Museum für Spielkarten aus vielen Jahrhunderten

Leinfelden-Echterdingen (ela) – Im Keller einer Schule in Leinfelden-Echterdingen schlummert ein Schatz: Dort lagert der Bestand des Deutschen Spielkartenmuseums mit vielen historischen Spielen.

Historisches Kartenspiel mit Bildmotiven. Foto: Daniela Jörger

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Historisches Kartenspiel mit Bildmotiven. Foto: Daniela Jörger

Könige, Fürsten und Markgrafen ließen sie sich als kostbare Unikate gestalten, für sie wie für das einfache Volk waren sie stets willkommener Zeitvertreib: Spielkarten begleiten die Menschen seit Jahrhunderten in allen nur denkbaren Ausführungen. Sie dienen der Unterhaltung, vermitteln spielend Wissenswertes, verzaubern und sollen sogar den Blick in die Zukunft eröffnen.

„Erstmals werden Spielkarten in Europa im Jahr 1377 in Florenz erwähnt, und zwar in Dokumenten als Spielverbote“, erklärt die Kunsthistorikerin Dr. Annette Köger. Sie leitet das Deutsche Spielkartenmuseum in Leinfelden-Echterdingen, das eine Zweigstelle des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart ist und die größte öffentliche Spielkartensammlung Europas besitzt. Als sogar weltweit die umfassendste Sammlung gilt die asiatisch-indische Sammlung des Hauses. Rund 33.000 Spiele mit mehr als 500.000 Karten aus aller Welt und aus sieben Jahrhunderten lagern im Keller einer Schule. Immerhin eine kleine, wechselnde Auswahl dieser Schätze ist ständig im Stadtmuseum zu sehen. Daneben gibt es jährlich eine große Sonderausstellung.

„Stuttgarter Kartenspiel“

Als ältester erhaltener Beleg gilt das „Stuttgarter Kartenspiel“ aus der Zeit um 1430. Das bis auf vier Teile komplett vorhandene Original aus kunstvoll bemaltem Papier mit Blattgold mit einst 52 Blatt liegt in der Schatzkammer der Fürsten von Württemberg in Stuttgart, im Spielkartenmuseum wird es anhand einer Replik erklärt. „Es war eine wertvolle Auftragsarbeit und zeigt mit Falken, Hunden, Enten und Rehen eine Jagd. Man kann sich gut vorstellen, wie damit gespielt wurde. König, Dame, Diener (Bube), As und die Zahlen eins bis zehn gibt es darin bereits“. Rommee, Skat, Schafkopf, Poker, Canasta – „alles geht darauf zurück“, erklärt Annette Köger, „die Figuren spiegeln die feudale Grundordnung jener Zeit wider“. Wie genau die Karten ausgespielt wurden, ist allerdings unbekannt, denn über Regeln weiß man erst ab dem Ende des 16. Jahrhunderts etwas. Aber an dem historischen Stuttgarter Schatz ist gut erkennbar, dass sich am Grundprinzip eines klassischen Kartenspiels mit 52 Blatt (mit Joker 55, Skat 32 Blatt) bis heute nichts geändert hat. „Karten haben zudem immer ihren König behalten, sogar in sozialistischen Systemen – eigentlich erstaunlich“, meint die Kunsthistorikerin.

Annette Köger erklärt das „Stuttgarter Kartenspiel“. Foto: Daniela Jörger

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Annette Köger erklärt das „Stuttgarter Kartenspiel“. Foto: Daniela Jörger

Schriftliche Zeugnisse über Spielkarten gibt es in China sogar schon aus dem achten Jahrhundert. Das Unterhaltungsmittel kam nach Forschungsergebnissen aus Asien entlang der alten Handelsstraßen nach Europa, sein Siegeszug verlief rasant. „Im Verlauf einer Generation hatten das alle Fürstenhäuser. Die Angestellten sahen es – und wollten es auch. So kam eines zum anderen“, erklärt Köger. Spätestens mit dem Aufkommen der Drucktechnik und der einfacheren Möglichkeit zur Vervielfältigung gab es keine Grenzen mehr. „Im Spiel konnte man es den Oberen einmal zeigen und den König auf den Tisch klopfen. Frauen konnten über Männer triumphieren und die Geschlechter erlaubterweise kommunizieren“, erklärt die Kunsthistorikerin den Reiz der Karten. Heute sei es ein Gemeinschaftserlebnis, Kinder können ihre Eltern schlagen – und Erwachsene ein bisschen Schadenfreude ausleben. Gerade in Corona-Zeiten hätten viele Menschen wieder Karten gespielt. Im Gegensatz zum Grundprinzip war und ist die Gestaltung ein weites Feld. Neben künstlerischen Ausgaben und Exemplaren mit Blattgold von Kartenmachern (später Kartenfabrikanten) finden sich vielfach einfache, abgegriffene Papierblätter. Denn Spielkarten waren meist ein Gebrauchsgegenstand. Das erklärt auch, warum so wenige erhalten sind. „Wenn sie kaputt waren oder etwas fehlte, warf man sie weg oder nutzte das kostbare Papier zum Ausstopfen diverser Dinge,“ erklärt Annette Köger.

