Musikermedizinerin Spahn rät: Draußen musizieren

Freiburg (cl) – „Wir raten dazu, draußen zu spielen“, sagt die Freiburger Professorin für Musikermedizin, Claudia Spahn, im BT-Interview über Ansteckungsgefahr und Abstandsgebote bei Blasmusikern wie Sängern. Zusammen mit den Bamberger Symphonikern hat die Wissenschaftlerin die Bewegung der ausgestoßenen Atemluft mit einem praktischen Experiment im Kunstnebel ermittelt.

„Vor der Probe Kontakte abklären“: Claudia Spahn, Leiterin des Freiburger Instituts für Musikermedizin, verweist auf die obligatorischen Besucherbefragungen des Freiburger Uniklinikums.  Foto: Britt Schilling/Institut für Musikermedizin/Uniklinikum Freiburg

© pr

„Vor der Probe Kontakte abklären“: Claudia Spahn, Leiterin des Freiburger Instituts für Musikermedizin, verweist auf die obligatorischen Besucherbefragungen des Freiburger Uniklinikums. Foto: Britt Schilling/Institut für Musikermedizin/Uniklinikum Freiburg

Wie stark verteilen Bläser und Sänger im Falle einer Infektion die Viren in ihrer Umgebung? Die Professorin Claudia Spahn, Leiterin des Instituts für Musikermedizin der Universität Freiburg, hat zusammen mit den Bamberger Symphonikern die Bewegung der ausgestoßenen Atemluft mit einem praktischen Experiment im Kunstnebel ermittelt – auch mithilfe eines Ingenieurs. Bei den Messungen wurde die Ausbreitung von größeren Tröpfchen beobachten, aber auch die Bewegung der kleinen Tröpfchen, sogenannter Aerosole, ist Teil der Überlegungen. Beide könnten potenzielle Virenüberträger sein. Was das für die Profis, aber auch für die Laienmusiker und -Sänger bedeutet, erklärt, die Musikermedizinerin Claudia Spahn im Interview mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt.

BT: Frau Professor Spahn, die Theater und Festivals des Landes dürfen wieder im kleinerem Rahmen Veranstaltungen anbieten. Die Philharmonie Baden-Baden will im Saal beginnen, das Theater mit Liederabenden im Freien. Haben Sie bei diesen angekündigten Neustarts ein ungutes Gefühl?
Claudia Spahn: Uns ist wichtig, dass man differenziert vorgeht. Diese Frage nach dem Risiko, wenn alle wieder singen und spielen, sollte aus unserer Sicht spezifisch betrachtet werden. Als Musikerin denke ich „Oh wie schön!“ Als Wissenschaftlerin und speziell in unserem Fach der Musikermedizin und der Musikergesundheit wünsche ich mir angesichts der Ansteckungsgefahr: „Da muss man genau hingucken!“ Wie sind die Verhältnisse? Was wird da gemacht? Um wen geht es? Deshalb haben wir jetzt ein Risikomanagement vorgeschlagen, und erläutern auf einem 30-seitigen Papier unsere Erkenntnisse zu diesem Thema differenziert.
BT: Was empfehlen Sie den Musikern generell?
Spahn: Wir raten dazu rauszugehen und draußen zu spielen. Natürlich ist wegen der Gefahr der Tröpfchenübertragung auch im Freien beim Singen und Musizieren aus unserer Sicht ein Abstand von zwei Metern wichtig. Draußen ist aber das Risiko wegen der Ansteckung durch Aerosole viel, viel geringer. Eine hundertprozentige Sicherheit aber gibt es nie im Leben.
BT: Ihre Erkenntnisse basieren auf einer Studie mit den Bamberger Symphonikern, die Ihr Institut vor einigen Wochen zusammen mit dem Orchester durchgeführt hat. Damals gingen Sie noch von größeren Abständen zwischen den einzelnen Musikergruppen, insbesondere den Bläsern, aus. Was genau wurde dabei gemessen?
Spahn: Die Untersuchung war schon relativ früh, am 5. Mai. Die Studie ging von den Bamberger Symphonikern aus. Sie hatten einen Ingenieur hinzugezogen, der mit uns zusammen alle Bläser im Kunstnebel spielen ließ, auch Sänger haben an dem Experiment teilgenommen. Wir haben bei den Blasinstrumenten untersucht, wie sich die Luft bewegt: am Schalltrichter, an den Klappen, und bei der Querflöte bei der Tonbildung an der Mundöffnung. Mittels eingesetzter Mess-Sonden konnten wir auch die Luftgeschwindigkeit durch das Blasinstrument und durch das Singen in verschiedenen Abständen messen. Dabei waren schon bei 1,50 Metern keine Luftbewegung mehr messbar. Unsere Empfehlung ist jetzt – eingerechnet eines gewissen Sicherheitsabstands – zwei Meter Abstand zur nächsten Person für die Bläser und für die Sänger. Man kann diese Abstandsregel für alle anderen Instrumente auch übernehmen.

