Musikschule Gaggenau geht digitale Wege

Gaggenau (galu) – „Bauchschmerzen über Abmeldungen zum Ende des Schuljahrs“ hat Oliver Grote, Leiter der Musikschule Gaggenau. Mit Youtube-Videos will man nun neue Schüler anlocken.

Läutet den Gong für neue, digitale Wege bei der Musikschule Gaggenau: Musikschulleiter Oliver Grote. Foto: Lukas Gangl

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Läutet den Gong für neue, digitale Wege bei der Musikschule Gaggenau: Musikschulleiter Oliver Grote. Foto: Lukas Gangl

„Es ist uns als Kulturschaffenden unverständlich, warum wir als größte Branche in Europa so vernachlässigt werden“, klagt Musikschulleiter Oliver Grote. Dementsprechend hat man sich an der Schule für Musik und darstellende Kunst Gaggenau entschieden, neue Wege zu gehen. Digitale Wege, die auch nach Corona noch Bestand haben sollen.

Rund 14 Millionen Menschen in Deutschland machen hobbymäßig Musik. Das hatte eine Studie im Auftrag des Deutschen Musikrats ergeben. Außerdem wurde in einer weiteren Studie festgestellt, dass 2019 in der Kultur- und Kreativwirtschaft mehr Menschen erwerbstätig waren als beispielsweise in der Telekommunikationsbranche oder der Autoindustrie. Zusätzlich ist die Kulturwirtschaft durch die Pandemie europaweit stärker eingebrochen als die Tourismusbranche. Trotzdem liegt fast alles in der Kreativbranche – ob nun Hoch- oder Subkultur – auf Eis. Theater, Orchester, Konzerthäuser, ihnen allen sind die Hände gebunden.

Eine kleine Ausnahme bilden die Musikschulen. „Wir werden über einen Kamm geschoren mit den allgemeinbildenden Schulen“, erzählt Schulleiter Grote. Das sei einerseits vorteilhaft, da auch Musikschulen dadurch als systemrelevant gelten. Gerade sei es aber katastrophal: Denn die Bundesnotbremse mit Schulschließungen über einer Inzidenz von 165 Fällen pro 100.000 Einwohner zwingt dementsprechend auch die Musikschule zur Aussetzung des Präsenzunterrichts. Letztlich ist das jedoch das kleinere Übel, denn der Online-Unterricht läuft nahezu reibungslos, wie Grote berichtet – selbst der Ballettunterricht konnte erfolgreich auf ein digitales Format umgemünzt werden. 72 Prozent der Schülerinnen und Schüler nehmen das Angebot wahr, in einigen wenigen Fällen wird der Digitalunterricht von den Eltern oder dem Schüler abgelehnt oder ist schlicht nicht möglich. Die S-B-S-Fördermaßnahmen (Singen – Bewegen – Sprechen) in den Kindergärten können sogar in Präsenz stattfinden, da Kindertageseinrichtungen anderen Regelungen unterliegen.

Große Sorgen hat Grote jedoch im Hinblick auf die öffentliche Wahrnehmung und die Zukunft, sowohl der Musikschule als auch der gesamten Musikbranche. Denn wie kaum ein anderer Bereich ist die Kunst auf das Publikum angewiesen. Auf dessen Wohlwollen und Aufmerksamkeit. Doch genau diese Aufmerksamkeit, dieses Publikum, diese Wahrnehmung in der Öffentlichkeit fehlt aktuell. „Bauchschmerzen über Abmeldungen zum Ende des Schuljahrs“ hat Grote, denn bisher gab es noch keine neuen Anmeldungen. Für ihn auch völlig verständlich, denn: „Niemand meldet sich neu an einer Musikschule an, wenn er mit Online-Unterricht starten muss.“ Zumal es stellenweise auch schlicht nicht umsetzbar sei. Die Frage, die sich Grote stellt, ist dementsprechend ganz klar: „Wie groß wird die Delle im Bereich Musik sein?“

Um die besagte Delle möglich klein zu halten, möchte der Musikschulleiter zurück in die öffentliche Wahrnehmung rücken, sobald es wieder möglich und erlaubt ist. Dann soll es samstags einen kleinen Stand in der Fußgängerzone geben, mit kleinen Konzerten und Instrumentenvorstellungen für interessierten Nachwuchs. „Interesse für ein Instrument weckt man eben am besten in Präsenz“, findet Grote. So bekomme man ein besseres Gefühl für das Instrument, ansonsten fehle der haptische Aspekt.

Dem pflichtet auch Oberbürgermeister Christof Florus bei. Die „Angst, dass etwas wegbricht“ sei mittlerweile groß. Dementsprechend möchte die Stadtverwaltung gemeinsam mit der Musikschule das Kulturgeschehen am Leben erhalten. „Aktuell planen wir regelmäßig Auftritte, die dann aufgrund der Pandemielage wieder abgesagt werden müssen“, so das Stadtoberhaupt. Sobald die Zahlen sinken – Florus vermutet, dass es im Spätjahr soweit sein könnte –, muss die Musik wieder in die Öffentlichkeit kommen und für ein Publikum erfahrbar werden – ob nun in der Fußgängerzone, auf der klag-Bühne oder im Kur- oder Murgpark. Zustimmung hierfür gibt es auch von Gerd Pfrommer (SPD): Es sei unglaublich wichtig, dass man hier im Gespräch bleibt und Stadt und Musikschule gemeinsam „aus der Corona-Depri-Phase rauskommen so schnell es geht“.

Bis das möglich ist, möchte man die Aufmerksamkeit erst mal auf digitalem Weg erzeugen. Dafür hat die Musikschule nun einen eigenen Youtube-Kanal eingerichtet: 20 Videos sind dort bereits zu finden, weitere sind in Arbeit. Derzeit geht es vor allem um die Vorstellung der verschiedenen Lehrer und Instrumente. Die Idee von Gitarrenlehrer Gerald Sänger wurde im Kollegium gut angenommen, alle sind mit dabei, berichtet Grote. Außerdem sei man damit auch in einer Vorreiterstellung. Derzeit habe keine andere Musikschule der Region ein derartiges Konzept umgesetzt, mit Ausnahme des badischen Konservatoriums. Doch die unterhaltsamen Kurzfilme erfüllen noch einen weiteren Zweck: sie transportieren ein Stück weit die Persönlichkeit des jeweiligen Ausbilders, geben einen ersten Eindruck, was neue Schüler erwartet.

Auf eine positive Resonanz in der Öffentlichkeit hofft man nun in der Musikschule. Und vor allem auf Neuanmeldungen. Dementsprechend ist auch das Sekretariat der Schule zu den regulären Öffnungszeiten besetzt, damit sich Interessierte unter der Telefonnummer (07225) 4707 beraten lassen und einschreiben können.

Ihr Autor

BT-Volontär Lukas Gangl

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Erstellt:
29. April 2021, 14:01 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 24sec

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