Mode-Revolution: Teilen ist das neue Haben

Hamburg/Freiburg (nad) – Die Fast-Fashion-Industrie belastet Klima und Umwelt – dagegen setzen vier Frauen mit ihren Leasingkonzepten ein Zeichen. Die Idee dahinter: Kleidung mieten statt kaufen.

Gemeinsam gegen die Wegwerfmentalität: Die „Kleiderei“-Community um Geschäftsführerin Lena Schröder (Mitte, rosa Pulli) und Maria Schorn (links dahinter).Foto: Anna Maria Langer

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Gemeinsam gegen die Wegwerfmentalität: Die „Kleiderei“-Community um Geschäftsführerin Lena Schröder (Mitte, rosa Pulli) und Maria Schorn (links dahinter).Foto: Anna Maria Langer

Durchschnittlich 95 Kleidungsstücke besitzt ein Erwachsener in Deutschland. Davon werden knapp 40 Prozent selten bis nie getragen, also etwa zwei bis drei Mal. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage von Greenpeace hervor. Produziert, um im Müll oder in der Altkleidersammlung zu landen: Die Schnelllebigkeit der Modeindustrie wird zum immer größeren Problem für Umwelt und Klima. Innovative Lösungen werden gebraucht – Kleidung leasen zum Beispiel. Ganz nach dem Motto: Teilen ist das neue Haben.

Fast-Fashion-Wahn: Schneller, billiger, mehr

Fast Fashion bedeutet: Kleidung wird möglichst billig hergestellt und verkauft, sodass viele Kollektionen auf den Markt gebracht werden können und Kunden häufiger neue Kleidung kaufen. Zugleich beschleunigt Fast Fashion die Verschwendung von Ressourcen, sorgt für Unmengen von Textilmüll und wird in der Regel zu unfairen und umweltschädlichen Bedingungen hergestellt.

In Zahlen bedeutet das: Circa 2.500 Liter Wasser werden laut der Non-Profit-Organisation Water Footprint Network für die Herstellung eines Baumwoll-T-Shirts benötigt, knapp 8.000 Liter sind es für eine Jeans. Über 1,3 Millionen Tonnen Alttextilien wurden 2018 in Deutschland gesammelt, wie aus einer Studie des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bsve) von 2020 hervorgeht. Weltweit werden Greenpeace zufolge jährlich mehr als 850 Millionen Tonnen Co2-Emissionen durch Herstellung, Transport und Gebrauch von Kleidung verursacht.

Heute Trend, morgen Müll: Über eine Million Tonnen Textilien werden jährlich in Deutschland entsorgt. Foto: Georg Wendt/dpa

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Heute Trend, morgen Müll: Über eine Million Tonnen Textilien werden jährlich in Deutschland entsorgt. Foto: Georg Wendt/dpa

Diese Daten sind erschreckend und trotzdem wechseln Trends immer schneller und immer mehr Kleidung wird produziert – über 100 Milliarden Kleidungsstücke pro Jahr. Ziel muss es sein, Möglichkeiten und Alternativen zu finden, mit denen das sich immer schneller drehende Konsum-Karussell ausgebremst wird, die Ausbeutung von Natur und Menschen aufgehalten werden kann, und die einen bedachten Umgang mit Kleidung fördern.

Warum also nicht Pulli, Hose oder auch das kleine Schwarze ausleihen, nur temporär nutzen und dann wieder weitergeben – und dadurch die Lebensdauer von Kleidungsstücken verlängern? Mit der Intention, Konsum und Nachhaltigkeit ebenso zu vereinen wie Modespaß mit gutem Gewissen.

Davon lebt das Hamburger Start-up „unown“. Die Idee dahinter: Nutzen statt Besitzen. Seit 2020 bieten die beiden Gründerinnen Tina Spießmacher und Linda Ahrens mit ihrer neu geschaffenen Online-Plattform die Möglichkeit, Kleidungsstücke und Accessoires für einen gewissen Zeitraum auszuleihen. „Wir haben gesehen, dass es einen so großen Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit im Alltag gibt“, erklärt Ahrens im BT-Gespräch, wie es überhaupt zum Leasing-Gedanken kam. „Gleichzeitig haben wir ganz viele Modelle gesehen, die es ermöglicht haben, Dinge eben nicht mehr zu kaufen und zu besitzen, sondern genau dann zu nutzen, wenn man sie möchte.“ Und genau das wollten die beiden Frauen auch im Bereich Mode möglich machen. Die Herausforderung dabei: „Dieses Modell so in eine digitale Plattform zu übersetzen, dass es Spaß macht und es möglichst einfach ist und easy funktioniert“, sagt Ahrens.

Freut sich über den wachsenden Kundenstamm bei „unown“: Mitgründerin Linda Ahrens. Foto: Lina Gerke/unown.

© (c) Majka Gerke

Freut sich über den wachsenden Kundenstamm bei „unown“: Mitgründerin Linda Ahrens. Foto: Lina Gerke/unown.

Mittlerweile besteht mit über 75 Marken eine Kooperation – von nachhaltigen Fair-Fashion- Labels bis hin zu Premiummarken, „die ein hochwertiges Produkt herstellen“. Und ständig werden neue Labels aufgenommen. „Aktuell drei bis vier pro Monat“, freut sich die 34-Jährige. „Wir sind auf Wachstumskurs.“ Die Plattform solle eine echte Alternative zum Kaufen werden. „Und damit es eine echte Alternative wird, braucht es natürlich viel Angebot.“

Kunden können zwischen zwei Leasing-Modellen auswählen: Entweder einmaliges Leasen, beispielsweise Kleidung für einen besonderen Anlass oder eine dicke Jacke für den Winterurlaub. Bei diesem Modell ist ein Betrag X pro Kleidungsstück fällig. Die andere Option: Eine Mitgliedschaft abschließen und für einen monatlichen Beitrag zwei oder vier Lieblingsteile auswählen. Dadurch kommt regelmäßig neuer Schwung in den Kleiderschrank, ohne ständig etwas Neues kaufen zu müssen. Und: „Man kann jederzeit pausieren und kündigen. Es ist keine langfristige Verpflichtung, keine Vertragsbindung“, betont Ahrens.

