Murgtal: Mehr Platz für den „König der Wälder“?

Murgtal (mm) – Auch Kreisjägermeister Dr. Frank Schröder wünscht einen größeren Lebensraum für das Rotwild. Dies würde auch die Hochlagen des Murgtals betreffen.

Ein röhrender Hirsch. Der Lebensraum für Rotwild in Baden-Württemberg ist stark begrenzt. Foto: Swen Pförtner/dpa

© dpa

Ein röhrender Hirsch. Der Lebensraum für Rotwild in Baden-Württemberg ist stark begrenzt. Foto: Swen Pförtner/dpa

Für den Rothirsch ist es eng. Auf lediglich vier Prozent der Landesfläche von Baden-Württemberg darf der „König der Wälder“ leben. Die Jägerschaft fordert, seinen Lebensraum auf die gesamte Landesfläche zu erweitern, „das hat mit Respekt gegenüber dem Rotwild zu tun“, sagt Kreisjägermeister Dr. Frank Schröder aus Sulzbach.

Mittlerweile müssen sich Hirsche ihr Territorium mit immer mehr Erholungssuchenden teilen. Gerade in Coronazeiten drängen viele Menschen in die Natur. Der heimische Wald wird „wiederentdeckt“, berichtet Dr. Dominik Fechter von der Forstlichen Forschungs- und Versuchsanstalt in Freiburg (FVA).

Hinzu kommen die Fortschritte der Technik. Mit E-Bikes erreichen mehr Menschen auch abgelegenere Orte. In sozialen Netzwerken werden die „geheimen letzten Flecken unberührter Natur“ geteilt und anschließend aufgesucht. Bessere Stirnlampen verschieben die Aktivitäten auch über die Dämmerung hinaus in die Nachtstunden.

Das macht das Leben in der freien Wildbahn für Cervus elaphus, wie der Hirsch auf lateinisch heißt, oder das Rotwild, wie es der Jäger nennt, nicht unbedingt einfacher. Bis zu 200 Kilogramm kann ein kapitaler Geweihträger schwer werden.

Das bislang ausgewiesene Gebiet reicht für den Rothirsch nicht aus, so auch die Einschätzung von Frank Schröder. Die Forderung nach mehr Platz werde von den Jagdverbänden und der Deutschen Wildtierstiftung mitgetragen. „Wir wollen die Aufhebung der Rotwildgebiete“, unterstreicht der Kreisjägermeister.

Der Gesamtbestand an Rotwild ist in der jüngeren Vergangenheit stetig gewachsen. Doch sein Lebensraum ist in Baden-Württemberg auf fünf Regionen begrenzt. Die Einschränkung geht auf die „Verordnung über die Bildung von Rotwildgebieten“ von 1958 zurück. Das größte ist das Rotwildgebiet Nordschwarzwald mit rund 105.000 Hektar Fläche. Dazu gehören das Murgtal vom Kaltenbronn über Reichental, Loffenau, Weisenbach und Forbach sowie der Nationalpark und Gemarkungsflächen von Bühl und Baden-Baden. Es liegt in den Landkreisen Enzkreis, Calw, Rastatt, Freudenstadt, Ortenaukreis und im Stadtkreis Baden-Baden. Weitere Gebiete sind im Südschwarzwald, Odenwald, Schönbuch und Adelegg (Allgäu). Im Vordergrund für die Ausweisung stand damals die Wildschadensverhütung. Es wurden daher bevorzugt die Hochlagen mit zusammenhängenden Staatswaldflächen ausgewählt. Damit sollen finanzielle Verluste in der Waldbewirtschaftung möglichst auf Landesflächen beschränkt werden, erläutert Fechter.

