Mittelbaden: Zahl der Privatinsolvenzen steigt sprunghaft an

Stuttgart/Baden-Baden (tas) – Laut dem Statistischen Landesamt summierte sich die Zahl der Privatinsolvenzen in den Kreisen Baden-Baden und Rastatt im Januar und Februar auf jeweils 44.

In Mittelbaden haben mehr Verbraucher zu Jahresbeginn ihre Insolvenz angezeigt. Auf der anderen Seite ist es bei Unternehmensinsolvenzen erstaunlich ruhig. Foto: Alexander Heinl/dpa

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In Mittelbaden haben mehr Verbraucher zu Jahresbeginn ihre Insolvenz angezeigt. Auf der anderen Seite ist es bei Unternehmensinsolvenzen erstaunlich ruhig. Foto: Alexander Heinl/dpa

Die Banken und Sparkassen haben einen guten Riecher für die finanzielle Situation ihrer Kunden. Das wurde vor allem zu Beginn der Corona-Pandemie deutlich, als sich die Institute in Mittelbaden zusammengenommen mit Tausenden von Kreditstundungen und Tilgungsaussetzungen auseinandersetzen mussten.

Der Großteil der Kredite wird im Moment wieder normal bedient, beteuern die Geldhäuser, und doch weiß keiner, wohin die Reise in den kommenden Monaten gehen wird.
Einen ersten Fingerzeig, dass Corona doch nicht ganz spurlos an den Verbrauchern vorbeigegangen sein dürfte, liefern aktuelle Daten des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg in Stuttgart. Demnach wurden im Februar bei den Amtsgerichten im Land 1.280 Insolvenzverfahren von Privatpersonen gestellt. Das waren knapp 90 Prozent mehr als im Vergleichsmonat des Vorjahres.

Die Statistiker liefern aber auch eine andere mögliche Erklärung für den deutlichen Anstieg: das Gesetz zur verkürzten Restschuldbefreiung. Es greift seit dem 1. Oktober vergangenen Jahres und sieht eine Verkürzung des regelmäßigen Restschuldbefreiungsverfahrens von sechs auf drei Jahre vor. Die entsprechende Regelung hatte die Bundesregierung auf den Weg gebracht und damit auch eine EU-Richtlinie umgesetzt. „Gerade mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sollen redliche Schuldner schneller die Möglichkeit für einen Neuanfang erhalten“, begründet die Regierung die Maßnahme.

Die Stuttgarter Statistiker vermuten nun, „dass überschuldete Personen ihre Insolvenzanträge zunächst zurückgestellt haben und sich deren aufgeschobene Anträge nunmehr auch in den aktuellen Zahlen widerspiegeln“.

Im vergangenen Jahr ausgesetzt

Die zuletzt deutlich gestiegene Anzahl an Privatinsolvenzen zeigt sich auch in Mittelbaden. Auf BT-Anfrage hat das Statistische Landesamt die entsprechenden Zahlen für den Stadtkreis Baden-Baden und den Landkreis Rastatt ermittelt. Während es in der Kurstadt im Januar 2020 lediglich eine Privatinsolvenz gab, waren es im Januar und Februar dieses Jahres jeweils elf. Für den Landkreis Rastatt haben die Statistiker im Januar vergangenen Jahres elf Privatinsolvenzen ermittelt, im Januar und Februar 2021 waren es jeweils 33.

Auf der anderen Seite ist es bei Unternehmensinsolvenzen erstaunlich ruhig. Der Dauerlockdown vieler Branchen spiegelt sich bisher jedenfalls nicht in den Antragszahlen wider. Das Statistische Landesamt zählte im vergangenen Februar landesweit lediglich 170 Anträge von Betrieben, im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat ist das ein Rückgang von knapp drei Prozent.

Grund hierfür dürfte die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bei Unternehmen in der Corona-Pandemie sein. Normalerweise muss der Insolvenzantrag beim zuständigen Amtsgericht spätestens drei Wochen nach Eintritt eines Insolvenzgrunds gestellt werden. Aufgrund der Corona-Krise hatte die Bundesregierung diese Pflicht im vergangenen Jahr ausgesetzt und dies bis in dieses Jahr hinein in bestimmten Fällen verlängert. Die Aussetzung ist jedoch seit Anfang Mai Geschichte.

Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), bleibt jedoch gelassen. „Eine Welle von Unternehmensinsolvenzen mit massiven Jobverlusten aufgrund der Rückkehr zur Insolvenzantragspflicht ist unwahrscheinlich“, erklärt er. Der Hauptgrund liegt laut Müller darin, dass die verlängerte Aussetzung in erster Linie nur Branchen betraf, die für die sogenannten November- und Dezemberhilfen des Bundes antragsberechtigt waren. Für alle anderen gilt die Antragspflicht bereits vollumfänglich seit dem 1. Januar. Zudem galt die Aussetzung nicht für Unternehmen, die auch mit staatlicher Hilfe insolvenzreif gewesen wären.


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