schwarzwaldbahn als einziger Umleitungsstrecke für die Güterverkehrsachse würden „Fahrtzeit und Strecke für die meisten Start- und Zielorte der Güterzüge in Norditalien deutlich länger“, sagt er. Reguläre „Umläufe“ funktionierten nicht mehr.

Beim Andocken der beiden elektrischen Siemens-Zugpferde assistiert SBB-Regionalleiter Stanislaw Leschenko. Foto: Stefan Jehle

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Beim Andocken der beiden elektrischen Siemens-Zugpferde assistiert SBB-Regionalleiter Stanislaw Leschenko. Foto: Stefan Jehle

Die Fahrt von SBB-Cargo-Zug 43413 verdeutlicht dies auf Anhieb. Die Abfahrt, so steht im Fahrplan des Betreibers der Gleisanlagen – der „DB Netz“, ist für 9.08 Uhr gesetzt. Doch an diesem Tag ist von Anfang an der Wurm drin. Lokführer Wunderlich sagt wenig später: „Geduld haben, das lernt man hier schnell“. Seit drei Jahren ist er Lokführer auf Güterzügen der „SBB International“, seine Schicht an diesem Samstag begann um ein Uhr früh. Es ist heute seine dritte Fahrt zwischen Offenburg und Singen, dem deutschen Endziel der Umleitung. Schon bei der Herfahrt gab es ein Problem beim Bahnübergang südlich Hausach – mehr als 20 Minuten ist er im Verzug.

Das rächt sich nun. „Singen nimmt vor elf Uhr keine Züge mehr an“, gibt der örtliche Fahrdienstleiter durch. Wunderlich, der in Friesenheim, nicht weit entfernt vom Startpunkt, wohnt, muss die Abfahrt verschieben – „auf unbestimmt“. Doch sein Drängen hat später Erfolg. Er verweist auf das Ende seiner „Lenkzeiten“ um 13.30 Uhr. Danach muss er in den Feierabend, so die Vorschrift. Wenn er nicht fahren könne, müsse der Zugverband stehen bleiben – „irgendwo auf freier Strecke“. Um 10.35 Uhr gehts tatsächlich los, fast 90 Minuten später als geplant – obwohl zwei andere Güterzüge länger warten als er. Mit gemächlichen 70 Kilometer pro Stunde darf er ausfahren. Schnell sind die Orte Gengenbach und Biberach im Kinzigtal erreicht.

Hausach wird zeitweise zum Güterbahnhof

Doch der Optimismus, nun wieder freie Fahrt zu haben, wird schnell getrübt. Gegen 10.56 Uhr vermeldet der Co-Pilot des Cargo-Zuges, SBB-Regionalleiter Stanislaw Leschenko: „In sechs Kilometern ist die Reise zu Ende“. Die auf rot stehende Signalanlage verdonnert zur Langsamfahrt. Weniger als 40 Kilometer pro Stunde zeigt nun der Zug-Tachometer.

Am Bahnhof von Hausach, gerade mal etwa 34 Kilometer nach der Abfahrt, wird Wunderlich auf ein Abstellgleis geleitet. Der beschauliche 6.000-Einwohner-Ort wird vorübergehend zum Güterbahnhof: Die drei in Offenburg gestarteten Güterzüge mit jeweils 600 und mehr Metern Länge stehen mehr als eine Stunde am Bahnsteig. Bei Kilometer 34,6 gebe es erneut die Störung bei dem besagten Bahnübergang, sagt Wunderlich. Erst hinter Hausach beginnt dann der steile Anstieg in die Schwarzwaldhöhen. Bei der ersten Fahrt in Richtung Singen im frühen Morgengrauen musste der Lokführer oberhalb Hornberg zwangsweise anhalten – und bis zur Passhöhe bei St. Georgen mit nicht mehr als 20 Kilometer pro Stunde hochtuckern.

Gleisbauarbeiten zwischen Offenburg (links) und Orschweier zwingen Leschenko und Wunderlich (rechts), am Hausacher Bahnhof eine Pause einzulegen. Foto: Stefan Jehle

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Gleisbauarbeiten zwischen Offenburg (links) und Orschweier zwingen Leschenko und Wunderlich (rechts), am Hausacher Bahnhof eine Pause einzulegen. Foto: Stefan Jehle

Der Zug-Verband wird mehrfach überholt: von einem Schweizer SBB-Personenzug, dann vom Doppelstöcker der Schwarzwaldbahn. „Ich hoffe, wir müssen hier nicht noch Zelte aufschlagen“, sagt der Co-Pilot Stanislaw Leschenko. Doch auch der RE der Schwarzwaldbahn hat deutliche Verspätung. Gegen 12.24 Uhr, mehr als drei Stunden verspätet zur planmäßigen Abfahrt, können Wunderlich und Leschenko durchstarten. Der SBB-Cargo-Zug 43413 fährt wieder an. Exakt 12.50 Uhr durchfahren die zwei E-Loks mit den 18 Waggons St. Georgen – um 14.15 Uhr ist die Ankunft in Singen: fünf Stunden nach den Vorgaben des Fahrplans. Gut zwei Stunden wären normal, vermeldet später Co-Pilot Leschenko. Der RE der Schwarzwaldbahn schafft dieselbe Strecke – trotz zahlreicher Haltepunkte – in planmäßig 111 Minuten.

Ihr Autor

Stefan Jehle

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Erstellt:
6. August 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 08sec

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