Murgtäler Traditionsunternehmen macht Feierabend

Murgtal (stj) – Eine 140 Jahre alte Geschichte im Murgtal findet am 1. April ihr Ende: Im Packaging-Bereich von Baden Board ist am Freitag der letzte Produktionstag.

Idyllisch gelegen: Was wird aus dem Gelände der Badischen Karton- und Pappenfabrik? Foto: Stephan Juch (Archiv)

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Idyllisch gelegen: Was wird aus dem Gelände der Badischen Karton- und Pappenfabrik? Foto: Stephan Juch (Archiv)

Damit verlieren nicht nur insgesamt rund 280 Menschen ihren Job, sondern auch die Stadt Gernsbach und die Gemeinde Weisenbach wichtige Arbeitsplätze und Gewerbesteuern, der Industriestandort ein Traditionsunternehmen und ortsansässige Firmen einen konstanten Auftraggeber.

Zum Beispiel die Siebert Stanzformtechnik GmbH. Die Werkzeugbauer in Hörden haben wöchentlich mehrere Stanzformen für Kartonagen hergestellt, mit denen bei Baden Board im Betriebsteil Packaging Produkte wie Joghurt-Steigen, Getränkehalter oder Pizzaschachteln produziert wurden. „Das letzte Werkzeug haben wir vor sechs Wochen geliefert“, erzählt Marc Siebert. Ganz auffangen könne sein Betrieb, in dem sechs Leute beschäftigt sind, das Aus von Baden Board nie: „Wir müssen schauen, wie wir das anderweitig kompensieren.“ Doch das sei schwierig, schließlich beliefere man die anderen Standortorte der regionalen Papierindustrie bereits. Die Nähe zum Auftraggeber sei in der Branche von Vorteil: „Wir sind so ein bisschen wie die Feuerwehr: Wenn was kaputt geht, sind wir innerhalb von 20 Minuten vor Ort“, erklärt Siebert.

Glatfelter übernimmt Auszubildende

Was für den Werkzeugmacher gilt, gilt nun für viele der direkt betroffenen Beschäftigten erst recht: Nicht alle werden wieder einen wohnortnahen Arbeitsplatz finden, müssen künftig mitunter weit fahren. Unbestätigten Angaben zufolge haben bereits circa 60 Prozent der Arbeitssuchenden einen neuen Job gefunden. Die Firma Glatfelter Gernsbach hat die Auszubildenden von Baden Board übernommen. Letzteres bestätigt Gewerkschaftssekretär Dirk Schmitz-Steinert. Ihnen bleibt damit der Weg zum Arbeitsamt erspart. Andere, die teils jahrzehntelang in der Kartonfabrik tätig waren, haben weniger Glück, müssen nun zum ersten Mal in ihrem Leben Leistungen vom Amt beziehen und nach Ewigkeiten mal wieder Bewerbungen schreiben. Um dies zu erleichtern, habe der Insolvenzverwalter auf Initiative der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie ein Bewerbungstraining angeboten. Die IG BCE tritt zudem als Vermittlerin für Jobangebote in Erscheinung, so Schmitz-Steinert. Viel mehr könne man für die Beschäftigten nicht mehr tun.

Die Maschinen stehen still: Am Freitag ist der letzte Produktionstag in der traditionsreichen „Badischen“. Foto: Stephan Juch

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Die Maschinen stehen still: Am Freitag ist der letzte Produktionstag in der traditionsreichen „Badischen“. Foto: Stephan Juch

Unterdessen läuft der Ausverkauf von Baden Board. Das komplette verbliebene Sachanlagevermögen wird nun veräußert. Das übernimmt ein sogenannter Verwerter über ein Auktionshaus, wie Insolvenzverwalter Marc Schmidt-Thieme verrät. Er muss für die Gläubiger eine möglichst hohe Insolvenzquote herausholen, um die Schulden abzubauen, die Baden Board nicht mehr bezahlen kann. Die Abwicklung werde sich allerdings bis voraussichtlich März 2023 hinziehen, vor allem der Verkauf der Kartonmaschine, für die es ernsthafte Interessenten gebe.

