Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamts Rastatt im Interview

Rastatt (naf) – „Mir fehlen drei Monate aus meinem Leben“: Drei Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamts Rastatt sprechen mit BT-Volontärin Nadine Fissl über ihre Arbeit während der Corona-Hochphase.

„Es ist anstrengend, aber es macht Sinn“: Petra Tuschla-Hoffmann betreut Infizierte in Quarantäne telefonisch. Foto: Frank Vetter

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„Es ist anstrengend, aber es macht Sinn“: Petra Tuschla-Hoffmann betreut Infizierte in Quarantäne telefonisch. Foto: Frank Vetter

100 Anrufe besorgter Bürger, die täglich eingegangen sind und bis zu 30 Personen am Tag, deren Kontakte ausfindig gemacht werden mussten: Mitarbeiter des Gesundheitsamts Rastatt mussten durch Corona zu Höchstleistungen auffahren. Die Anzahl der insgesamt ermittelten Kontaktpersonen liegt im Zehntausender-Bereich. Sie haben erheblich zur Eindämmung des Virus beigetragen und wurden zu Helden des Alltags. BT-Volontärin Nadine Fissl hat sich mit den Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamts Petra Tuschla-Hoffmann, Karin Thiel und Frederike Bretschneider zusammengesetzt und über ihre Erlebnisse in den vergangenen Monaten geredet.

BT: Frau Bretschneider, Frau Thiel, Frau Tuschla-Hoffmann, ganz allgemein gefragt: Wie sieht Ihre Arbeit während Corona aus?
Frederike Bretschneider: Das eigentliche Tätigkeitsfeld von uns beiden Hygienekontrolleurinnen hat sich natürlich komplett auf die Bearbeitung von Covid-19-Erkrankungsfällen beschränkt. Routineaufgaben oder Außentermine mussten Anfang März eingestellt werden. Bis die Strukturen standen und wir uns organisiert haben, hat das erst mal etwas gedauert.
Karin Thiel: Wobei man zu unserer Tätigkeit sagen muss, dass wir sowieso regulär im Infektionsschutz eingesetzt sind. Das ist unser originäres Arbeitsgebiet. Die Ermittlung von übertragbaren Krankheiten ist immer Bestandteil unserer Arbeit gewesen, der spezielle Erkrankungsfall Covid-19 ist aber eben neu.

BT: Wie hat sich Ihre Arbeit über die Hochzeit des Virus verändert?
Thiel: Am Anfang wurden die Fälle individuell abgearbeitet. Man hat sich einfach selbst organisieren müssen. Mit jedem Fall haben wir versucht, das Vorgehen zu standardisieren und uns Arbeitsvorlagen zu schaffen, wie Vordrucke oder Merklisten. Wir haben dann zunächst andere Mitarbeiter aus den eigenen Reihen mit ins Boot geholt, später kamen auch welche von extern dazu.

BT: Wie viele zusätzliche Mitarbeiter haben Ihnen zwischenzeitlich geholfen?
Petra Tuschla-Hoffmann: Wir haben von 35 Mitarbeitern auf über hundert aufgestockt. Es war ja auch ein riesiger Verwaltungsapparat nötig. Wenn Sie bedenken, dass jeder einzelne Infizierte eine behördliche Anordnung erhalten hat, die muss ja auch jemand schreiben.

BT: Wie hat das mit den zusätzlichen Hilfen funktioniert?
Thiel: Sehr gut. Aber man muss differenzieren. Es gab welche, die vom Fach waren...
Tuschla-Hoffmann: ...zum Beispiel vom Veterinäramt. So jemanden einzubinden war natürlich einfacher als jemanden von der allgemeinen Verwaltung.
Thiel: Und wir haben auch Ärzte bekommen, die zwar nicht aus dem Infektionsschutz kamen, aber mit wenig Aufwand eingearbeitet werden konnten.

Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts bleiben so lange, bis alle Kontakte einer infizierten Person erreicht werden konnten. Alle Daten werden genauestens notiert. Foto: Marijan Murat/dpa

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Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts bleiben so lange, bis alle Kontakte einer infizierten Person erreicht werden konnten. Alle Daten werden genauestens notiert. Foto: Marijan Murat/dpa

BT: Frau Thiel und Frau Bretschneider, Sie haben ja andere Aufgaben als Frau Tuschla-Hoffmann. Welche sind das?
Thiel: Frau Tuschla-Hoffmann kommt ins Spiel, wenn wir unsere Arbeit abgeschlossen haben. Über uns läuft der Erstkontakt. Zunächst geht ein positiver Labornachweis ein, in einigen Fällen müssen wir dann aufwendig die Kontaktdaten ermittelt. Die infizierte Person wird dann gebeten, alle ihre Kontaktpersonen aufzuzählen, welche wir auch wiederum alle anrufen. Anfangs waren das pro Person mindestens zehn bis 15 Kontakte.