Französische Farben

Herz, Kreuz, Pik und Karo – die französischen Farben, die sich weltweit durchgesetzt haben – sind laut Köger dann im 15. Jahrhundert entstanden. Etwas in Vergessenheit geraten ist dagegen das deutsche Blatt mit Eichel, Blatt, Schelle und Herz. „Das liegt daran, dass sich die einfarbigen Zahlen und Symbole der französischen Version leichter herstellen ließen.“ Spezielle Farben gab es auch in Italien, Spanien und der Schweiz. Doch bis zum 19. Jahrhundert blieb das Zählen der Symbolegenerell mühsam – und das Spiel damit langsam. Deutlich an Tempo gewann es, als die Figuren halbiert und samt den Zahlenkarten gespiegelt wurden. Seitdem haben Kartenblätter in jeder Ecke leicht erkennbare Zahlen und Buchstaben. Damit war es egal, wie rum man sie hält, und auch die Produktion wurde so vereinfacht, da nur halbe Figuren gefertigt werden mussten.

Nicht nur Künstler, sondern auch die Geschichte hat ihre Spuren auf den Spielkarten hinterlassen. „Eigentlich ist die ganze Welt dort abgebildet“, erzählt die Museumsleiterin. Landschaften, regionale Besonderheiten, politische Propaganda sowie geschichtliche und religiöse Ereignisse werden vielfach dargestellt. So ist auf einem Spiel von 1685 die zweite Belagerung Wiens durch die Türken Thema. 2017 gab die Kirche anlässlich des Reformationsjubiläums eine Sonderedition heraus. Und auch Schillers Werke finden sich zum Beispiel auf Spielkarten. „Es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt. Auch ich lerne immer noch Neues kennen“, erklärt Annette Köger. Vielfach wurde das Spiel auch genutzt, um Wissen zu vermitteln. Und auf modernen Karten lassen sich auch Satire, Karikaturen und Comichelden wie Asterix oder die Simpsons in die Karten schauen. Damit ist die Welt der Spielkarten aber noch lange nicht komplett: Jeweils eigene Familien stellen Tarot-, Zauber-, Patience-, Quartett- und Sammelkarten dar.

Die deutschen Farben  sind ein wenig in Vergessenheit geraten. Foto: Daniela Jörger

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Die deutschen Farben sind ein wenig in Vergessenheit geraten. Foto: Daniela Jörger

„Majestäten, Fürsten, Präsidenten“, „Religiöses auf Spielkarten“, „Comics und Karikaturen“ – die Liste der Sonderausstellungen des Deutschen Spielkartenmuseums ist lang. Der große Bestand umfasst auch moderne Kartenspiele wie „Elfer raus“ und Uno sowie regionale Spezialitäten wie das badische Cego. Unterstützt werden Annette Köger und ihr Team durch einen Förderverein mit rund 90 Mitgliedern, der das Museum bei Ankäufen finanziell unterstützt. „Wir erwerben Sammlungen und schauen uns auf Tauschbörsen um. Das ist ein überschaubarer Markt“, erklärt Annette Köger. Einmal im Jahr treffen sich die Mitglieder der internationalen Playing Card Society zum Austausch.

Derzeit freut sich Annette Köger über ihre jüngste Neuerwerbung, ein württembergisches Quartett – ohne Bilder, dafür mit vielen Informationen. „Aus Württemberg und Baden gibt es grundsätzlich nicht viel“, erklärt sie, „das hat seinen Grund vielleicht auch in der pietistischen Haltung damals. Und wenn, sollte das Spiel nicht einfach Spaß machen, sondern war oft mit einem Bildungsanspruch verbunden.“ Spaß hat sie selbst aber auch nach vielen Jahren an ihrer Arbeit: „Es ist nach wie vor super, dass ich auf diese Schätze aufpassen darf.“

Ihr Autor

BT-Redakteurin Daniela Jörger

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Erstellt:
4. Juli 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 12sec

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