Musicalveranstalter über Strategien für Theater-Öffnungen

Baden-Baden (cl) – „Wir haben eine Blockade gegen gute Lösungen“, sagt Philosoph Julian Nida-Rümelin und plädiert für die Öffnung von Kultureinrichtungen, unterstützt von Virologe Schmidt-Chanasit.

„Ku’damm 56 – das Musical“ (Probenszene) soll im November im Berliner Stage-Theater des Westens Premiere haben. Der Musicalmarktführer veranstaltet Symposien zur Wiederaufnahme des Live-Kulturbetriebs in Deutschland.  Foto: Jordana Schramm/Stage Entertainment

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„Ku’damm 56 – das Musical“ (Probenszene) soll im November im Berliner Stage-Theater des Westens Premiere haben. Der Musicalmarktführer veranstaltet Symposien zur Wiederaufnahme des Live-Kulturbetriebs in Deutschland. Foto: Jordana Schramm/Stage Entertainment

Kunst und Kultur gehören zu den Leidtragenden der Corona-Pandemie. Mit steigenden Inzidenzen und eventuell noch verschärfteren Lockdown-Strategien rücken die für den Frühsommer 2021 erhofften Live-Auftritte vor Publikum in immer weitere Ferne. Während die Museen vereinzelt wochenweise wieder öffnen durften, sind die Theater, Konzert- wie Opernhäuser, die Live-Entertainment- und die Musicalbranche seit fast 13 Monaten geschlossen.

„Das kommt einem Berufsverbot gleich“, sagt die Geschäftsführerin von Stage Entertainment in Deutschland, Uschi Neuss. Jegliche Einnahmeoptionen seien verboten worden. An den drei Musicalstandorten – Hamburg, Berlin und Stuttgart – seien bislang 3.900 Shows nicht gespielt worden vor voraussichtlich vier Millionen Zuschauern, ähnlich sei es auch in den anderen Ländern Europas und in den USA gewesen. „Die Live-Kultur ist auf breiter Front zum Erliegen gekommen.“ Dabei gäbe es längst Möglichkeiten für Öffnungen von Kultureinrichtungen: Die Berliner Philharmoniker und ihr Testkonzert am 20. März vor 1.000 Besuchern werden dabei viel zitiert. Dänemark will seine Kultur im Laufe des Mai öffnen, Großbritannien seine Theater und Museen schrittweise bis Ende Juni.

Lernen, mit dem Virus zu leben, und die Testangebote, die Apps und vor allem die technischen Möglichkeiten der Theater auszunutzen, dafür plädierte eine hochkarätig besetzte Expertenrunde beim Online-Symposium „Kultur ohne Mindestabstand“ zur Wiederaufnahme des Live-Kulturbetriebs unter wirtschaftlichen Bedingungen von Stage Entertainment Germany. „Wir müssen unsere Technik gegen Corona einsetzen, um ein weitgehend normales Leben zu führen“, sagte der Physiker Christian Kähler von der Bundeswehr-Universität München und könnten nicht dauerhaft mittelalterliche Methoden („der Lockdown funktioniert seit 100 Jahren“) dagegen anwenden. „Man kann einen Veranstaltungsraum sehr sicher machen, wenn ein großes Raumvolumen vorhanden ist.“

Nida-Rümelin: „Herdenimmunität – durch Impfen erreichen wir das nie“

Der Philosoph und frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hat für eine Öffnung der Museen, Opern und Theater spätestens ab Juni plädiert. „Dort, wo mit Mindestabstand und Masken und nicht Drängeln die Kultur aufrecht erhalten werden kann – dann machen wir das natürlich“, sagte er. „Bitte macht das!“, betonte er mit Blick auf die Lockdown-Rufe der Politik – Schachbrettmuster-Belegung von Zuschauerplätzen in Theatern, warum nicht? „Eine Riesenbranche, eine der dynamischsten in Deutschland, bricht derzeit weg“, so Nida-Rümelin. „Ich fürchte, wir haben eine Blockade gegen gute Lösungen“, fügte er hinzu. Wenn Museen keinen Beitrag zum Infektionsgeschehen leisteten, sei es auch kein falsches Signal, sie wieder zu öffnen, genauso die Außengastronomie mit Abstand und Plexiglas-Scheiben. „Hier geht es um die Identität eines Landes – wir verstehen uns als Bildungs- und Kulturnation“: Diese drohe angesichts der komplett heruntergefahrenen Kulturbranche und der geschlossenen Universitäten verloren zu gehen – „das ist eine verheerende Botschaft.“ Es müsse breiter gedacht werden.