BT: Und dann übernehmen Sie, Frau Tuschla-Hoffmann?
Tuschla-Hoffmann: Genau, man kann die Leute ja nicht einfach in Quarantäne stecken und dann kümmert man sich nicht mehr darum. Darum hat man den Bereich der Index-Betreuung geschaffen (Anmerkung: Indexpersonen sind Erst-Infizierte, die das Virus eventuell weiter übertragen haben). Wir waren bis zu sechs Mitarbeiter, alle mit medizinischem Hintergrund, wie Krankenschwestern, Medizinstudenten sowie eine Psychotherapeutin. Unsere Aufgabe war es, die Erkrankten jeden Tag anzurufen und sie zu begleiten – mindestens die ersten drei Tage lang. Danach konnte man abwägen, ob der Verlauf der Erkrankung zulassen würde, den Anruf für einen Tag auszusetzen.
Wir haben auch immer durchgearbeitet, da war es ganz egal, ob es Samstag oder Sonntag ist. Wir hatten Schichtdienst, und manche Kolleginnen haben es nicht einmal nach zwölf Stunden nach Hause geschafft. Es war wirklich eine Extremzeit.
Ich muss sagen, diese Index-Betreuung war vor allem psychisch sehr anstrengend. Man hatte ja wirklich mit kranken und isolierten Leuten zu tun. Menschen, die teilweise komplett mit der Situation überfordert waren, die nicht einmal mehr wussten, wie sie jetzt etwas zu essen bekommen, weil sie alleine wohnten.
Wir haben ja auch leider 36 Verstorbene im Landkreis. Deren Familien mussten wir weiterhin jeden Tag anrufen, weil meistens auch andere Familienmitglieder positiv getestet wurden. Wir haben sehr viel psychologische Arbeit geleistet. Aber es war auch eine sehr sinnvolle Arbeit. Da sagt man dann einfach: Ja, es ist anstrengend, aber es macht Sinn.

BT: Mit was für Gedanken geht man an so einem Tag nach Hause?
Tuschla-Hoffmann: Ich komme aus dem medizinischen Bereich, und da hat man natürlich eine gewisse professionelle Distanz. Man kann nicht jedes Einzelschicksal an sich ranlassen, ansonsten würde es einen auffressen. Trotzdem konnte man manches nicht einfach so abschütteln, gerade der Kontakt zu Alten und Isolierten. Wenn man täglich mit einer 90-Jährigen ohne Angehörige telefoniert, der bewusst ist, dass das Virus durchaus tödlich für sie sein kann – das ist sehr emotional und erschöpft einen. Trotzdem hat man wie gesagt den Sinn darin gesehen.

BT: Was ist Ihnen aus der Hochzeit der Infektionen besonders im Gedächtnis geblieben?
Tuschla-Hoffmann: Dass es möglich war, aus Mitarbeitern unterschiedlicher Ämter und Externen ein so professionelles Team zusammenzustellen. Wir sind superschnell zusammengewachsen, haben alle an einem Strang gezogen und konnten uns blind aufeinander verlassen.

(Alle stimmen zu)
Thiel: Ich fand es auch wirklich schön zu sehen, dass jeder seine individuellen Bedürfnisse komplett zurückgestellt hat.
Tuschla-Hoffmann: Ja, es gab keine Freizeit mehr.
Thiel: Man hat gewusst, dass man es für die Sache und für die Kollegen macht und das wurde dann auch nicht hinterfragt. Jeder hat alles andere zurückgestellt. Und ich muss auch wirklich sagen, dass wir zu jeder Zeit hundert Prozent der Kontaktpersonen erreichen konnten. Bevor das nicht erledigt war, sind wir auch nicht nach Hause gegangen.
Bretschneider: Und wenn es telefonisch nicht ging, haben wir uns ins Dienstauto gesetzt und sind zu den Leuten hingefahren.
Thiel: Als es etwas ruhiger geworden ist, habe ich gemerkt: Mir fehlen drei Monate aus meinem Leben.
Tuschla-Hoffmann: Genau, ich kann es bis jetzt nicht fassen, dass wir August haben. Man hat in diesen drei Monaten nur gearbeitet, geschlafen und wenig gegessen, das war’s.
Thiel: Was mir auch im Kopf bleiben wird, sind die Momente, in denen man einen Fall auf dem Tisch hat, ihn liest und sich denkt: „Mist, ich kenne den.“ Das waren auch Fälle, in denen man einen Kollegen gebeten hat, zu übernehmen.

