Molière wird 400: Theaterchefs der Region würdigen ihn

Baden-Baden (cl) – Bühnenreif oder reif fürs Museum? Der 400. Geburtstag des französischen Komödiendichters Molière jährt sich am heutigen Samstag. Das BT fragt nach, wie modern der Klassiker ist.

In der „Comedie-française“ in Paris ist Molière mit einer Büste stets präsent: Im deutschsprachigen Theater wird der Jubilar coronabedingt nur teilweise aufgeführt.  Foto: Bertrand Guay/AFP

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In der „Comedie-française“ in Paris ist Molière mit einer Büste stets präsent: Im deutschsprachigen Theater wird der Jubilar coronabedingt nur teilweise aufgeführt. Foto: Bertrand Guay/AFP

Vor 400 Jahren wurde der französische Komödienautor und Theaterintendant Molière geboren. Der theaterverrückte Sonnenkönig Ludwig XIV. war sein größter Fan und oft Beschützer gegen Missgünstige und solche, die sich durch die Komödien angegriffen fühlten. Mit der Satire „Tartuffe“ über Auswüchse der Frömmelei geriet er zwischen die Fronten von König und Klerus.

Laut Deutschem Bühnenverein ist Molière im Ranking der deutschen Theater – angeführt von Shakespeare, Brecht, Schiller – unter den Top-20 der meistgespielten Dramen nicht vertreten. Werden aber seine Stücke gespielt, ist der Publikumszuspruch groß, dann rückt er in der Beliebtheitsskala unter die ersten zehn. Allerdings bevorzugen die Theatermacher Neuübersetzungen und Neuadaptionen. Molière hat den Menschen seiner Zeit ihre Blasiertheit in bitterbösen Stücken vorgeführt. Wie zeitgemäß ist ein 400 Jahre alter Autor fürs badisch-kurpfälzische Theater heute?

Welche Molière-Stücke gibt es derzeit auf den Bühnen?
Aktuell sind elf Premieren seiner Komödien im deutschsprachigen Raum angesetzt – von Solothurn, Zürich, Heidelberg, bis Potsdam und Hamburg. Unter Jubel hat in dieser Spielzeit die Neuinszenierung des „Geizigen“ am Hamburger Thalia-Theater Premiere gehabt. Regisseur Leander Haußmann zeigt, wie man einer geizigen Gesellschaft den Spiegel vorhält. Das Heidelberger Theater nimmt „Tartuffe“ als einzige Bühne in unserem Raum ab 23. Januar wieder auf.

Eine Gesellschaft zwischen Schein und Sein: „Tartuffe“ am Theater Heidelberg ist derzeit die einzige Inszenierung einer Molière-Komödie in der Region und wird ab 23. Januar wieder aufgeführt.   Foto: Susanne Reichardt

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Eine Gesellschaft zwischen Schein und Sein: „Tartuffe“ am Theater Heidelberg ist derzeit die einzige Inszenierung einer Molière-Komödie in der Region und wird ab 23. Januar wieder aufgeführt. Foto: Susanne Reichardt

Molières 400. Geburtstag. Feiern in Zeiten der Pandemie ist kaum möglich. Wie ist Molière durch den Lockdown gekommen?
So manches Molière-Vorhaben wurde vereitelt. Das Badische Staatstheater Karlsruhe plant sein großes Molière-Projekt vorsichtshalber gleich fürs Frühjahr 2023. Als Rahmenhandlung dient sein eher unbekannter Einakter „Vorspiel in Versailles“, das den Produktionsdruck seiner Schauspieltruppe darstellt, in wenigen Tagen ein Stück für den König auf die Beine zu stellen. Dazu soll es Auszüge aus seinen berühmten Komödien geben – „eine Stage-in-Stage-Situation, was immer großen Spaß macht“, wie die stellvertretende Schauspieldirektorin und Dramaturgin Anna Haas erklärt.

Das Theater Baden-Baden brachte im Herbst 2020 kurz vor dem Lockdown den „Menschenfeind“ heraus und zeigt auch die Kehrseite eines Wahrheitsfanatikers – zu kurz gelaufen, aber leider abgespielt, bestätigt Intendantin Nicola May.

Am Nationaltheater Mannheim wurde der neue „Menschenfeind“ gar nicht erst bühnenreif. Dort war eine Überschreibung der Komödie geplant. Die Arbeit an Sören Voimas Adaption wurde durch den Lockdown unterbrochen und nicht wieder aufgenommen.

Nicola May: „Seine Komödien altern nicht“

Wie zeitgemäß ist Molière noch fürs Theater?
„Der 400. Geburtstag wäre vielleicht eine gute Gelegenheit gewesen, auch die etwa 30 anderen Stücke Molières noch einmal einer genaueren Betrachtung zu unterziehen“, sagt der Schauspieldirektor Christian Holtzhauer vom Mannheimer Nationaltheater. „Er ist ein großer Klassiker und das Merkmal der Klassiker ist, dass sie eigentlich nicht veralten“, erklärt Baden-Badens Theaterintendantin – „viele Charaktereigenschaften, menschliche Reaktionen in seinen Komödien altern überhaupt nicht, weil die Grundemotionen wie Eifersucht, Liebe, Hass, Enttäuschung und Humor bleiben ja“.

