Mittelbaden-Cup: Zeitreise in die Vergangenheit

Baden-Baden (rap) – Eigentlich hätte am Sonntag der BT-Mittelbaden-Cup stattfinden sollen. Doch das Coronavirus ist dem Hallen-Highlight dazwischen gegrätscht und hat dem Cup die Rote Karte gezeigt.

Stammgast beim BT-Mittelbaden-Cup als Spieler und Trainer: Alexander Hassenstein (rechts). Foto: Archiv

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Stammgast beim BT-Mittelbaden-Cup als Spieler und Trainer: Alexander Hassenstein (rechts). Foto: Archiv

Normalerweise hätte Alexander Hassenstein morgen, so gegen 8 Uhr, seine Coaching-Mappe gepackt, die Haustür zugezogen und wäre Richtung Durmersheimer Gymnasium-Sporthalle losgedüst. Auf der Fahrt dorthin hätte sich der Trainer des Fußball-Landesligisten VfB Bühl wohl Gedanken über die Aufstellung und Gruppengegner gemacht. Dort angekommen, hätte der Sport- und Physiklehrer noch schnell die eifrig arbeitenden Mitglieder von Phönix Durmersheim begrüßt, bevor er seine – wahrscheinlich noch teils verschlafene – Mannschaft in Empfang genommen und eingestimmt hätte – und zwar auf den 40. BT-Mittelbaden-Cup, jenes Highlight am Ende einer jeden Hallensaison.

Doch seit zwölf Monaten ist nichts mehr normal auf dieser Erde. Weder in Asien, noch in Amerika oder Europa. Auch nicht in Mittelbaden. Das Coronavirus ist über die Welt hereingebrochen und hat selbige schachmatt gesetzt: Abstand statt Umarmung. Homeoffice statt Büroklatsch. Lockdown statt Budenzauber. Auch der 40. Auflage des traditionsreichen Hallen-Highlights ist Covid-19 böse dazwischen gegrätscht und hat dem BT-Event – wie allen anderen Turnieren unterm Dach – die Rote Karte gezeigt. Also muss auch der Bühler Trainer morgen auf eine lieb gewonnene Tradition verzichten, am letzten Sonntag im Januar in einer pickepackevollen Halle zu sitzen, sein Team zu coachen und mit der mittelbadischen Fußballprominenz zu fachsimpeln.

Dribbeln in den 90er Jahren die Konkurrenz reihenweise aus und holen den Pott mehrmals ins Murgtal: Die Fußballer des VfB Gaggenau, unter anderem mit Rifat „Mister Oberliga“ Kolasinac (hintere Reihe, Dritter von rechts), Trainer Gerd Pfrang (rechts), Torhüter Philipp Laux (am Pokal) und Marco Grimm (rechts kniend). Foto: Archiv

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Dribbeln in den 90er Jahren die Konkurrenz reihenweise aus und holen den Pott mehrmals ins Murgtal: Die Fußballer des VfB Gaggenau, unter anderem mit Rifat „Mister Oberliga“ Kolasinac (hintere Reihe, Dritter von rechts), Trainer Gerd Pfrang (rechts), Torhüter Philipp Laux (am Pokal) und Marco Grimm (rechts kniend). Foto: Archiv

Alexander Hassenstein und der BT-Cup – das ist wie „Dinner for one“ und Silvester, wie Whams „Last Christmas“ und Weihnachten. Das eine einfach nicht vorstellbar ohne den anderen. Gehört der Gymnasiallehrer doch mittlerweile zum festen Inventar: Seit Mitte der 90er, damals als Spieler des VfB Gaggenau, steuert Hassenstein am letzten Sonntag im ersten Monat eines jeden Jahres – abgesehen von seiner Zeit in Durlach, Bahlingen und Kehl – die Hallen der Region an. Etwa die Bühler Schwarzwaldhalle. Oder die Gaggenauer Traischbachhalle. Natürlich nicht zu vergessen die Obertsroter Ebersteinhalle, wo er 2011 mit dem VfB Bühl seinen bislang letzten von einigen BT-Cups gewann. „Ja, da fehlt dieses Jahr wirklich was“, sagt Hassenstein, der kurz nachrechnet und auf 21 Teilnahmen kommt – als Spieler für Gaggenau, Rastatt 04 sowie bereits 13-mal als Spielertrainer und Coach des VfB Bühl.