Seit 1. Dezember 2020 ist eine neue Richtlinie in Kraft. Hierin seien viele positive Ansätze enthalten, was den Altersklassenaufbau und Geschlechterverteilung innerhalb einer Rotwildpopulation betreffe, sagt Kreisjägermeister Frank Schröder. Auch, dass bei erhöhtem Verbiss- und Schäldruck an Bäumen durch das Rotwild nicht nur der Abschuss als Regulationsinstrument, sondern Betretungsverbote sowie Habitat- und Nahrungsverbesserung hinzugezogen werden.

Derzeit nur vier Prozent der Landesfläche

Am Bestand der Rotwildgebiete an sich aber wurde festgehalten. Auf 96 Prozent der Landesfläche müssen die Tiere, mit Ausnahme der Kronenhirsche (eine besondere Geweihform) nach wie vor erlegt werden, wenn sie dort auftauchen. „Das ist eine rein land- und forstwirtschaftliche Sichtweise“, kritisiert Schröder und mit ihm die Jägerverbände. „Das Verbreitungsgebiet reicht nicht aus.“ Und dort, wo das Rotwild leben dürfe, werde es noch scharf bejagt. Durch die derzeitigen inselartigen Rotwildgebiete droht eine genetische Verarmung der Bestände.

Forstwissenschaftler Dominik Fechter ist Projektkoordinator für die „Rotwildkonzeption Nordschwarzwald“. 2008 hatte die FVA die „Rotwildkonzeption Südschwarzwald“ mit Beteiligung der betroffenen Interessengruppen erarbeitet. Eine Bewertung zehn Jahre später habe eine deutliche Verbesserung der Situation gezeigt: Es gebe keine nennenswerten Schälschäden, die Waldverjüngung funktioniere besser. Das Rotwild habe Rückzugsräume bekommen, die Jagd sei weiter attraktiv und Rotwild für Besucher in der freien Natur an zwei Beobachtungsstandorten zu sehen. Aufgrund dieser positiven Erfahrungen sei 2015 das Projekt „Rotwildkonzeption Nordschwarzwald“ gestartet worden. Das erarbeitete Konzept soll schrittweise umgesetzt werden.

Hat das Auftauchen des Wolfs Auswirkungen auf den Rotwildbestand? So wie der Wolf überall im Land leben dürfe, müssten sich auch Hirsche in ganz Baden-Württemberg frei bewegen dürfen, fordert Kreisjägermeister Schröder.

Der Wolf spielt als Beutegreifer für das Rotwild laut FVA eine eher untergeordnete Rolle. Die beiden bisher bestätigten Tiere halten sich in den Rotwildgebieten Nord- und Südschwarzwald auf. Der Wolf sei ein angepasster Jäger. Aus Untersuchungen in der Lausitz in Sachsen sei bekannt, dass Wölfe als Beute Rehe, Wildschweine oder Rotwild bevorzugen, mit einer starken Vorliebe für Rehe.

720 Mitglieder im Kreisverband

Dr. Frank Schröder (54) ist Kreisjägermeister des Kreisvereins Badischer Jäger Rastatt / Baden-Baden. Der Arzt praktiziert in Gernsbach, ist Jagdpächter in Staufenberg und wohnt im Gaggenauer Stadtteil Sulzbach. Er ist seit 2016 im Amt und bis 2022 gewählt. Er vertritt die rund 720 Mitglieder des Kreisvereins aus dem Landkreis Rastatt und dem Stadtkreis Baden-Baden. Schwerpunkte des Vereins sind der Einsatz für alle Belange der Jagd, der Jäger und des Wildes und dessen Lebensraum. Dazu zählen Biotoppflege, Naturschutz, Kitzrettung, Jagdschutz, Organisation der Nachsuchenarbeit sowie Jugendarbeit.

Kreisjägermeister Dr. Frank Schröder. Foto: Markus Mack

© mm

Kreisjägermeister Dr. Frank Schröder. Foto: Markus Mack

Ihr Autor

BT-Redakteur Markus Mack

Zum Artikel

Erstellt:
8. März 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 22sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.