Bei ihrem Konzept fokussieren sich die beiden Gründerinnen auf drei Dimensionen: Einsparung von Wasser und Co2 sowie die Reduzierung von Textilmüll. „Wir vergleichen, wie lange ein Teil bei uns lebt und wie oft es getragen wird. Das können wir auf Basis unserer Daten ziemlich genau sagen.“ Das Ergebnis: „Die Kleidungsstücke in unserem System werden meist 100 Mal und öfter getragen.“ Im Vergleich zu den 40 Prozent, die laut Greenpeace-Umfrage selten bis nie getragen werden, sind das ein enorm höherer Nutzen und eine viel längere Lebensdauer der Kleidungsstücke.

Nachhaltigkeit im Vordergrund: Versandtasche und Etiketten werden bei „unown“ wiederverwendet. Foto: Natalie Dresler

© Natalie Dresler

Nachhaltigkeit im Vordergrund: Versandtasche und Etiketten werden bei „unown“ wiederverwendet. Foto: Natalie Dresler

Mittlerweile haben viele Modefans die Plattform für sich entdeckt – der Kundenstamm ist „stark am Wachsen“, wie Ahrens sagt. „Wir sind gerade vielmehr dahinter, der Nachfrage gerecht zu werden.“ Neben Deutschland wird auch nach Österreich geliefert – beim Versand wird ebenfalls auf Nachhaltigkeit geachtet: Die Kleidungsstücke werden in wiederverwendbaren Verpackungen verschickt, um weniger Abfall zu produzieren. Auch der Co2-Fußabdruck wird auf diese Weise laut Angaben auf der Homepage um 80 Prozent reduziert. Außerdem wird die Ware emissionsfrei mit DHL Go Green verschickt.

Und was passiert am Ende, wenn ein Kleidungsstück aus Qualitätsgründen nicht mehr vermietet werden kann? Ahrens: „Meistens werden die Teile irgendwann gekauft.“ Denn diese Möglichkeit besteht auch, quasi vom Leasing- zum Second-Hand-Teil. „Insofern reguliert sich das von selbst ganz gut. Wir sitzen hier nicht auf Kartons voll mit Altkleidern.“

Modespaß ganz ohne „Ballast“ zu Hause

Gegen die Wegwerfmentalität richtet sich auch Maria Schorn mit der 2019 eröffneten „Kleiderei“ in Freiburg. In ihrem Laden können Kunden Kleidung sowie Accessoires gegen einen monatlichen Mitgliedsbeitrag ausleihen oder alternativ gebrauchte Teile kaufen. Circa 20 Prozent des Sortiments wird ausschließlich zum Verleih angeboten – die Ware hierfür bekommt Schorn kostenlos von Fair-Fashion-Brands zur Verfügung gestellt. Die Second-Hand-Teile kommen auch aus dem Fast-Fashion-Segment, denn der Lebenszyklus eben dieser Kleidung soll verlängert werden.

„Im Grunde genommen geht es ja eben genau darum, die schon bestehende Kleidung so lange wie möglich zu nutzen, im besten Fall gemeinschaftlich“, betont die Freiburgerin im Gespräch mit unserer Redaktion. „Es macht für mich total viel Sinn, die Dinge zu leihen und nicht diesen ganzen Ballast zu Hause zu haben.“

Die Zukunft der Modewelt? Die „Kleiderei“ macht es vor. Foto: Kleiderei

Die Zukunft der Modewelt? Die „Kleiderei“ macht es vor. Foto: Kleiderei

Ihre Kunden ziehen sich „durch alle Generationen und Gehaltsschichten“. So ist das jüngste Mitglied 16 Jahre alt, das älteste „um die 70“. In den Laden kommen diejenigen, „die einfach Lust haben, sich auszuprobieren, denen Mode richtig viel Spaß macht – und dann natürlich auch die, die mit dem Nachhaltigkeitsgedanken da dran gehen“, so Schorn. „Ein Großteil der Menschen hat angefangen, den eigenen Konsum zu überdenken.“ Die 34-Jährige hatte zuvor ein sehr ähnliches Konzept in Spanien betrieben und kennt sich in der Modebranche gut aus: „Man kann nicht mehr die Augen verschließen vor dem, was in der Fast-Fashion-Industrie abgeht.“ Deshalb ist sie „total überzeugt von dem Konzept und Feuer und Flamme, dass es weiter wächst und in mehreren Städten angeboten werden kann“.

Schorn ist die erste Franchisepartnerin der in Köln ansässigen „Kleiderei“, die dort 2016 von Geschäftsführerin Lena Schröder eröffnet wurde. Der nächste Laden soll nach Berlin kommen, deutschlandweit könnten weitere Standorte folgen. „Wir bekommen viele Anfragen von Menschen aus anderen Städten, die das gerne machen würden“, freut sich Schorn. Sie selbst liebäugelt auch mit dem Gedanken, einen zweiten Store zu eröffnen. „Es juckt mich auf jeden Fall in den Fingern.“

Ihr Autor

BT-Volontärin Natalie Dresler

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Erstellt:
25. Januar 2022, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 37sec

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