„Aerosole schweben länger im Raum“

BT: Wie hoch wäre dann die Ansteckungsgefahr in den Orchestern?
Spahn: Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Die schwereren Tröpfchen, die das Virus übertragen können, fallen zu Boden. Da schützt der Abstand. Bei der Virusübertragung durch Aerosole sieht das anders aus: Das sind leichte Teilchen, kleiner als fünf Mikrometer, die im Raum schweben.
BT: Die halten sich dann länger in der Luft?
Spahn: Sie sammeln sich vor allem dann, wenn in einem Raum die Luft nicht ausgetauscht wird. Dadurch ist das Ansteckungsrisiko erhöht. Durch Lüften alle 15 Minuten oder durch eine Klimaanlage lässt sich das Risiko verringern.
BT: Die Blasmusikverbände und auch der Badische Chorverband signalisieren ihren Mitgliedern, da im Land nun wieder Veranstaltungsformate mit bis zu 100 Beteiligten möglich sind, bald wieder proben und auftreten zu können. Trotzdem sind die Laienmusiker natürlich verunsichert. Was empfehlen Sie ihnen?
Spahn: Auch hier empfehlen wir ein differenziertes Vorgehen, wie schon erläutert. Man muss die Blasinstrumente einzeln anschauen, denn die Tonproduktion ist unterschiedlich. Mit Ausnahme der Querflöte tritt bei den Blasinstrumenten bei guten Spielern keine Luft direkt aus dem Mund aus. Bei den Blechblasinstrumenten umschließen die Lippen das Mundstück. Bei den Holzblasinstrumenten hat man entweder Einfach- oder Doppelrohrblätter, die zum Schwingen gebracht werden. Bei der Blockflöte entsteht eine kleine Luftbewegung über dem Labium. Bei Oboe, Klarinette und Saxophon kann Luft auch aus den Klappenlöchern und aus dem Schalltrichter austreten. Direkt aus dem Mund tritt nur bei der Querflöte beim Ansatz Luft in die Umgebung aus.
Am Anfang wurden für Bläser generell aus Unkenntnis extreme Dinge empfohlen, zum Beispiel zwölf Meter Abstand. Das kam aber nicht von uns, sondern von der Unfallversicherung – und wurde jetzt zurückgenommen, weil sich diese großen Abstände durch Messungen als unnötig erwiesen haben.

„Einige Profichöre singen mit Maske“

BT: Welche Empfehlungen gelten für die Sänger, insbesondere die Laienchöre?
Spahn: In Chören gab es einige Ereignisse mit Ansteckungen. Das waren Fälle in geschlossenen Räumen, weshalb wir auch Chören empfehlen, im Freien zu singen. In Räumen sollte man sehr vorsichtig sein. Wir empfehlen Nasen-Mundschutz, Lüften alle 15 Minuten und Abstände von zwei Metern um die Sänger herum. Auf keinen Fall darf man mit Symptomen wie Fieber (auch leichtem!), Husten oder Schmeck- und Riechstörungen in die Chorprobe gehen. Besonders gefährdete Personen in hohem Alter mit Vorerkrankungen sollten vorsichtig sein.
BT: Geht Singen mit Maske?
Spahn: Ja, mein Kollege, Herr Professor Richter, der selbst ausgebildeter Sänger ist, hat es ausprobiert. Man kann damit singen, die ganz normalen Masken reichen ja auch aus. Es ist im Augenblick ein passageres Hilfsmittel. Wir kennen auch einige Chöre aus dem Profibereich, die das schon länger praktizieren. Sie hatten bei uns bereits frühzeitig angefragt, wie sie wieder proben könnten. Teilweise sind die Chöre selbst auf die Idee gekommen, und manche haben damit schon gute Erfahrungen gemacht.
BT: Was ist denn so viel riskanter beim Singen als beim Spielen eines Instruments?
Spahn: Die Aerosole, also die leichten Teilchen, kommen aus der Lunge und werden beim Singen direkt ausgeatmet. Die Luftbewegungen vor dem Mund sind beim Singen zwar kaum messbar, aber Aerosole können sich trotzdem verbreiten, ansammeln und wieder eingeatmet werden. Insofern können die Masken ein Schutz sein in beide Richtungen – beim Risiko andere anzustecken und für die eigene Person.

