Mobilität der Zukunft kostet Bühl viel Geld

Bühl (sre) – In Bühl wird die Teilnahme an dem Regiomove-Projekt sehr viel teurer als erwartet. Die Stadträte stimmen dem Vohaben dennoch „mit Bauchweh“ zu.

Rechts des Bühler Bahnhofs soll ein Mobilitätsknoten entstehen, der die Verkehrsmittel vernetzt. Foto: Bernhard Margull

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Rechts des Bühler Bahnhofs soll ein Mobilitätsknoten entstehen, der die Verkehrsmittel vernetzt. Foto: Bernhard Margull

Von einem „ziemlich sauren Apfel“, in den man da beißen müsse, sprach Stadtrat Peter Hirn (SPD) kürzlich im Bühler Gemeinderat. Es ging um das Projekt Regiomove, an dem sich die Stadt beteiligt: Der in diesem Rahmen geplante Mobilitätsknotenpunkt am Bahnhof wird deutlich teuer als zunächst angenommen.

Im März hatte die Stadt einen Vertrag mit dem Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) abgeschlossen. Darin war für den Standort Bühl von Baukosten in Höhe von rund 258.000 Euro die Rede gewesen – nach Abzug der Fördermittel sollte die Stadt davon knapp 100.000 Euro bezahlen. Doch das wird nicht reichen: Der Eigenanteil der Zwetschgenstadt wird bei mehr als 174.000 Euro liegen. Der KVV hat bei seiner Ausschreibung der Arbeiten keine Firmen gefunden, die bereit sind, den Mobilitätsknotenpunkt zum ursprünglich geplanten Preis zu errichten. Im Gemeinderat wurden unter anderem Preissteigerungen bei Stahl und Glas um bis zu 400 Prozent als Grund für die Kostensteigerung genannt. Zudem seien umfangreichere Tiefbaumaßnahmen und der Umgang mit kontaminiertem Boden nördlich des Bahnhofs erforderlich.

„Wir sind nicht allein auf der Welt“

Karl Ehinger (Freie Wähler) zeigte sich schockiert von der „immensen Kostensteigerung“, „wir investieren im Wesentlichen in beleuchtete, bunte Glaskästen“, meinte er mit Blick auf ein Kernstück des Mobilitätsknotens, die Beschilderung. Der Knotenpunkt soll insgesamt dazu beitragen, verschiedene Verkehrsmittel zu verknüpfen (siehe „zum Thema“). Ehinger fragte vor dem Hintergrund der klammen Haushaltslage nach, inwieweit die Stadt sich vertraglich verpflichtet habe und ob man aus dem Projekt noch aussteigen könne. Auch Georg Feuerer (CDU) fragte nach möglichen Einsparmöglichkeiten. Er verwies darauf, dass der Gemeinderat eine 15-Prozent-Klausel festgeschrieben habe, man also eine Kostentensteigerung von mehr als 15 Prozent nicht habe mittragen wollen.

Oberbürgermeister Hubert Schnurr machte jedoch klar, dass ein Ausstieg kaum noch möglich sei: „Wir sind nicht allein auf der Welt“, betonte er. Immerhin seien sieben Standorte in der Region an dem Leuchtturmprojekt beteiligt. Auch bei den anderen Kommunen gebe es Preissteigerungen zwischen 30 und 80 Prozent, hieß es in der Sitzung. Zudem würden nicht nur Schilder aufgestellt: Der gesamte Bereich werde umgestaltet. Es seien Baumpflanzungen vorgesehen und derzeit noch gesandete Flächen erhielten einen Pflasterbelag wie auf dem Kirch- und Marktplatz.

Auch Frank Pagel, der zuständige Projektleiter beim KVV, warb für Regiomove. Er selbst sei ebenfalls „geschockt“ gewesen angesichts der Preissteigerung. „Aber wenn man die Mobilitätswende will, muss man das machen“, betonte er. „Dieses Projekt öffnet ganz viele Türen“, erläuterte er weiter – es sei auch eine Basis für eine intensivere Zusammenarbeit mit dem Ortenaukreis sowie grenzüberschreitend bis nach Frankreich.

„Etwas Bauchweh“ und eine „harte Nuss“

Peter Hirn (SPD) sagte vor diesem Hintergrund, er werde „mit etwas Bauchweh“ zustimmen. Von der Euphorie im Juli 2020, als das Projekt vorgestellt wurde, sei er allerdings meilenweit entfernt. Thomas Wäldele (GAL) pflichtete ihm bei: Man müsse die „harte Nuss“ wohl schlucken. Schließlich gehe es darum, den öffentlichen Nahverkehr zu vernetzen. Bühl sei in dieser Hinsicht nicht in der Vorreiterrolle, sondern „eher am Nachhüpfen“. Auch Lutz Jäckel (FDP) signalisierte für seine Fraktion Zustimmung, „auch wenn es wehtut“. An dieser Stelle am Bahnhof hätte man ohnehin gestalterisch eingreifen müssen, meinte er. Auch Karl Ehinger (FW) kündigte am Ende der Aussprache an, man werde „mit Bauchgrimmen“ zustimmen: „Wir brauchen einen attraktiveren ÖPNV, sonst können wir Verkehrswende nicht bewältigen.“ Auf die Dauer könne sich die Stadt solche Preissteigerungen aber nicht mehr leisten.

Ein einheitliches Tarifsystem zwischen dem Bereich des KVV und dem Ortenaukreis wird es im Zuge von Regiomove noch nicht geben, sagte Pagel auf Nachfrage von Ulrich Nagel (SPD). Auf jeden Fall werde man die Tarife aber künftig über Grenzen hinweg durchgängig buchen können. Nagel hatte ein Problem angesprochen, das insbesondere Bühl betrifft: Viele Pendler aus dem Ortenaukreis fahren aufgrund der nahen Tarifgrenze mit dem Auto nach Bühl und steigen erst hier, im Bereich des KVV, in den öffentlichen Nahverkehr um. Der Bau des Regiomove-Knotenpunkts wurde ohne Gegenstimmen bei einer Enthaltung beschlossen.

Zum Thema

Knotenpunkte in sieben Gemeinden
Der Karlsruher Verkersverbund (KVV) errichtet im Rahmen des Projekts Regiomove zunächst Mobilitätsknotenpunkte (sogenannte Ports) in sieben Pilotgemeinden, darunter auch Bühl. An den Knotenpunten sollen verschiedene Verkehrsmittel wie Bus, Bahn, Carsharing oder Bikesharing zur Verfügung stehen, zusätzlich sollen Angebote wie Bike&Ride und Park&Ride zugänglich sein. Die unterschiedlichen Verkehrsmittel werden verknüpft und sollen sich alle über eine gemeinsame Plattform buchen lassen. Dadurch soll das Reisen mit alternativen Verkehrsmitteln so einfach gestaltet werden, dass die Attraktivität vergleichbar mit dem Individualverkehr wird.

Das wiederum soll zur Reduktion des motorisierten Individualverkehrs beitragen. Das Leuchtturmprojekt wird vom KVV betrieben und vom Land Baden-Württemberg sowie dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung mit 70 Prozent gefördert.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Reith

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Erstellt:
29. November 2021, 17:04 Uhr
Lesedauer:
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