Hassenstein: „Da hat keiner auf die Uhr geschaut“

„Die Atmosphäre ist immer ganz besonders. Eine volle Halle, gute Mannschaften, viele nette Gespräche. Der BT-Mittelbaden-Cup ist Treffpunkt für die gesamte Fußballszene“, findet Hassenstein und erinnert sich vor allem zurück an die 90er Jahre. Damals, als der VfB Gaggenau die Konkurrenz beinahe nach Belieben dominierte. Als Philipp Laux, später Torhüter bei Borussia Dortmund und SSV Ulm, das Tor vernagelte, Marco Grimm, später für den FC Bayern, VfB Stuttgart und den KSC aktiv, die Defensive organisierte, Rifat „Mister Oberliga“ Kolasinac und Ralf Röhrig die gegnerischen Teams mit Doppelpässen reihenweise sezierten. Mittendrin: Alexander Hassenstein. „Das waren richtige Events damals. Richtige Teamtage, die man von morgens bis abends zusammen verbracht hat. Da hat keiner auf die Uhr geschaut“, schwelgt der 47-Jährige in Erinnerungen. Besonders im Gedächtnis geblieben sind Hassenstein die hitzigen Duelle mit Croatia Gaggenau, in jenen Jahren eine bockstarke Hallenmannschaft, und 1997 in einer brechend vollen Traischbachhalle als B-Ligist Überraschungssieger – nach einem 3:2-Herzinfarktfinale gegen den großen VfB.

Mittendrin beim Spektakel: Torwart Davor Smoljanovic und Croatia Gaggenau düpieren 1997 die Konkurrenz. Foto: Archiv

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Mittendrin beim Spektakel: Torwart Davor Smoljanovic und Croatia Gaggenau düpieren 1997 die Konkurrenz. Foto: Archiv

„Das waren unvergessene Spiele, mit einer tollen Atmosphäre, die Mannschaften haben sich gegenseitig aufgestachelt. Leider haben wir das Finale damals verloren“, sagt Hassenstein, ohne Kolasinac, der im Endspiel wegen einer Adduktorenzerrung verletzt ausfiel. Vielleicht lag es am Fehlen des Topstürmers, sicherlich aber auch am Mitwirken von Davor Smoljanovic, entschärfte der Croatia-Keeper doch die Kunstschüsse von Röhrig und Co. „Wenn ich an das Finale zurückdenke, bekomme ich immer wieder eine Gänsehaut“, sagt Smoljanovic, der in der aktuellen Runde mit 50 Jahren noch im Tor des A-Ligisten FC Gernsbach steht. Das Turnier damals in der Traischbachhalle habe „alles übertroffen“, findet der Keeper, gar „absolut unvergessen“ sei es für ihn und seine damaligen Mitstreiter gewesen. Natürlich habe Croatia 1997 feine Kicker wie etwa Pedrag Mrkaljevic (Smoljanovic: „Unser ganzes Spiel war auf ihn ausgerichtet.“) oder Goalgetter Mario Radnic (Smoljanovic: „Der war extrem effektiv.“) in den Reihen gehabt, aber mitentscheidend sei die Unterstützung von den Rängen gewesen, meint Smoljanovic. „Die Halle war proppenvoll, von den 1.000 Zuschauern waren gefühlt 900 Kroaten, die uns auf der Tribüne unterstützt und uns zu diesem Sieg getragen haben“, erinnert sich der Zwei-Meter-Schlaks. Kein Wunder, zündeten die Croatia-Anhänger gar Bengalos auf den Rängen. Der damalige BT-Sportredakteur Hucky Krämer titelte: „Croatia Gaggenau brannte auf der Tribüne und auf dem Spielfeld ein Feuerwerk ab.“

