Mozarts „Krönungsmesse“ bei den Herbstfestspielen

Baden-Baden (weit) – Balthasar Neumann Ensemble und Chor überzeugen bei den Herbstfestspielen in Baden-Baden

Balthasar Neumann Chor und Balthasar Neumann Ensemble unter der musikalischen Leitung von Duncan Ward. Foto: Andrea Kremper/Feststpielhaus Baden-Baden

© Andrea Kremper

Balthasar Neumann Chor und Balthasar Neumann Ensemble unter der musikalischen Leitung von Duncan Ward. Foto: Andrea Kremper/Feststpielhaus Baden-Baden

Lange hielt sich das Vorurteil, Wolfgang Amadeus Mozarts Kirchenmusik sei – trotz Meisterwerken wie der „Krönungsmesse“ oder dem unvollendeten „Requiem“ – zumeist eher aus Dienstpflichten denn aus besonderen Neigung heraus gespeist worden.

Dafür spricht, dass die meisten seiner vollendeten Werke dieser Gattung aus der Salzburger Zeit des Komponisten stammen, wobei er aber nur zwei Jahre infolge seiner Dienstverpflichtung ab 1779 als Nachfolger des Salzburger Hof- und Domorganisten Anton Adlgasser wirklich dazu gezwungen war.

Dass Mozart sich 1791 in Wien intensiv um die Stelle des Domkapellmeisters an St. Stephan bemühte, diese war ihm schon nahezu sicher, sein früher Tod verhinderte die Amtsübernahme, war nicht nur mit der ansprechenden monetären Dotierung der Stelle zu erklären. Kirchenmusik war für den gläubigen Christen Mozart immer auch Herzensangelegenheit. Wobei die Auseinandersetzung mit der kontrapunktischen Tradition für ihn auch in Zeiten, wo er sich fast ausschließlich der Oper oder den Klavierkonzerten widmete, verpflichtend war.

Abweichende Fassungen


Dass Mozarts geistliche Musik weit mehr als nur den Erfordernissen des Berufsalltags geschuldet war, wird auch bei Duncan Ward und dem Balthasar-Neumann Chor und dem Balthasar-Neumann-Ensemble im Festspielhaus Baden-Baden in jedem Takt hörbar, der von Mozarts „Vesperae solennes de Confessore“ KV 339 und der „Krönungsmesse“ KV 317 erklingt. Zwischen diesen Kompositionen aus Mozarts Salzburger Zeit musizierten Mitglieder des hervorragenden Chores eine berühmte, vom Mythos umgebene Psalmvertonung von Gregorio Allegri, die in engem Bezug zu Mozart steht. Während seines Rom-Aufenthaltes 1770 hörte Mozart diese damals nur in der Capella Sistina zu hörende Vertonung des 51 Psalms, wobei er die Komposition, verbotenerweise nach dem Gehör aufschrieb.

Inzwischen existieren einige abweichende Fassungen des kompositorisch eher schlicht gehaltenen, dafür emotional um so packenderen Miserere, das von zwei räumlich getrennten solistisch besetzten Chorgruppen gesungen wird. In Baden-Baden erklingt so eine ergreifende Interpretation, die sich auch auf den vokalen Wechsel zwischen Podium und Balkon stützen kann – mit ihrem leuchtenden Sopran ist Agnes Kovacs dabei fast als eine „Engelsstimme“ zu nennen – , wobei die Frauenstimmen des Balthasar Neumann Chores denen der Männer bei dieser A-capella-Vertonung der Anrufung Gottes um Gnade noch etwas an Präsenz und Strahlkraft überlegen sind.

Fröhlicher, beschwingter aber nicht weniger strahlend agieren der Chor und die aus seinen Reihen ausgewählten Solisten bei Mozart. Dabei ist ihm das auf Originalinstrumenten musizierende Balthasar Neumann Ensemble ein gleichgestimmter Partner. Der auf dem Podium ungemein jugendlich wirkende Dirigent Duncan Ward inspiriert seine Instrumentalisten zu einem sehr detailreichen, rhythmisch lebendigem Musizieren bei stets gewahrter Transparenz. Die größere Klangfülle von Aufführungen mit konventionellem Instrumentarium und nicht historisch informierten Spieltechniken vermisst man in keinem Takt. Im Gegenteil. Viele Details der Partitur meint man, ganz neu zu hören.

Fast eine Selbstverständlichkeit


Die aus den Salzburger Gegebenheiten sich ergebende zeitliche Beschränkungen der Aufführungsdauer von Vesperae oder Messe scheinen für Mozart eher Anreiz denn Hemmnis gewesen zu sein. So vielfältig, variabel, aber auch intensiv, erklingen denn „Vesperae solennes“ ebenso wie die „Krönungsmesse“ im Festspielhaus. Ward ist ein Dirigent, der seine musikalischen Mitstreiter zu nie nachlassender Konzentration, ebenso aber auch zu ungemein lebendigem, die Tempi dabei virtuos anziehenden Musizieren anhält.

Ausdruck und plastische Details sowohl beim Balthasar-Neumann Chor sind ebenso wie beim Orchester fast eine Selbstverständlichkeit. Die Transparenz und Ausgewogenheit des Chorklangs ist ebenso wie dessen Intonationssicherheit, aber auch seine klangliche Schmiegsamkeit frappierend. Und dass sämtliche der fast immer hervorragenden Solisten des Abends aus den Reihen des Chores stammen, unterstreicht die Qualität des 1991 von Thomas Hengelbrock in Freiburg gegründeten Ensembles.

Die Souveränität, mit der hier unter der stets die Übersicht wahrenden Leitung von Duncan Ward agiert wird, bleibt Mittel zum Zweck. Fröhlichkeit und Tiefe des Ausdrucks sind hier keine Gegenpole, sondern erklingen als Einheit, die die Größe dieser Kompositionen Mozarts unterstreicht.


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