Murgtal-Luchs „Toni“ geht es gut

Gaggenau (sazo) – Die junge Tierärztin Charlotte Willuhn bescheinigt Luchs „Toni“ eine robuste Gesundheit.

Nachtschicht in der Tierklinik: Charlotte Willuhn legt dem betäubten Luchs einen Venenzugang. Foto: pr

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Nachtschicht in der Tierklinik: Charlotte Willuhn legt dem betäubten Luchs einen Venenzugang. Foto: pr

„Das ist wie ein Sechser im Lotto,“ berichtet Tierärztin Charlotte Willuhn (25). In der Tierklinik am Scheibenberg in Hörden konnte den mittlerweile als „Toni“ bekannten männlichen Luchs für einen Gesundheitscheck kürzlich medizinisch versorgen. Ihre Laufbahn hat gerade erst begonnen, und schon hat sie mit „Toni“ eine wirkliche Rarität behandelt. Seit März hat sie ihr Examen in der Tasche und wirkt nun aktiv in der elterlichen Praxis mit.

Das Erlebnis mit dem Luchs berührt die Akademikerin, die sich auf Klein- und Heimtiere spezialisiert hat, um in Zukunft die Klinik am Scheibenberg zu übernehmen. „Ich spiele bereits mit dem Gedanken, mich bei meiner Doktorarbeit mit dem Thema Parasitologie bei Luchsen zu beschäftigen, um damit mehr über das seltene Tier in meiner Heimat zu erfahren.“

In Zusammenarbeit mit der Universität Bern und der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) Baden-Württemberg konnte der scheue Luchs mithilfe einer Lebendfalle in Reichental gefangen werden. Bereits im April war „Toni“ von den Wildtierbeauftragten und der FVA mit einem Halsbandsender ausgestattet geworden, um den Fachleuten Details zu seinem Lebensraum im Schwarzwald, seinem Wanderverhalten und zum Beutespektrum zu übermitteln. Doch dann gab es mit der Übertragung der Daten Probleme. „Der am Tier angebrachte Transponder schien defekt zu sein und benötigte eine Überholung“, berichtet Willuhn. Zur medizinischen Versorgung des jungen Kuders, so die offizielle Bezeichnung eines männlichen Luchses, hat sie die nächtliche Aktion im Wald begleitet. „Um den Transport für das Tier so stressfrei wie möglich zu gestalten, wurde der Luchs zunächst vor Ort mit einem Beruhigungsmittel betäubt und dann in die Klinik gebracht.“ Und das um zwei Uhr früh. Denn Luchse sind vor allem in der Dämmerung und nachts unterwegs, also in Zeiten, in denen Menschen meistens schlafen. In der Kleintierklinik in Hörden legte Willuhn einen Venenzugang und entnahm Blutproben, um wichtige Informationen über den Gesundheitszustand zu erhalten: „Das war ein unglaubliches Erlebnis, denn die Wildkatze ist fast so groß wie ein junger Schäferhund, hat aber wesentlich längere Beine, breite Pranken und massive, richtig spitze Zähne.“

Ein Brustwirbel war angebrochen

Eindrucksvoll beschreibt sie das wunderschöne gelbe Fell mit schwarzen Tupfen, das die Raubkatze für Menschen in freier Wildbahn fast gänzlich unsichtbar macht. Den Flecken auf dem Fell verdankt der Luchs nicht nur seine perfekte Tarnung im Wald. Die Musterung ist zudem mit der Charakteristik eines menschlichen Fingerabdrucks zu vergleichen, denn jeder Luchs trägt ein individuelles Fellmuster, das sich von dem seiner Artgenossen unterscheidet.

Streng geschützt zählt der Luchs zu den seltensten Tierrassen in Baden-Württemberg. Exemplare werden seit 2004 mittels Halsbandsender akribisch überwacht. Daher ist „Toni“ kein Unbekannter. Schon seit Oktober 2019 gibt es Hinweise auf ihn in der Region, und sein defekter Halsbandsender alarmierte seine Beobachter. „Das riesige Tier brachte nur knapp 18 Kilogramm Gewicht auf die Waage“, bilanziert Willuhn: „Das grenzt bei einem zweijährigen Luchs schon fast an Untergewicht.“ Die Erklärung ergab ein Röntgenbild: „Er hatte sich einen Brustwirbel angebrochen, aber das ist nun schon wieder verheilt. Wir konnten sehen, dass sein Magen gut mit Fleisch gefüllt war.“ Der Einzelgänger hat sich also erfolgreich seinem neuen Refugium Schwarzwald angepasst.

Während im 19. Jahrhundert die zunehmende Besiedlung der Landschaft zur Abholzung der Wälder führte, wurde der Lebensraum für den Luchs immer knapper. Gleichzeitig schwanden die Wildbestände, die ihm als Nahrungsgrundlage dienten. Mit Erholung der Wildbestände im 20. Jahrhundert wurden neue Lebensgrundlagen für die Wildkatze geschaffen, und mittlerweile sind vereinzelt Luchse aus der Schweiz wieder in den Schwarzwald eingewandert.

Damit sich „Toni“ in seiner neuen Heimat wohlfühlen kann, wurden bei seinem Gesundheitscheck Blutbild ebenso wie Organwerte überprüft. „Alles war negativ“, berichtet Willuhn, die der Wildkatze zudem unterstützende Mittel zur Abwehr von Parasiten verabreichte, bevor das Tier gegen 3.30 Uhr wieder in seiner ihm bekannten Umgebung freigesetzt wurde: „Der war ganz schnell wieder fit und sprang in das Dickicht.“

Ihr Autor

Sabine Zoller

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Erstellt:
17. September 2020, 17:30 Uhr
Lesedauer:
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