Musikalischer „Aufbruch in die Moderne“

Baden-Baden (BT) – Aus den Pfingstfestspielen ist nun schon zum zweiten Mal nichts geworden – aber trotz Corona gibt es an diesem Wochenende ein Hausfestival im Baden-Badener Festspielhaus.

Mit großem Abstand und ohne Publikum: Ein Bläserensemble des SWR-Symphonieorchesters  spielt zum Auftakt des dritten Hausfestspiels. Foto: Andrea Kremper/Festspielhaus

© pr

Mit großem Abstand und ohne Publikum: Ein Bläserensemble des SWR-Symphonieorchesters spielt zum Auftakt des dritten Hausfestspiels. Foto: Andrea Kremper/Festspielhaus

Bereits zum zweiten Mal musste man die mit dem SWR Symphonieorchester und seinem Chefdirigenten Teodor Currentzis geplanten Pfingstfestspiele im Festspielhaus Baden-Baden absagen. Aber den „Aufbruch in die Moderne“ wagt Intendant Benedikt Stampa mit dem dritten Festival „Hausfestspiel“ schon in diesem Jahr. Mit Robert Schumann und Igor Strawinsky wurden für das Eröffnungskonzert zwei Komponisten gewählt, die für Aufbruchsstimmung in der klassischen Musik stehen und zugleich eine Beziehung zu Baden-Baden haben, auch wenn diese im Fall von Robert Schumann eher durch seine Frau Clara bestand.

Strawinskys Oktett für Blasinstrumente

Den Abend eröffnen acht Mitglieder des SWR Symphonieorchesters, in einem großen Halbkreis aufgestellt, mit Strawinskys Oktett für Blasinstrumente (1923). Es ist das erste eigene neoklassizistische Werk des Komponisten, nachdem Strawinsky wie im Ballett „Pulcinella“ zuvor alte Musik verfremdet hatte. Von Beginn an treffen die Musikerinnen und Musiker den nüchternen, mechanischen, mitunter auch verspielten Ton dieser Musik, ohne dabei eine hohe klangliche Qualität vermissen zu lassen. Das klare, dennoch weiche Trompetenspiel von Jörge Becker und Christof Skupin beglückt, die Fagotte (Hanno Dönneweg, Angela Bergmann) werden zu leichtgängigen, virtuosen Energiespendern. Den zweiten Satz „Tema con Variazioni“ interpretiert das Ensemble mit musikantischem Zugriff, wobei Anne Romeis (Flöte) und Dirk Altmann (Klarinette) die halsbrecherischen Läufe in der Variation D zu prickelndem Champagner veredeln. Auch die Posaunen (Tobias Burgelin, Stefanie Scheuer) klingen konturiert und leicht. Das Finale läuft so präzise wie ein Uhrwerk, ehe Strawinsky am Ende mit groovenden Synkopen noch eine Jazznote dazumixt. Von Strawinskys antiromantischer Grundhaltung geht es mit Robert Schumanns Klavierquintett in Es-Dur (1843) mitten hinein in die schwärmerische, beseelte, hier auch draufgängerische Romantik. Der bekannte Pianist Martin Stadtfeld zeigt sich im Zusammenspiel mit Michael Hsu-Wartha (Violine 1), Soo Eun Lee (Violine 2), Dora Scheili (Viola) und Panu Sundqvist (Cello) als hinhörender Kammermusiker. Immer wieder wendet er sich den Streichern zu, um die richtige Balance auszuhören. Stadtfeld lässt nicht nur im Kopfsatz in den schnellen Passagen einen Sog entstehen, von dem sich die anderen mittreiben lassen. Besonders eindrucksvoll gelingt das Scherzo molto vivace mit seinen aufstrebenden und abstürzenden Tonleiterketten, die sich nahtlos vom Klavier zu den Streichern fortsetzen.

Mit Eleganz und Raffinesse

Das erste Trio hat Eleganz und Raffinesse. Das zweite macht gehörig Dampf und wird zum echten Showpiece. Der Trauermarsch in c-Moll hat eine große emotionale Spannung. Nur die beiden gesanglichen Dur-Abschnitte könnten noch eine Spur entrückter musiziert werden, um die verschiedenen Welten klarer voneinander zu trennen. Auch im mit einer Doppelfuge gekrönten Finale zeigt das Ensemble hohe Musikalität und sensibles Zusammenspiel.

Die Kameras fangen die Musik lebendig ein, Jasmin Bachmann verbindet in ihren Moderationen und im lockeren Nachgespräch mit Martin Stadtfeld, Hanno Dönneweg und Intendant Benedikt Stampa Souveränität mit einem persönlichen Ton. Das alles macht Lust auf mehr. Das Hausfestspiel geht noch bis Sonntagabend.

Ihr Autor

Georg Rudiger

Zum Artikel

Erstellt:
14. Mai 2021, 19:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 29sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.