Zudem werde die Insolvenz von Baden Board wohl noch einige Prozesse nach sich ziehen, kündigt Schmidt-Thieme an und verweist auf Kundenreklamationen und einen Streit mit dem Umweltbundesamt, bei dem es um steuerliche Sachen im Zusammenhang mit den CO2-Zertifikaten von Baden Board gehe.

Chronik: Badische Karton- und Pappenfabrik

- 1882: Die Mannheimer Familie Klemm gründet eine Firma, um die Wasserkräfte oberhalb von Obertsrot zu nutzen: Mit einer Holzschleiferei und einer Anlage zur Herstellung von Handpappen.

- 1890: Erweiterung der Fabrik durch eine Kartonagen-Abteilung für Versandkartonagen.

- 1906/07: Eine Voith-Rundsiebmaschine wird aufgestellt.

- 1929: Die Handpappen-Abteilung wird stillgelegt.

- 1938: Verkauf des Werks an die Herzberger Papierfabrik Ludwig Osthushenrich.

Traditionsunternehmen: Die Badische Karton- und Pappenfabrik als Postkarte. Foto: Stadtarchiv Gernsbach

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Traditionsunternehmen: Die Badische Karton- und Pappenfabrik als Postkarte. Foto: Stadtarchiv Gernsbach

- 1947: Wiederaufnahme der Produktion nach Krieg und französischer Besetzung.

- 1957: Aufgabe der Holzschleiferei, der ursprünglichen Grundlage des Betriebs.

- 1960: Die alte Kartonmaschine aus dem Jahr 1907 wird durch eine Rundsieb-Langsieb-Kartonmaschine ersetzt.

- 1969/70: Errichtung einer modernen Kartonagenfabrik – verarbeitet wird fast nur noch Altpapier.

- 1986: Verkauf des Unternehmens an die Königlich Niederländische Papierfabrik

- 1998: Verkauf an das britische Risikokapitalunternehmen CVC / Cinven.

- 2000: Aus der ehemaligen „Badischen Karton- und Pappenfabrik“ werden zwei rechtmäßig getrennte Firmen, die „Kappa Badenkarton GmbH“ in Gernsbach und die „Kappa Baden Packaging GmbH“ in Weisenbach.

- 2006: Neue Namen für die beiden Firmen: „Smurfit Kappa Baden Karton“ und „Smurfit Kappa Baden Packaging“ werden nach der Fusion von „Kappa Packaging“ mit dem weltweit operierenden Unternehmen Jefferson Smurfit zur „Smurfit Kappa Group“ mit Sitz in Dublin in Irland.

- 2018: Verkauf des Unternehmens an die LIVIA-Gruppe (München), eine private Investmentgesellschaft.

- 2019: Verkauf des Unternehmens an die Marperger-Gruppe, ein deutsch-tschechisches Unternehmen mit Sitz in Böhmen.

- November 2019: Einleitung eines förmlichen Schutzschirmverfahrens zur Befreiung von Altverbindlichkeiten.

- 1. Februar 2020: Eröffnung des Insolvenzverfahrens.

- September 2021: Nach dem geplatzten Verkauf an Fiskeby Board (Schweden) startet ein erneutes Insolvenzverfahren.

- Ende 2021: Die Karton-Produktion wird eingestellt.

- 1. April: 2022: Auch bei Packaging endet die Arbeit, die Abwicklung läuft.

Trauriger Tag fürs Murgtal: Ein Kommentar von Stephan Juch

Mit dem Aus der „Badischen“ verliert die Papierindustrie im Murgtal einen ihrer Eckpfeiler. Das ist nicht nur für die direkt Betroffenen traurig, sondern auch für diejenigen, die im Fahrwasser der Fabrik über Jahre und Jahrzehnte hinweg einen nicht unerheblichen Teil ihrer Brötchen verdient haben. Ein Standort dieser Größenordnung lässt sich ortsnah nun mal nicht ersetzen. Das hat auch zur Folge, dass viele Arbeiter künftig deutlich weiter fahren müssen – was ökologisch und ökonomisch zum Nachteil des ganzen Murgtals gereicht. Dass die komplette Kartonmaschine ab- und andernorts wieder aufgebaut werden soll, also in absehbarer Zeit weiter produziert, zeigt, dass der Standort eine Zukunft hätte haben können. Dass die nicht genutzt wurde, ist das Traurigste an der ganzen Geschichte.


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