Musikalischer Hochgenuss beim Sinfoniekonzert in Baden-Baden

Baden-Baden (khf) – Die beiden Pianistinnen Laetitia Hahn und Anna Karácsonyi heben Zuhörer in andere Sphären.

Pianistin Laetitia Hahn zieht das Publikum schon nach den ersten Takten in ihren Bann. Foto: pr

Pianistin Laetitia Hahn zieht das Publikum schon nach den ersten Takten in ihren Bann. Foto: pr

So stürmisch wie die 18 und 19 Jahre alten Pianistinnen Laetitia Hahn und Anna Karácsonyi hat das Baden-Badener Publikum schon lange keine Solisten mehr umjubelt. Gastdirigent Carlos Dominguez-Nieto hatte sie mitgebracht zum dritten Sinfoniekonzert der Philharmonie am Freitagabend im Weinbrennersaal.

Der Förderung des Nachwuchses hat sich die Philharmonie schon seit Langem verschrieben. Das ist umso erfreulicher, wenn dieser Nachwuchs schlicht auf Weltklasse-Niveau spielt, wie dies jetzt im Felix Mendelssohn Bartholdy und Ludwig van Beethoven gewidmeten Konzert der Fall war.

Vor dem ersten Klavierkonzert von Mendelssohn und dem vierten von Beethoven gibt es „Die Hebriden“ von Mendelssohn. Dominguez-Nieto geht die Konzertouvertüre nicht zimperlich an, leuchtet die Extreme der Musik voll aus und bietet ein musikalisches Gemälde, in dem sich wilde Naturgewalt und sanftes Wogen zu tiefen Empfindungen vereinen, der Inbegriff großer romantischer Musik.

Daran ändert sich auch beim Klavierkonzert Nr. 1 von Mendelssohn nichts. Vom ersten Ton an ist dies fulminante und spannungsgeladene Musik. Entsprechend kraftvoll und frisch legt die Pianistin Anna Karácsonyi los, zeigt aber schon wenige Takte später, dass sie sehr wohl auch zarter Empfindungen fähig ist. Mit Leichtigkeit und ansteckender Spielfreude braust sie über technisch sehr anspruchsvolle wilde Passagen hinweg, zart und innig geht sie die ruhigen, sehnsuchtsvollen Stellen an.

Vor allem der langsame Mittelsatz kommt voller Anmut wie ein Gedicht, das in guten Gefühlen schwelgt. Der temperamentvolle Schlusssatz mit seinem eingängigen Hauptthema dagegen gerät zu einem wahren Feuerwerk: sprühend, spritzig und voller Lebensfreude. Für den begeisterten Beifall am Ende bedankt sich die junge Pianistin mit einem sehr sensibel gespielten Albumblatt des litauischen Komponisten Balys Dvarionas (1904-1972).

Stimmig und mitreißend gespielt


Eine Interpretation, die eine wirklich neue Sichtweise des vierten Klavierkonzerts von Beethoven eröffnet, ist schier unmöglich. Aber auch ohne wirklich Neues zu bieten, hat die Pianistin Laetitia Hahn das Publikum mit ihrer Spielfreude, ihrem zupackenden Spiel und ihren markanten Akzentsetzungen schon nach den ersten Takten in ihren Bann gezogen. Wild aufbrausend und dann wieder extrem zartfühlend bis hart an die Grenze sentimentalen Kitschs, die aber nie überschritten wird. So verlangt man es von einer guten Beethoven-Interpretation, und Laetitia Hahn versteht es wunderbar, sich auf diesem schmalen Grat zu bewegen. Beispielhaft ihre faszinierende Kadenz, die allein schon eindrucksvoll zeigt, dass sie weit mehr als eine virtuose Tastenlöwin ist. So oft man das Klavierkonzert auch schon gehört haben mag, so stimmig und mitreißend gespielt ist es wieder einmal ein Hochgenuss, der den Alltag vergessen macht und die Zuhörer in andere Sphären hebt.

Das trifft natürlich in besonderer Weise im zweiten Satz mit seinem zwiespältigen, zwischen zarter Empfindung und dramatischer Düsternis changierenden Dialogen von Klavier und Orchester zu. Ganz im Gegensatz dazu kommt dann der quicklebendige Schlusssatz mit überbordender Lebensfreude, die durch den Kontrast mit einigen ruhigen, lyrischen Stellen noch verstärkt wird. Auch hier sind wie bei Anna Karácsonyi begeisterte Beifallsstürme die verdiente Quittung.

Mit ihrem Dankeschön dafür setzt Laetitia Hahn dann aber noch einmal ordentlich etwas drauf: Die extrem virtuose Tarantella von Franz Liszt ist ein einziges pianistisches Feuerwerk, das sie mit großer Musikalität abzubrennen versteht. Das Publikum ist hin und weg wie selten.

Doch auch damit nicht genug: Zu guter Letzt setzen sich die beiden Pianistinnen noch einmal gemeinsam ans Klavier, und nun gibt es, wunderbar schwungvoll gespielt, den fünften Ungarischen Tanz in der vierhändigen Originalversion von Johannes Brahms.


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