Nida-Rümelin betonte, dass die Inzidenz nicht mehr alleiniges Kriterium für Fortschritte in der Pandemiebekämpfung sein dürfe. Vielmehr müssten die Krankenhausbelegungen und Todesfälle im Zentrum stehen. „Das sind die beiden relevanten Kriterien, die man im Auge haben muss, nicht Inzidenz“, sagte Nida-Rümelin und verwies auf Israel, wo die Krankenhausbelegungen und Todesfälle trotz teils hoher Inzidenz mit den Impfungen stark zurückgegangen seien. „Herdenimmunität – durch Impfen erreichen wir das nie.“

Der Hamburger Virologe, Professor Jonas Schmidt-Chanasit, bestätigte Nida-Rümelins Thesen. „Es braucht die Kultur in der Pandemie. Wir sind zu sehr auf bestimmte Maßnahmen fokussiert, es muss breiter gedacht werden“, erklärte Schmidt-Chanasit. Covid 19 müsse auch als eine Art Weckruf betrachtet werden – „wie wir in Zukunft leben, unsere Lebensräume schützen wollen, wie viele Arten durch uns nicht mehr bedrängt werden, dadurch entstehen die Epidemien.“ Die Staaten müssten mehr für die Gesundheitsversorgung und die Prävention tun. „Wir sind bereit, Milliarden von Euro in die Aufrüstung zu investieren für einen Krieg, der vielleicht nie stattfinden wird“, erklärte Schmidt-Chanasit. Aber in die Prävention von Epidemien sei bislang kaum investiert worden.

Physiker Kähler: Konzertsäle haben in der Regel gute Lüftungen

Dafür wird momentan einiges ausprobiert in Studien und Planungen – von Berlin, Dortmund bis Baden-Baden – wie Öffnungen der Opern- und Konzerthäuser, wie die Theater, unter Pandemiebedingungen funktionieren könnten. Der Professor für Strömungsmechanik und Aerodynamik, Kähler, stützt die Bestrebungen: Mit Blick auf mögliche Raumkonzepte zur Wiedereröffnung sagte er, Konzertsäle hätten in der Regel gute Lüftungen, „so dass man sich über die Lüftungsproblematik dort gar keine Gedanken machen muss.“ Allenfalls gebe es das direkte Infektionsrisiko zwischen den Gästen, fügte Kähler hinzu: Dort könne man mit FFP2-Masken, transparenten Schutzwänden, dem Nachweis einer Impfung oder eines negativen Corona-Tests arbeiten.

„Die Veranstaltungswirtschaft braucht eine Perspektive“, betonte auch der Chef des großen deutschen Ticketsystems CTS Eventim, Alexander Ruoff. Er forderte von der Politik Stufenpläne, „wie wir baldmöglichst zur Normalität zurückkommen können.“ Teststrategien in Verbindung mit Apps und ausgefeilte Hygienekonzepte könnten helfen, dass auch größere Veranstaltungen sicher durchzuführen sind. Die zweckgebundene Erfassung von Daten von Zuschauern in Verbindung mit einer Eintrittskarte sei unter Datenschutzrichtlinien machbar.

Vielleicht sei ein Veranstaltungsbesuch, bei dem getestet würde, auch ein Anreiz, bisher unbekannte Infektionen zu erfassen, meinte Virologe Schmidt-Chanasit. Die Modellprojekte zur Öffnung seien ganz wichtig für die Wissenschaft. Genauso müsse erprobt werden, wie die Risikokontakte auf dem Weg zu den Veranstaltungsorten und den Museen – in Bahn und Bus – verringert werden könnten. Schmidt-Chanasit forderte mehr Entschlossenheit im Umgang mit Corona: „Wir sind eine Nation der Forscher, das Potenzial, das wir haben, muss mehr zugelassen werden – es wird noch zu viel gebremst.“

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
10. April 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
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