Marotta: „Mussten den Pott zusammenschrauben“

Auch wenn Alexander Hassenstein 1997 das Spielfeld als Verlierer verließ, zeichnete der Pädagoge mit seinen Mitspielern bei etlichen BT-Cups für viel Spektakel verantwortlich. „Es gab wirklich viele tolle Hallenkicker, mit denen ich zusammenspielen durfte“, sagt Hassenstein. Etwa Rifat Kolasinac, aber auch Heiko Hillert, Gökhan Bilici, Isa Hacalar, Christian Coratella oder Oliver Kratzmann, um nur einige zu nennen. „Die Liste ist sicherlich noch länger.“

Bevor Ende der 80er und in den 90er Jahren der VfB Gaggenau das dominierende Team war, sorgten davor herausragende Spielerpersönlichkeiten wie Klaus Beverungen, Edgar Seiser oder „Ali“ Kary für reichlich Spielwitz unterm Hallendach. „Der Reiz beim BT-Mittelbaden-Cup ist das Aufeinandertreffen von Underdog und Favorit sowie den Derbys“, weiß Hassenstein.

13 Jahre nach der bitteren Derby-Pleite gegen den Außenseiter Croatia musste Hassenstein wieder einem „David“ im Endspiel den Vortritt lassen. 2010 war es, als der favorisierte Verbandsligist VfB Bühl im Finale auf den A-Ligisten FC Obertsrot traf. „Das war völlig verrückt“, sagt Angelo Marotta, damals FCO-Spieler und heute Trainer der Murgtäler. „Wir hatten zwar eine gute Hallenmannschaft, sind aber als Außenseiter nach Sandweier gereist. Wir haben uns durch ein Neunmeterschießen gegen Gaggenau gerade so in die Zwischenrunde gezittert, ab da haben wir uns dann in einen Rausch gespielt“, erinnert sich Marotta gerne zurück an den Coup.

Auch Frieböse Stammgast beim BT-Cup

Im Finale wartete dann der übermächtig erscheinende VfB. „Wir haben gemerkt, dass die Halle uns den Sieg gönnen würde, das hat zusätzliche Motivation gegeben“, sagt Marotta, der letztlich zum Matchwinner avancierte und den 2:1-Siegtreffer erzielte. Es sei ein „geiler Tag“ gewesen, ein „absoluter Sahnetag“, der, wie Marotta verrät, nach dem Überraschungserfolg bis in die Morgenstunden ging: „Wir sind zurück nach Gernsbach ins Journal gefahren und haben die Kneipe fast zerlegt, auch den Pott mussten wir ein-, zweimal wieder zusammenschrauben“, sagt Marotta und lacht. „Hoffentlich qualifizieren wir uns bald wieder, dann will ich den Pokal auch als Trainer gewinnen“, erklärt Marotta schmunzelnd.

A-Kreisligist FC Obertsrot landet 2010 den großen Coup und besiegt im Finale den VfB Bühl mit 2:1. Foto: Frank Vetter/Archiv

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A-Kreisligist FC Obertsrot landet 2010 den großen Coup und besiegt im Finale den VfB Bühl mit 2:1. Foto: Frank Vetter/Archiv

Dies gelang bisher auch Matthias Frieböse nicht, wie Hassenstein ein Stammgast in den vergangenen Jahren beim BT-Cup – erst als Spieler des SV 08 Kuppenheim, dann als Steinmauern-Trainer und zuletzt als Coach des SV 08. „Es ist mit das größte Turnier in der Region, die Halle ist immer voll, es ist eine Prestigeveranstaltung. Bisher ist es mir nicht gelungen, den Cup zu gewinnen. Leider“, erklärt der Ex-Kuppenheim-Coach.

Wie sich so ein Cup-Triumph anfühlt, weiß Alexander Hassenstein ganz genau. Meist startete der Tag mit dem Packen der Sporttasche oder wahlweise der Coaching-Mappe. Morgen aber bleibt selbige in der Ecke. Gezwungenermaßen. Corona-Pause. Stattdessen unternimmt er einen ausgiebigen Spaziergang in die Natur. Es sind wahrlich komische Zeiten, in denen wir leben.


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