Molière nahm die Patriarchenrolle aufs Korn. Funktioniert das noch so wie damals?
„Bei Molière ist schon angelegt, dass sich der Patriarch überlebt hat, entlarvt und entthront wird durch die List und das Gelächter, dem er dann preisgegeben wird“, sagt Nicola May. Der Mannheimer Schauspielchef Holtzhauer findet, dass Molières Humor etwas in die Jahre gekommen sei: „Ehemänner, die sich unterm Tisch verstecken, um ihre Gattinnen zu belauschen, Väter, die sich einbilden, ihre Töchter verheiraten zu können...“ – das löse bei ihm den Impuls aus, die Stücke zu modernisieren, so Holtzhauer. „Man muss den subversiven Geist darin entdecken“, bestätigt die Karlsruher Dramaturgin Haas: „Diese Stoffe sind ein ganz tolles Theatermaterial, und natürlich gibt man in der heutigen Zeit auch noch was dazu. Es geht nicht darum, Molière als Museum zu spielen.“

Sind Molières Frauenrollen auch reif fürs Museum?
Sie sind angelegt als pfiffige Dienstmädchen, ungehorsame Töchter und lenkende Ehefrauen. Eines seiner frühen Erfolgsstücke, „Die gelehrten Frauen“, hat er immerhin den schöngeistigen Damen gewidmet. Auf jeden Fall würden die modernen Schauspielerinnen diese Rollen durch ihre heutige Präsenz anders interpretieren, ist Intendantin Nicola May überzeugt.

Anna Haas: „Er macht immer großen Spaß“

Für welche Stücke wurde er bekannt?
Mit programmatischer Konsequenz hat der Theatermann die lächerlichen Züge seiner Zeitgenossen mit viel Esprit, Witz und guter Laune aufs Korn genommen. Nicht nur im „Tartuffe“, in dem ein betrügerischer Frömmler die Vertrauensseligkeit des Hausherrn ausnutzt und Anklänge an die Machenschaften der damaligen frommen Geheimgesellschaften aufdeckt. Zu seinen berühmtesten Stücken gehört „Der Geizige“, auch mit Bezug auf einen frühen Finanzskandal. Molière verhöhnt den Wunsch, mehr sein zu wollen als man ist im „Bürger als Edelmann“, geißelt Selbstdarstellung und Oberflächlichkeit im „Menschenfeind“. In seinem letzten Werk, dem „Eingebildeten Kranken“, lieferte er noch einmal eine Satire auf das Ärztewesen.

Wer war dieser Molière?
Er wurde unter dem Namen Jean-Baptiste Poquelin am 15. Januar 1622 in Paris als Sohn eines Tapisserie-Händlers und Raumausstatters Ludwigs XIV. geboren. Sein Großvater, ein Theaterliebhaber, nahm ihn oft zu Aufführungen mit, insbesondere zum Jahrmarktstheater. Nach dem Jesuiten-Collège studierte er Jura und wurde Anwalt. Um die 20 lernte er die Schauspielerin Madeleine Béjart kennen, die ihn in seinem Drang zum Theater bestärkte. Molière ist sein Künstlername, den der Schauspieler und Autor ab 1643 benutzte.

Was hat ihn beeinflusst?
Sein Handwerk als Schauspieler lernte Molière beim Straßentheater. 13 Jahre war er mit Wanderbühnen unterwegs. Auf der Straße waren Commedia dell’Arte und Improvisation gefragt. Bald avancierte er zum Direktor der Truppe, der eigene Stücke schrieb und schließlich nach Paris zurückkehrte. Mit „Ballettkomödien“ zur Musik seines Freundes Jean-Baptiste Lully, versuchte Molière sein Theater zu füllen. 1660 übertrug ihm Ludwig XIV. die Spielstätte im „Palais Royal“. Molière blieb zudem auch Schauspieler, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner. Aus den holzschnittartigen Typen der italienischen Commedia entwickelte er seine Charakterkomödien und verlieh ihnen großen Ernst. Am Ende steckt viel Tragödie in den Komödien.

Christian Holtzhauer: „Schärfen, was zutrifft“

Wie hat Molière die späteren Dramatiker beeinflusst?
Die Wirkung der Molière’schen Komödien war groß. Zu seinen Verehrern gehörte Goethe, der ihn als echten Theaterdichter rühmte. Molières „Don Juan oder Der steinerne Gast“ (1665) war ein wichtiges Stück in der Entwicklung der Don-Juan-Dramen auf dem Weg zu Mozarts Oper „Don Giovanni“ rund 120 Jahre später.

Wie ist die Molière-Rezeption in Paris, am Ort seines früheren Theaters?
Der Name Molière ist eng mit dem wichtigsten Theater Frankreichs, der Comédie-française in Paris, verbunden. Sein Einfluss auf die französische Theaterlandschaft prägte die Geschichte des „Maison de Molière“ (Molières Haus). Im Jubiläumsjahr stehen alle wichtigen Komödien auf dem Spielplan. Dort steht auch der Lehnstuhl, in dem Moliere saß, als er den „Eingebildeten Kranken“ spielte. Dieses Stück sollte sein letztes bleiben und die Hauptrolle des Hypochonders seine letzte Rolle. Während der vierten Aufführung am 17. Februar 1673 erlitt Molière mit 51 Jahren einen Schwächeanfall und einen Blutsturz, den die Zuschauer zunächst für eine Einlage innerhalb der Komödie hielten. Wenig später starb er in seiner Wohnung. Sein Grab befindet sich auf dem Pariser Friedhof „Père Lachaise“.


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