Eine Insel zum Durchhalten



BT: Haben Sie dann versucht, sich privat von der ganzen Thematik zu distanzieren?
Tuschla-Hoffmann: Ich hab’s versucht. Wie will man das ansonsten durchhalten? Wir hatten maximal einen Tag in der Woche frei. Und diesen Tag habe ich meiner Familie gewidmet und wollte nichts über Corona hören. Es konnte einem ja auch niemand sagen, wie lange es noch so weitergeht. Wenn man sich da nicht seine kleine Insel schafft, dann geht das nicht.

BT: Wie haben die Menschen reagiert, wenn Sie angerufen haben?
Bretschneider: Unterschiedlich. Teilweise wurden wir beschimpft, teilweise waren die Reaktionen entspannt. Egal wie unfreundlich unser Gegenüber ist, wir müssen immer nett bleiben, manchmal fällt das schwer. Aber das ist Alltag – nicht nur zu Coronazeiten. Viele verstehen es dann auch doch, wenn man es ihnen in Ruhe erklärt.
Tuschla-Hoffmann: Bei den schwierigen Leuten hat das oft auch etwas mit Angst zu tun. Da hilft es manchmal einfach nur zuzuhören, bis sie ihren Dampf abgelassen haben.
Thiel: Manche waren auch extrem nett und haben sich später sogar für die gute Betreuung bedankt, aber es gibt eben auch andere.
Doch egal wie die Leute einem entgegentreten, das Wichtige ist, ihnen zu zeigen, dass man sie ernst nimmt. Außerdem muss man vermitteln, dass sie sich nicht an die Einschränkungen halten müssen, weil es die Behörde fordert, sondern um Infektketten zu unterbrechen und damit andere Menschen zu schützen.

BT: Und wenn Sie mit Menschen zu tun haben, die sich den Anordnungen bewusst widersetzen?
Thiel: Der erste Schritt ist immer das Erklären, warum die Maßnahmen erforderlich sind. Wenn das nicht ankommt, dann ist es ganz klar: Diese Quarantäne ist angeordnet. Wenn die Umsetzung also sicher nicht eingehalten werden wird, dann kann die Ortspolizeibehörde das kontrollieren.
Tuschla-Hoffmann: Die Quarantäne kann auch nur von einem Amtsarzt vom Gesundheitsamt aufgehoben werden. Viele wussten das auch nicht.
Thiel: Manchmal war die Bevölkerung auch einfach nicht genügend aufgeklärt.

BT: Glauben Sie, das hat sich gebessert?
Bretschneider: Die Aufklärung vielleicht ja, dafür lässt das Verständnis jetzt eher nach.
Thiel: Es ist ganz schwierig, den Menschen zu erklären, dass man nicht viel über Corona weiß. Viele Details zum Erreger sind immer noch nicht geklärt, wie beispielsweise die Frage der Immunität nach durchgemachter Krankheit. Jede neue medizinische Erkenntnis wird umgesetzt. Eine Zeit lang mussten die Maßnahmen teilweise täglich angepasst werden.
Tuschla-Hoffmann: Was man morgens gesagt hat, hat nachmittags schon nicht mehr gestimmt.
Thiel: Und das müssen wir vermitteln und auf die Frage: „Warum war es gestern anders als heute?“ antworten. Von manchen wird das als Willkür aufgefasst.

Während der Corona-Hochphase dürfen Bürger das Gebäude nur mit vorheriger Terminabsprache betreten. Die Anmeldung erfolgt direkt am Eingang. Foto: Landratsamt Rastatt

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Während der Corona-Hochphase dürfen Bürger das Gebäude nur mit vorheriger Terminabsprache betreten. Die Anmeldung erfolgt direkt am Eingang. Foto: Landratsamt Rastatt

BT: Wären Sie für eine zweite Welle gewappnet?
Bretschneider: Wir sind auf jeden Fall strukturierter. Amtsintern würde das gut laufen.
Thiel: Wir haben alle Erfahrungen gebündelt. Es gibt eine Handreichung, die laufend aktualisiert wird. Außerdem sind die Kräfte, die uns unterstützt haben, geschult und können nach einem Update wieder eingesetzt werden. Viele haben die Bereitschaft signalisiert, wieder zu kommen, wenn es nötig ist.

BT: Hat die Arbeit mit den Infizierten Ihre Sichtweise auf das Virus verändert?
Tuschla-Hoffmann: Das würde ich schon sagen, ja. Für mich ist es ein absolut unberechenbares Virus. Ich habe mit Menschen telefoniert, die hatten überhaupt nichts, nicht einmal Halskratzen. Andere lagen auf der Intensivstation und haben um ihr Leben gekämpft. Auch die Verläufe waren unterschiedlich. Es gab Leute, die Durchfall hatten und 20 Kilogramm abgenommen haben. Manche hat es gleich zu Anfang voll erwischt, andere kurz vor Ende der Quarantäne. Der jüngste Infizierte war zwei Jahre alt, der älteste 101. Bei Corona ist alles möglich.


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