„Musik für alle Ohren“

Rastatt (sl) – Der Rastatter Pianist Frank Dupree bringt im August zwei neue CDs heraus. Auf den Komponisten Nikolai Kapustin hat ihn einst sein Musiklehrer am LWG aufmerksam gemacht.

Frank Dupree hat die seltenen Zeitfenster im Lockdown genutzt, um mit Kollegen Musik von Prokofiev, Schumann und Nikolai Kapustin einzuspielen. Foto: Marco Borggreve

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Frank Dupree hat die seltenen Zeitfenster im Lockdown genutzt, um mit Kollegen Musik von Prokofiev, Schumann und Nikolai Kapustin einzuspielen. Foto: Marco Borggreve

Selbst wer sonst eher keine klassische Musik hört, könnte mit den beiden neuen CDs von Frank Dupree seinen Spaß haben: Die eine ermöglicht die auf- und anregende Entdeckung eines echten Geheimtipps, die andere verwandelt romantische Klassiker in ein neues Klangerlebnis zum Verlieben.
Der Rastatter Frank Dupree (29), international gefragter Pianist und Opus-Klassik-Preisträger, war während der coronabedingten Auftrittsflaute nicht untätig. Im ersten Lockdown präsentierte er sich zusammen mit ähnlich jungen Kollegen in launigen Musikclips im Internet. Danach hat er sich wieder intensiv mit Partituren beschäftigt. Kurze Zeitfenster ermöglichten dann tatsächlich – wenn schon keine großen Konzerte – so doch Tonaufnahmen in Studios. So entstand in Avignon für das edle Label harmonia mundi „A Poet’s Love“. Zu hören ist neben ausgewählten Stücken aus Sergej Prokofievs berühmtem Ballett „Romeo und Julia“ der Liederzyklus „Dichterliebe“ von Robert Schumann. Der Clou: Statt mit einer Singstimme ist das Klavier in dieser Aufnahme mit einer Bratsche vermählt.

„Kommender Bratschist schlechthin“

Ein etwas verkanntes Instrument, dessen Saiten in diesem Fall der Brite Timothy Ridout zum Schwingen bringt. Frank Dupree nennt den Kollegen einen „Rising Star“, den „kommenden Bratschisten schlechthin“. In der Saison 2018/19 war Timothy Ridout „Philharmonischer Solister“ und „Artist in Residence“ der Baden-Badener Philharmonie, hat also in der Region schon Duftmarken gesetzt. Frank Dupree: „Prokofievs ‚Romeo und Julia‘ sowie Schumanns ‚Dichterliebe‘ führen uns durch ein Wechselbad der Gefühle. Die große Herausforderung ist es, eine Geschichte nur über die Sprache der Musik zu erzählen. Timothy Ridout singt, spricht, ja tanzt mit und auf seiner Viola. Gemeinsam mit ihm zu musizieren, ist pure Freude für mich.“

In Rastatt war Frank Dupree 2013 im Rahmen der Sparkassen-Konzertreihe schon mit der Dichterliebe in der Reithalle zu hören. Es sang damals der Tenor Georg Kalmbach. Pianistisch ganz anders sei es, mit einem atmenden Sänger zu interagieren als mit einem Streicher und seinem Bogenstrich. Und es fehlen natürlich die Worte Heinrich Heines, dessen Gedichte Schumann in der „Dichterliebe“ vertont. Sie scheinen in der Aufnahme dennoch mitzuschwingen, weil die Musiker großen Wert auf die musikalische Ausdeutung legen, die Schumann den Texten Heines mitgegeben hat. Dabei bleibt ihr Arrangement nah an der Originalkomposition, aber nicht so sklavisch, dass nicht Platz für überraschende, aber passende Einfälle bleibt. Mitunter wechseln die Partner einfach die Stimmen, zum Beispiel wenn es im Lied eigentlich heißt „das ist ein Flöten und Geigen“. „Das Geigenmotiv im Klavier übernimmt hier Timothy, weil er es ja ist, der eigentlich geigt“, freut sich Frank Dupree über solche kleinen interpretatorischen Freiheiten, die mit einem Sänger nicht möglich wären.

Kapustins Musik ist eine Entdeckung

Freiheiten sehr viel umfangreicherer Art bietet dem Musiker der Jazz, für den Frank Duprees Pianistenherz mindestens genauso heftig pocht wie für das, was man Klassik nennt. Eine Liebe, die nicht zuletzt von seinem Musiklehrer am Rastatter Ludwig-Wilhelm-Gymnasium, Thomas Hofmann, geweckt wurde. Der hat ihn auch auf die Musik Nikolai Kapustins aufmerksam gemacht. Nikolai wer? In Deutschland ist der Name Kapustin selbst in Kennerkreisen kaum geläufig. Sehr zu Unrecht, wie Frank Duprees neue, bei Capriccio erschienene CD beweist. Gemeinsam mit der Violinistin Rosanne Philippens und dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter seinem Dirigenten Case Scaglione hat Frank Dupree Kapustins Konzert für Klavier und Orchester Nr. 4, op. 56, das Konzert für Klavier, Violine und Streichorchester, op. 105, und eine Kammersinfonie, op. 57, eingespielt. In der Kammersinfonie – eine Ersteinspielung – dirigiert Dupree das Orchester und ist in einem kurzen Part am Vibrafon zu hören. Aber was hat das mit Jazz zu tun? Kapustins Musik klingt wie Jazz, setzt aber klassische Mittel ein. Das heißt zum Beispiel, dass jede der rasanten Noten, die auf der CD zu hören sind, auch wirklich in der Partitur steht. Für Improvisation – eigentlich ein Merkmal des Jazz – ist da gar kein Platz. Was man beim Hören aber kaum glauben kann. Wen das nicht vom Stuhl reißt, ist für Musik vermutlich verloren.

Frank Dupree: „Ich liebe Klassik – ich liebe Jazz. In Kapustins Musik steckt beides: höchste Kompositionskunst und Blue Notes! Egal ob Kind-of-Blue-Lovers oder Fans von Beethovens Neunter, diese Musik eignet sich für alle Ohren.“

Der Komponist Nikolai Kapustin wurde 1937 in der Ukraine geboren, lebte und wirkte den größten Teil seines Lebens in Moskau und ist Anfang Juli vergangenen Jahres gestorben. Tragischerweise, denn Frank Dupree hätte ihn gerne noch persönlich kennengelernt und ihm vorgespielt.

Wieder voller Terminkalender

Frank Duprees Terminkalender ist nach den Lockdowns wieder gut gefüllt. Als „Artist in Residence“ agiert er beim Kurt-Weill-Fest vom 27. August bis 5. September in Dessau. Ferner stehen Debüts mit dem hr-Sinfonieorchester Frankfurt, dem Ulster-Orchestra, dem Royal Northern Sinfonia, dem Trondheim Symfoniorkester und dem Sinfonieorchester Liechtenstein sowie Wiedereinladungen in die Wigmore Hall London, ins Konzerthaus Berlin und in die Elbphilharmonie Hamburg an.

Livetermine führen den Pianisten im August und September in die Schweiz für sein Debüt beim Lucerne Festival, zum Westfalen Classic Festival sowie zu Gastspielen der Staatskapelle Weimar. In seiner Heimatstadt Rastatt ist Frank Dupree wieder am Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober, beim Festakt in der Badner Halle zusammen mit dem Vokalensemble Rastatt unter Holger Speck mit Musik von Brahms und Rossini zu hören.


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