„Man muss bei Ansteckungsverdacht sehr konsequent sein“


BT: Wie gefährlich ist die musikalische Darbietung auf der Bühne fürs Publikum?
Spahn: Natürlich fehlen uns hier wissenschaftliche Untersuchungen. Es sind ähnliche Abstandsregeln vorgeschrieben wie sie auch im Supermarkt oder sonst gelten. Veranstalter müssen Hygienekonzepte für Konzerte oder andere Veranstaltungen einreichen. Es ist auch für die Politik nicht einfach, die vielen unterschiedlichen Situationen zu bedenken und zu regeln.
BT: Wie könnte man das Dilemma lösbarer machen?
Spahn: Wir haben in unserem Papier zum Risikomanagement eine Grafik, in der wir verschiedene risikoreduzierende Maßnahmen vorschlagen. Eine davon ist schon vorher zu fragen: Wer geht überhaupt in die Chorprobe? Ein wissenschaftliches Paper ist nun herausgekommen, das den Ausbruch der Covid-Erkrankung in einem Chor in den USA Anfang März analysiert. Die Infektionen in dem betroffenen Chor waren wahrscheinlich von einer infizierten Person ausgegangen, die dann noch zu der zweiten Chorprobe kam, obwohl sie schon Symptome hatte. Heute kennt jeder die typischen Symptome, dazu gehört zum Beispiel auch, dass man nicht mehr Riechen und Schmecken kann. Man muss sehr konsequent sein, auch wenn man nur leichte Zeichen des Unwohlseins hat, sollte man sicherheitshalber nicht in die Chorprobe gehen. Deswegen gehen unsere Überlegungen dahin, bei den Chormitgliedern vorher nochmal, vielleicht telefonisch oder mit einer App, abzuklären: Hatten Sie Kontakte zu Infizierten in den letzten fünf bis sechs Tagen? Oder waren verdächtige Leute dabei? Haben Sie jetzt wirklich keine Symptome? Bei uns im Uniklinikum befragen wir die Besucher, die zu ihren Angehörigen wollen, mehrfach.
BT: Insbesondere die Kirchenchöre, aber auch gemischte Chöre und Männerchöre haben viele ältere Sängerinnen und Sänger in ihren Reihen, die zu den Risikogruppen gehören. Was ist da zu beachten?
Spahn: Wenn ältere Personen mit mehreren Grunderkrankungen und Risikogruppen in den Chören mitsingen, muss man natürlich viel vorsichtiger sein. Es ist wichtig, dass man da wirklich aufpasst, und vielleicht nur raus ins Freie geht zum Proben. Wichtig ist auch, dass man keine stundenlangen Proben macht. Und auf das Drumherum genauso achtet. Denn am Ende passiert eine Ansteckung in den Pausen oder hinterher. Wenn man sich freut, wenn man jemanden lange nicht gesehen hat. Alle sozialen Kontakte tragen auch eine Ansteckungsgefahr in sich. Das ist traurig, wird uns aber wohl noch eine Weile begleiten.
BT: Und wenn es wieder zu einer Ansteckung komm?
Spahn: Wenn regional bekannt wird, dass wieder eine höhere Infektionsrate zu beobachten ist, ist es noch geratener, besonders aufzupassen. Auch muss man Infektions- und Erkrankungsrisiko unterscheiden. Die gefährdeten Älteren, die haben nicht nur ein Infektions-, sondern auch ein erhöhtes Erkrankungsrisiko.

Expertenrat am Uniklinikum Freiburg

BT: Insgesamt alles keine leichte Abwägungssache.
Spahn: Wir denken, dass wir mit der Corona-Pandemie am ehesten klarkommen, wenn wir in den einzelnen Situationen möglichst differenziert überlegen, was angeraten ist. Gerade auch im Laienmusikbereich. Zum Beispiel weiß man nicht genau, was bei dem jüngsten Vorfall in dieser Baptistengemeinde genau passiert ist, dass es wieder zu Ansteckungen kam. Es ist hinterher immer sehr schwierig, die Gründe für eine Ansteckung nachzuvollziehen. Im schlimmsten Fall kann es dann heißen, dass alles wieder gestoppt werden muss. Unser Rat ist deshalb: Differenzieren, um nichts Unvernünftiges zu riskieren, aber auch andererseits versuchen, was möglich ist.
BT: Forschen Sie momentan noch weiter?
Spahn: Ja, wir haben jetzt vor allem eine Arbeitsgruppe mit unterschiedlichen Fachrichtungen am Universitätsklinikum Freiburg gebildet, und es ist ein Vorteil, dass wir sowohl zur Hochschule für Musik als auch zum Universitätsklinikum Freiburg gehören. Wir haben hier Virologen und Hygieniker, die sich schon immer damit beschäftigen, wie Räume richtig gelüftet werden sollten. Damit Viren und Pilze, die auch sonst in der Luft vorkommen, nicht gefährlich werden. Diese Fachgebiete sind jetzt für uns wichtige Ansprechpartner. Genauso unser Anästhesiologe, weil er ein Atemspezialist und Intensivmediziner ist. Bei ihm werden die Covid-19-Patienten behandelt. Es ist jetzt sehr wichtig, dass wir alle kooperieren.

Homepage des Instituts für Musikermedizin am Uniklinikum Freiburg, Risikoeinschätzungen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.