„Mozart und Salieri“ als Ein-Mann-Show

Karlsruhe (sr) – Der Film „Amadeus“ hat das Gerücht, Mozart sei von seinem Widersacher Salieri vergiftet worden, in alle Winkel der Welt gebracht. Andrej Agranovski macht daraus ein virtuoses Solo.

Mozart als unerträglich kindische Nervensäge, Salieri als formvollendeter Höfling – Andrej Agranovski spielt beide Charaktere. Und liefert als Pianist noch jede Menge Musik dazu. Foto: Felix Grünschloß/Staatstheater

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Mozart als unerträglich kindische Nervensäge, Salieri als formvollendeter Höfling – Andrej Agranovski spielt beide Charaktere. Und liefert als Pianist noch jede Menge Musik dazu. Foto: Felix Grünschloß/Staatstheater

Sieht so die Zukunft aus? Der Theaterabend „Mozart und Salieri“ eröffnet am Badischen Staatstheater die Schauspielsaison – so coronagerecht, wie sich das wohl nur Virologen erhofft haben. Ein Mann steht allein auf der Bühne, und er gibt alles: Er spielt den steifen, immer auf Form bedachten Komponisten Antonio Salieri, und in derselben Sekunde auch den anderen wichtigen Musiker jener Zeit, Wolfgang Amadeus Mozart. Und als ob zwei Rollen nicht genug wären, erweist sich Andrej Agranovski auch noch als fabelhafter Pianist. Sein gemeinsam mit Regisseur Nils Strunk erarbeiteter Soloabend „Mozart und Salieri“ passt genau ins aktuelle Theater- und Konzertgeschehen, wo alles minimiert werden muss und in neuen Fassungen gespielt wird.

Agranovski, der in dieser Saison von der Schauspielschule in sein erstes Engagement in Karlsruhe wechselt, bezieht sich sowohl auf Peter Shaffers bekanntes Kammerspiel „Amadeus“ – das Milos Forman 1984 opulent verfilmt hat – als auch auf dessen Vorlage, die Alexander Puschkin schon 1830 als kleine Studie über den Neid unter Künstlern geschrieben hat. Historiker werden nicht müde zu betonen, dass sich Mozart und der seinerzeit hochberühmte, im Dienste des Wiener Hofes stehende Salieri kollegial gut verstanden und ausgetauscht haben. Aber viel schöner ist natürlich die Geschichte, Salieri habe Mozart vergiftet, weil er dessen Musik als einziger in ihrer Genialität erkannt und nicht mehr ertragen habe.

Das unterstreicht die Musikauswahl dieses Theaterabends überdeutlich: Das brave, rhythmisch korrekte und melodisch gefällige Musizieren von Salieri bringt Agranovski an einem recht altersschwachen Klavier bemüht zur Geltung – und dann folgt Mozarts Griff ins Volle, ins überirdisch Schöne, ins Unverwechselbare. Manchmal sind es nur wenige Töne, die er in einer Variation anders setzt als der Kollege Salieri, aber es sind immer die entscheidenden Noten. Und jeder kann das hören. Der Schauspieler testet sein Publikum: Von wem ist dies, von wem ist das? Das Premierenpublikum kennt sich aus.

Zwei gegensätzliche Figuren, ein Schauspieler

Sicher ist es von Vorteil, wenn man die Einzelheiten der Geschichte schon kennt. Der Abend schildert aber umfassend, warum die Zeitgenossen an Mozart und seinem ungezwungenen Benehmen oft verzweifelt sind und warum ihnen der seriöse, aber mittelmäßige Herr Salieri so viel wichtiger und bedeutender schien.

Puschkin hat das sehr fein herausgearbeitet, der Leichtsinn Mozarts, dem nie etwas schwergefallen sein soll, steht der harten, unerbittlichen Arbeit Salieris an sich selbst gegenüber. Und das soll nicht belohnt werden? Der aufflammende Neid, der in unkontrollierten Hass umschlägt, wird in Puschkins Geschichte spürbar und auch in diesem Theaterstück. Der Abend wird allerdings im Laufe der gut anderthalbstündigen, pausenlosen Inszenierung nicht nur immer intensiver, sondern auch hektischer und grober. Aber wie Andrej Agranovski die Herausforderung meistert, zwei gegensätzliche Figuren im Dialog darzustellen und dabei immer noch die gegensätzlichen Werke am Klavier dazu spielt, das ist herausragend.

So wie er am Klavier durch die Musikgeschichte rast und Mozart schnell mal swingen lässt, so baut er auch Spotify und Corona in seine Texttiraden mit ein und lässt das Publikum mehrfach mitsprechen: „Ich bin neidisch.“ Agranovski bewährt sich hier als Comedian, Musiker und Schauspieler – einen besseren Einstand als diesen Abend dürfte es nicht geben.

Ihr Autor

Sabine Rahner

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Erstellt:
22. September 2020, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 39sec

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